Trendgespräch

Trendgespräch mit Cornelia Daheim von Z_punkt, Köln

Christina Marx von der Aktion Mensch sprach am ersten Kongresstag mit Cornelia Daheim, Geschäftsführerin der Trendforschungsagentur Z_punkt aus Köln über die Herausforderungen, die gesellschaftliche Megatrends wie Demografischer Wandel, Digitalisierung oder Individualisierung insbesondere für die Etablierung von inklusiven Prozessen darstellen.

Gesellschaftliche Megatrends: Wie wirken sie auf Inklusion?

Christina Marx mit Cornelia Daheim auf der Bühne

Christina Marx:
Wir haben uns als Aktion Mensch gemeinsam mit dem Trendforschungsinstitut Z_punkt aus Köln den Entwicklungsprozess hin zur Inklusion und die großen gesellschaftlichen Megatrends angeschaut, die uns in den nächsten Jahren beschäftigen werden. Und ich freue mich, dass Frau Cornelia Daheim heute bei uns ist. Sie ist Geschäftsführerin von z-punkt.
Frau Daheim, ist Trendforschung der Blick in die Glaskugel?

Cornelia Daheim:
Sie fangen gleich mit den schwierigen Fragen an. Die Glaskugel wollte ich Ihnen eigentlich mitbringen, aber sie war zu schwer. Die Kugel birgt allerdings auch Probleme, denn ganz viele Prognosen haben nicht funktioniert. Das liegt daran, dass die Glaskugel bildlich gesprochen uns selbst spiegelt. Wenn man in diese Glaskugel schaut, um zukünftige Entwicklungen vorherzusagen, dann spiegeln sich darin vor allem heutige Ängste und Hoffnungen. Das ergibt ein zu vereinfachtes Bild von Zukunft. Wir können die Zukunft nicht ganz genau prognostizieren, weil dazu viel zu viele komplexe Einflussfaktoren zusammenkommen.

Man kann aber einen anderen Ansatz wählen, bestehende Trends zu betrachten. Das haben wir gemeinsam gemacht. Frau Wacker hat uns in ihrer Keynote gezeigt, wie Wahrnehmung funktioniert. Wenn man zu viel gleichzeitig sieht, sieht man den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr. So versuchen wir in der komplexen Gegenwart durch Trends Wahrnehmung zu schaffen und zu strukturieren, damit wir die großen Entwicklungslinien sehen können. Das ist die Megatrendanalyse.
Die gibt es seit 1982 nach dem Buch von John Naisbitt. Damit haben wir hier auch gearbeitet. Wir haben Entwicklungen herausgearbeitet, die seit zehn, fünfzehn Jahre beobachtbar sind und von denen wir ausgehen können, dass sie in etwa so anhalten werden. Das wollten wir als Grundlage für die Diskussionen in die Panels geben.

Arbeitswelt von morgen

Christina Marx:
Wir haben uns vier große Trendfelder angeguckt: Arbeit, Bildung, Technologie und Gesellschaft. In den Panels wollen wir mit Ihnen diskutieren, welche Implikationen sie für Inklusion mit sich bringen. Die Arbeitswelt im Wandel: Gibt es aus Sicht der Trendforschung Gewinner und Verlierer? Wenn ja, welche sind das und warum?

Cornelia Daheim:
Das ist ein hochkomplexes Bild. Wir sprechen im Bereich Arbeit über ganz viele und sehr unterschiedliche Gruppen. Wenn wir das ein bisschen vereinfachen und die großen Linien auf den Punkt bringen, dann ist eine große Entwicklung in der Arbeitswelt die Polarisierung. Der Wettbewerb um einfachere Tätigkeiten wird härter. Das kann eine Inklusionshürde sein, die sich noch erhöhen kann.
Andererseits prägt die Automatisierung ganz stark die Arbeitswelt. Wie wird sie sich entwickeln?

Es gibt zum Beispiel eine aktuelle Studie der Oxford-Ökonomen Frey und Osborn: Sie haben sich in den USA 700 Berufsbilder angeschaut und herausgefunden, dass fast die Hälfte dieser Berufe innerhalb der nächsten zehn bis fünfzehn Jahre von Automatisierung erfasst und zum Teil auch ersetzt wird. Nicht alle werden komplett ersetzt werden. Aber der Trend geht in der Breite und betrifft alle Berufsbilder und alle Gruppen – vom Kranführer bis hin zum Kreditanalysten einer hochqualifizierten Tätigkeit.

Weiter geht's beim #zki2025 mit dem Thema "Arbeit & Unternehmensentwicklung" mit Cornelia Daheim. Die USA denken vor!

