Technische Innovationen in den Lebenswissenschaften

Technische Innovationen in den Lebenswissenschaften

Technik bedeutet Inklusion und Exklusion – es besteht ein ambivalentes Verhältnis. Für den Einzelnen kann die verbesserte Technik mehr Autonomie im Alltag bedeuten. Aber in Verbindung mit steigenden Kosten verhindert Technik auch Inklusion. Und: durch moderne Medizintechnik lassen sich Behinderungen im Sinne der modernen Leistungsethik immer besser ausgleichen oder ganz verhindern. Das Optimieren des als mängelbehaftet empfundenen Selbst verbindet sich mit dem weit verbreiteten Leistungsethos, unterstützt vom Bild des "quantified self" – es geht darum, sich zu messen und zu vergleichen. Führen idealisierte Rollenbilder und technologische Möglichkeiten zu einem gesellschaftlichen Zwang der Selbstoptimierung?

Folgende Themenaspekte will der Kongress in einzelnen Workshops weiter vertiefen:

Smartphones, Apps und Exoskelette – Renaissance der Prothetik?

Digitale Helfer auf dem Smartphone ermöglichen ungeahnte Autonomie, neue Materialien und Energiespeicher lassen greifbar werden, dass gelähmte Menschen wieder gehen können – und in der Pipeline ist noch mehr: zum Beispiel Neuro-Schnittstellen und Sensoren, die blinden Menschen rudimentäre Sehfähigkeit geben sollen. Einzelne sehen bereits das Potenzial neuer Schnittstellen zwischen Körper und Technik und verstehen sich selbstbewusst als die erste Generation technologisch optimierter Cyborgs. Welche Chancen und Nebenwirkungen bringen die vielen neuen Arten von „Prothesen“ mit sich? Was fördert Selbstbestimmung und was eher eine Anpassung an die Lebenskonzepte der Mehrheit? Wie denken Menschen mit Behinderung darüber?

Gendiagnostik und Big-Data-Analysen: Diskriminierung, Schicksal oder Optimierungschance?

Unsere Zeit ist geprägt von der Forschung, welche Bedeutung die individuelle genetische Ausstattung nicht nur für Krankheitsrisiken hat, sondern auch als Disposition für künftiges Verhalten und sogar spezifische Erfolgsaussichten im Leben. Der Einfluss von Umwelt und Gesellschaft auf den Menschen scheint dagegen eher aus dem Blickfeld zu geraten. Auch die statistische Analyse großer Datenmengen erlaubt mittlerweile Vorhersagen über das Verhalten jedes Einzelnen. Dabei wird es irgendwann nicht mehr um Kleinigkeiten gehen, sondern um wesentliche Weichenstellungen wie etwa Bildungschancen oder beruflichen Aufstieg. Was bedeutet es, wenn Menschen durch ihr Datenprofil bevorzugt oder benachteiligt werden können, ganz automatisch, unsichtbar und nach vermeintlich „objektiven“ Kriterien? Überwiegen insgesamt die Vorteile, weil jeder genau die Chancen erhält, für die er qualifiziert ist, unabhängig von seiner sozialen Herkunft? Oder werden wir damit zu Gefangenen unserer Gene und unserer Datenhistorie?

Selbstoptimierung im Kontext von Körperdaten und Biopolitik

Die Vernetzung und Digitalisierung der medizinischen Versorgung ist eines der großen Zukunftsprojekte der deutschen Politik. Auch hier gilt: Aus Körpern werden Daten und daraus gewissermaßen wieder Datenkörper, die ein Eigenleben annehmen können. Manche begrüßen diese Entwicklung enthusiastisch: "Life-logger" oder die „Quantified Self“-Bewegung erfassen ihre Körperfunktionen kontinuierlich, verwalten sie im Netz oder veröffentlichen sie sogar. Die Kontrolle über den Zukunftsmarkt der Medizindaten weckt derweil Begehrlichkeiten bei den großen Internetkonzernen wie Microsoft, Apple und Google. Was müssen wir jetzt schon darüber wissen? Wer wertet dabei eigentlich was und wen aus?

Über alle Workshops und Referentinnen und Referenten informieren wir Sie sukzessive in der Rubrik „Programm“.