Cinderella Glücklich ‏@HappyZwitschert

Das ist heute schon sichtbar. Bei Forbes zum Beispiel, dem großen Wirtschaftsmagazin, werden zum Teil Artikel automatisiert geschrieben. Bots fassen Daten über Unternehmen zusammen und formulieren sie in Artikel. Der Redakteur geht nur noch einmal darüber. Das betrifft dort schon fünf Prozent der Artikel, an denen früher klassisch ein Journalist saß.

Orte und Wolken: Die Cloud

Christina Marx:
Das ist Automatisierung und mehr noch Digitalisierung. Arbeiten wir demnächst alle nur noch in der Cloud?

Cornelia Daheim:
Nicht alle und nicht immer. Ganz sicher ist die Digitalisierung ein ganz großer Treiber. Sie ermöglicht die Flexibilisierung von Arbeitsformen, was sicherlich ein sehr großes Thema werden wird. Wo Arbeit ortsungebundener wird, kann das dort eine Inklusionschance bedeuten.
Früher hat man vom „Normalarbeitsverhältnis“ gesprochen. Man macht eine Berufsausbildung, die auf einen Beruf vorbereitet. Diesen übt man bei einem Arbeitgeber aus. Es gibt einen festen Arbeitsbeginn und ein Arbeitsende. An einem Ort und mit bestimmten Kompetenzen. Das löst sich immer mehr auf. Arbeit wird flexibler, zum Teil durch die Digitalisierung und besagtes Arbeiten in der Cloud. Sie wird ortsungebundener. Das Phänomen Job sharing ist ein weiterer neuer Trend in der Arbeitswelt. Es werden zum Beispiel Führungspositionen geteilt werden, um den Bedürfnissen der Menschen mehr entgegenzukommen. Das Beispiel von Bosch ging gerade durch die Medien: Dort teilen sich zwei Frauen eine Führungsposition. Eine ist montags bis mittwochs im Büro, die andere mittwochs bis freitags. An den Tagen, an denen sie nicht da sind, arbeiten sie nur ein Stündchen von Zuhause aus. Das gibt allen die Möglichkeit, Arbeit anders zu gestalten, sicherlich auch Menschen mit Behinderung.

Mensch als Maschine

Christina Marx:
„Wer arbeitet wo und wie?“ wird im Panel Arbeit ein großes Thema sein. Joseph Hargraves wird dazu ein Impulsreferat halten. Das Thema Digitalisierung zieht sich durch alle Panels als Querschnittsthema. Auch Professor Kaufman hat es in seinem Vortrag gesagt: Es wird entscheidend sein, dass technische Hilfsmittel nicht nur nutzbar, sondern auch für alle zugänglich sind. Der Mensch als Maschine ist eine sehr polarisierende Frage. Was sind die großen Trendimplikationen im Bereich der Technologieentwicklung und kann die Trendforschung sie überhaupt beantworten?

Cornelia Daheim:
Nein, das können wir nicht klar beantworten, weil es eine von vielen Visionen ist. Wir werden in der Tat einen schnellen Fortschritt gerade in der Technologie sehen, der Mensch als Maschine ist eher eine der radikalen Visionen, die im Raum stehen. Die Transhumanisten sind ein Beispiel für eine Bewegung, die wirklich proklamieren, dass wir möglichst weit mit der Maschine verschmelzen sollten. Das stellt andererseits auch ethische Fragen. Die Grundfrage ist, wie weit wir uns wirklich perfektionieren wollen und wie diese Entwicklung ein Menschenbild vorantreibt, das an Perfektion ausgerichtet ist - immer besser, weiter und schneller. Damit wird ein erhöhter Druck in Richtung einer Normierung und Gleichartigkeit erzeugt, was wiederum für Inklusion nicht unbedingt positiv ist.
Demgegenüber stehen ganz andere Visionen und die Frage ist, für welche Richtung wir uns entscheiden. Wie gestalten wir die Zukunft? Es stellt sich die Frage der Handlungsmöglichkeiten.
Ein Beispiel für eine andere Vision ist Richard Rorty, der in Richtung Kommunitarismus geht. Neue Gemeinschaftsformen bauen auf einer Tauschkultur auf, die digital unterstützt wird. Das Bedingungslose Grundeinkommen ist ein Aspekt von Visionen, die Technologie anders nutzen.

Christina Marx mit Cornelia Daheim auf der Bühne

Vernetzung in allen Bereichen?

Christina Marx:
Ist Technologie wirklich für jeden zugänglich? Will eigentlich auch jeder die Technologie nutzen, die uns heute schon zur Verfügung steht? Das wird sicherlich im Panel „Technologie und Lebenswissenschaften“ diskutiert werden.
Es taucht auch immer wieder der Begriff Ubiquitäre Intelligenz auf. Heißt das, anders ausgedrückt, dass Vernetzung in Zukunft alles ist?

Cornelia Daheim:
Vernetzung ist sicherlich nicht alles, aber sie ist nahezu überall. Wenn wir in zehn Jahren vielleicht noch mal auf einem solchen Kongress nach vorne schauen, sagt mir vielleicht die Kaffeetasse am Buffet, dass ich lieber keinen Kaffee trinken sollte, weil ich schon so wach und angespannt bin, sondern stattdessen einen Kamillentee. Dann werden alle Objekte vernetzt sein.
Heute sind drei Milliarden Objekte weltweit vernetzt. In den nächsten fünf Jahren wird ein rapider Anstieg auf dreißig Milliarden prognostiziert. Vernetzung ist damit nicht alles, aber sie kann sehr viel ermöglichen und zwar in allen gesellschaftlichen Bereichen. Die Digitalisierung schlägt sich als ein Treiber auf alle Felder nieder, von der Gesellschaft über die soziale Kommunikation, Arbeit und Bildung.

Lernen: Spielerisch, flexibel und nicht ortsgebunden

Christina Marx:
Bildung ist ein gutes Stichwort. „Bildung und Persönlichkeitsentwicklung“ heißt ein großes Panel heute Nachmittag. Was macht Bildung in der Zukunft aus, ist eine spannende Frage. Auch hier spielt die Digitalisierung eine große Rolle. Wo sehen Sie als Trendforscherin heute schon die großen Entwicklungen und den größten Wandel?

Cornelia Daheim:
Im Bildungsbereich ist der Wandel fast allen bewusst, wenn wir uns anschauen, wie früher gelernt wurde. Parallel zu dem, wie wir das bei der Arbeit gesehen haben, entwickelt es sich weg von einem fixierten, an einen Ort und strikte Zeiten gebundenen Bild von Bildung, in dem ein fixes Bildungspensum absolviert wird. Es geht hin zu einem viel flexibleren, ortsungebundeneren Lernen.
Ein Beispiel dafür ist Bites heißt Learning: Lernen in kleinen Happen. Ein großer Wachstumsmarkt sind zum Beispiel Sprachlern-Apps. Das trifft einen Bedarf der Menschen, ihre Sprachfähigkeiten zur verbessern. Sie lernen in kleinen Portionen von zehn Minuten zwischendurch, wenn sie ein Smartphone oder ein Tablet dabei haben. Oder Lernen durch Gamification, was Herr Kaufman angesprochen hat, also Lernen durch Anreize. Es wird spielerisch gelernt und in kleinen Portionen in den Alltag eingebettet. Das findet im privaten Leben statt, wo Menschen das Bedürfnis haben, etwas für sich zu tun und die eigene Bildung voranzubringen. Es findet aber auch im Berufsleben statt. Automechanikern werden zum Beispiel technische Neuerungen mit Hilfe von Tablets beigebracht. Wenn ein Wagen mit neuen Funktionen kommt, finden sie auf dem Tablet einen Lehrfilm und einen Chat mit jemanden, der die Funktionen erklären kann. Es geht also weg vom Bild, dass man zu einer gewissen Zeit ein gewisses Pensum an festgelegten Kompetenzen, Wissen und Fähigkeiten aufnimmt, und hin zu einem ins Leben integrierten Lernen.

Christina Marx:
Das setzt voraus, dass mehr in die digitale Medienbildung investiert werden muss.

Cornelia Daheim:
Das ist eine Grundvoraussetzung. Hier wäre auch potentiell eine Teilhabehürde, beziehungsweise gilt es hier, den Zugang zu schaffen und zum Beispiel dort sicherzustellen, wo viel auf Apps und digitalen Möglichkeiten basiert, dass auch Menschen mit einer geistigen Behinderung einen Zugang haben und teilhaben können.

Demografischer Wandel

Christina Marx:
Last but not least, das größte übergreifende Thema zum Schluss: Wie verändert sich Gesellschaft? Welche übergreifenden Trends wirken auf Gesellschaft und welche Auswirkungen hat das auf Inklusion? Als wichtiges Stichwort fällt hier auch immer wieder der demografische Wandel. Müssen wir uns damit überhaupt noch beschäftigen?

Cornelia Daheim:
Ja, müssen wir, tut mir Leid. Das ist so ein klassischer Trend, bei dem viele Menschen in der Trendforschung sagen: „Ach, das kennen wir doch schon.“ Das nenne ich das Phänomen der Trendmüdigkeit. Es tritt ein, wenn man von Trends schon sehr viel gehört hat und meint, alles genau zu wissen. Das kennen wir und davon wir reden schon seit mindestens zehn Jahren. Die Demografen selber haben alles schon vor 30 Jahren gesagt. Aber die wichtige Frage, die es an der Stelle zu stellen gilt, lautet: Ist wirklich alles umgesetzt? Wir versuchen uns einen Überblick über die Entwicklung zu verschaffen, die im Umfeld von Inklusion eine Rolle spielen. Deshalb muss man auch bei den bekannten Trends überlegen, welche Veränderungen nötig werden. Die sind beim demografischen Wandel ganz klar noch nicht vollzogen. Die sozialen Sicherungssysteme sind noch nicht komplett umgestellt.
Auch neue Wohnformen sind noch nicht in der Fläche angekommen. Im Zusammenwirken mit Inklusion kann das ein neuer Treiber für Barrierefreiheit und neue Teilhabechancen sein. Im Jahr 2030 werden 37 Prozent in der Bevölkerung ältere Menschen über 65 Jahre sein. Heute sind es 21 Prozent. Uns steht eine radikale Veränderung bevor. Die Frage muss sein, ob wir wirklich alles in Handlung umgesetzt haben.

Stadt und Land

Christina Marx:
Welche Auswirkungen hat das? Was sehen wir heute schon im Verhältnis Stadt und Land? Urbanisierung wird in diesem Zusammenhang oft genannt.

Cornelia Daheim:
Das ist auch ein Aspekt der Demografie, den man gerne vergisst.
Eigentlich muss man sich das Phänomen viel differenzierter anschauen, weil dahinter ganz viele Einzeltrends stecken. Die Alterung liegt in einer höheren Lebenserwartung, einem besseren Gesundheitssystem sowie geringeren Geburtenraten begründet. Wir haben auch weniger Jugendliche. Das macht etwas mit der Gruppe der Jugendlichen, wenn ihr Anteil in der Gesellschaft immer kleiner wird. Wir haben einen zunehmenden Anteil an Migranten in der Gesellschaft.
Das Verhältnis Stadt und Land polarisiert sich zunehmend. Wir haben Regionen, die stark wachsen und in denen auch die Bevölkerung wächst. Demgegenüber stehen eher ländliche Regionen, die etwas abgelegen sind und in denen es wenig Arbeit gibt. Dort gibt es eine starke Abwanderung, deswegen leben dort überdurchschnittlich viel ältere und sehr viel weniger jüngere Menschen. Das ist ein räumlicher Aspekt, der für Infrastrukturen und für Mobilitätslösungen ganz neue Herausforderungen mit sich bringt.

Bürgerschaftliches Engagement

Christina Marx:
Das werden wir im Panel „Selbstbestimmtes Leben in sozialen Räumen und Beziehungen“ vertiefen. Einen letzten Aspekt möchte ich noch herausgreifen, weil er im Panel „Gesellschaft“ eine große Rolle spielen wird: Das bürgerschaftliche Engagement hat sich auch verändert. Wohin geht die Reise?

Cornelia Daheim:
Auch das ist eine Gestaltungsfrage. Zunächst noch zwei wichtige Aspekte. Einerseits aus der Sicht der Demografie: Es gibt ein immenses Potential in der wachsenden Gruppe älterer Menschen, die länger gesund und aktiv sind, sich in die Gesellschaft einbringen wollen und damit zunehmend für Engagement gewonnen werden können. Zum anderen die Frage der Differenzierung. Für die Gruppe der Jüngeren wird der Aspekt der Persönlichkeitsbildung immer wichtiger. Es gibt Studien zu Motiven für bürgerschaftliches Engagement. 30 Prozent der Engagierten ist es wichtig, neue Erfahrungen zu sammeln und Qualifikationen zu erwerben. Bei den Jugendlichen sind es sogar 50 Prozent. In dieser Gruppe gibt es eine viel höhere Motivation, die Persönlichkeit zu bilden und Qualifikationen zu erwerben. Das kann bedeuten, dass Engagement eine Chance werden kann, die Persönlichkeitsbildung voranzubringen - wenn es zum Beispiel digitaler wird und durch Apps oder ähnliches gestützt, wie man das am Beispiel von Betterplace sieht.

Christina Marx:
Vielen Dank bis hierher, Frau Daheim. Wir konnten die Themen natürlich nur anreißen. Der Input war vor allem als Impuls für die Panels gedacht, die nach dem Mittagessen stattfinden werden. In jedem Panelraum hängt eine sogenannte Trendmap, eine Trendlandkarte. Dort können Sie die einzelnen Trendfelder noch einmal nachlesen.