Keynote Prof. Dr. Elisabeth Wacker

Mit 50 hat man noch Träume... - Routen zur Teilhabe an der Gesellschaft

Portrait Elisabeth Wacker

ich möchte über eine Thematik reden, die immer gerne mit der Überschrift Inklusion adressiert wird. Was Inklusion wirklich heißt, da hat so mancher seine eigenen Vorstellungen, die man aus verschiedenen Perspektiven betrachten kann.

In den vergangenen Wochen war es wieder so weit: Am Himmel war Action. Tausende Kraniche zogen Richtung Süden, um in Spanien oder in Afrika zu überwintern. Sie kennen Routen, sie haben Routinen und sie wissen, wie man seinen Weg macht. Aber nicht allen gelingt es tatsächlich, den Kurs zu halten, und es gibt Irritationen. Manchmal bringen vermutlich elektromagnetische Strahlungen sie aus dem Tritt, genau weiß man das noch nicht.
Es lohnt sich, darüber nachzudenken, was Orientierung ist, wie man sich orientiert und was irritiert. Das sind wichtige Fragen für einen Zukunftskongress, der in die Zukunft denken und uns Hinweise für die kommenden Jahre geben will. Orientierung ist Teil der Zukunftsplanung. Die Aktion Mensch fragt mit diesem Kongress genau das. Damit fragt sie uns auch nach Leitlinien, die Ideen, Theorien und Kenntnisse zusammenbringen, sodass Orientierung gelingt. Denn auch mit 50 kann man noch Träume haben – und das 50-Jährige wird ja in diesem Jahr gefeiert. Diese Träume sollen nachhaltig zum Durchbruch kommen. Deshalb will man auch nicht einfach nur feiern, sondern auch vordenken. Und es ist gut, dass das hier getan wird.

Der Impuls „Inklusion 2025“ ist gesetzt. Aber das Kernthema Inklusion ist auch in doppelter Weise präsent: Einmal als Reaktion auf eine ununterbrochen geführte Debatte, andererseits als Aktion, als das Bemühen um Aufklärung, um für neue Handlungen, Aktionen fit zu sein.

Kursbuch zur Teilhabe mit Push- und Pull-Faktoren, Risiken und Chancen

Inklusion ist einerseits in aller Munde – in der Öffentlichkeit, in der Politik, in allen Szenen der Behindertenhilfe und natürlich auch bei den Menschen mit Behinderungserfahrungen. Wenn sie aber als Wegweisung taugen soll, dann ist es zweifellos höchste Zeit, auch an ein Kursbuch zur Teilhabe mit Push- und Pull-Faktoren, mit Risiken und Chancen zu denken. Und es ist gut, dass jetzt die passende Initiative ergriffen wird.
Wege findet man mithilfe von Navigation. An Land geht das recht gut, wenn man gute Karten hat. Wenn man in fremden Gegenden unterwegs ist, helfen Wegweiser. Aber auf hoher See oder in der Luft gibt es keine Beschilderung. Wellen, Strömungen und Stürme beeinflussen die Richtung. Daher muss die Position immer wieder neu bestimmt werden, um zu klären, ob man den Kurs hält. Hier helfen Gestirne und Fixpunkte, vielleicht auch Gerüche. Dies scheint hinreichend komplex auch für unsere Zukunftsfragen. Stellen wir uns also vor, der Kurs zur Inklusion liegt auf hoher See. Wir müssen die Position bestimmen, wir müssen Fixpunkte finden und unter allen Umständen Kurs halten, trotz Stürmen und Strömungen. Wir brauchen Monitoring. Das heißt, wir müssen reflektieren und dabei die Route zur Teilhabe suchen.
Der erste Punkt ist die Positionsbestimmung: Wo stehen wir in Sachen Inklusionsaufgaben in Deutschland? Diskurse über Tatsachen und Umstände eines gesellschaftlichen Drinnen und Draußen sind alltäglich. Im Zusammenhang mit Rehabilitation und Teilhabe leiten sie auf eine Grundfrage, nämlich wie der gesellschaftliche Auftrag an das Rehabilitationssystem eigentlich lautet. Geht es darum, Fürsorge und Versorgung bei Beeinträchtigung auch um den Preis von Exklusionsrisiken bereitzustellen? Oder geht es darum, Inklusion zu vermitteln, auch wenn dann zum Beispiel Sicherheitsrisiken nicht auszuschließen sind, die immer verbunden mit Autonomie auftreten.

Elisabeth Wacker am Rednerpult

Elisabeth Wacker am Rednerpult

Umgang mit Gleichheit und Verschiedenheit finden

Aber es gibt noch weitere Grundsatzfragen zu klären: Wer sind denn die Behinderten, die da gleichgestellt werden sollen? Sind sie tatsächlich eine einheitliche Sondergruppe oder geht es vielmehr darum, in einer Vielfaltsgesellschaft die Gerechtigkeit für alle zu definieren? Kurz und knapp lautet die Frage: Wie gehen wir eigentlich mit Gleichheit und Verschiedenheit um?
Meint, wie es die alten Römer schon formulierten, das „suum cuique“ – jedem das Gleiche, eine rechnerische Gerechtigkeit, die jedem und jeder das Gleiche zuteilt, zum Beispiel das gleiche Schulrecht für Jungen und Mädchen? Oder ist es gerecht, nach Verdiensten, also dem guten Willen, der aufgewendeten Mühe, bei unterschiedlichem Ergebnis zuzuteilen? Dies scheint uns moralisch gerecht, wird aber selten realisiert, wenn wir daran denken, dass sich Fähigkeiten und Fertigkeiten zum Beispiel nach Alter und Bildung unterscheiden.
Schließlich bleibt zu bedenken, ob die Leistung das gerechte Maß der Dinge ist. Dann wird, wer die beste Qualität, das heißt die höchste Stückzahl, die steilste Karriere vorweist, auf dem Siegerpodest stehen und vermutlich Provision erhalten. Hier sind Chancen aber zweifellos ungleich verteilt.
Eine vierte Perspektive wäre, nach Bedürfnissen abzuwägen. Dann wird zum Beispiel verschieden besteuert, wie es der Solidarität geschuldet ist, und jede und jeder ist gleichermaßen aufgefordert, zu leisten, was in der eigenen Macht steht. So will es die Subsidiarität.
Überholt erscheinen uns Gerechtigkeitsmaße wie der Rang, den man von Geburt hat. Das gibt es in aristokratischen Gesellschaften. Oder die Rasse, das ist in Systemen der Apartheid der Maßstab.
Aber wenn wir ehrlich sind: Zweifel entstehen bereits dann, wenn wir über eine Maut für Ausländer nachdenken – eine Mehrheit scheint geneigt – oder über höhere Preise für Touristen in Ländern des globalen Südens – eine Mehrheit scheint entschieden abgeneigt. So einfach ist das also nicht mit der Gerechtigkeit.
Was schreiben wir also in unser Kursbuch? Die Frage nach Maßstäben ist nicht geklärt. Sie ist sogar komplizierter, je differenzierter man über Behinderung nachdenkt. Nietzsche, der Skeptiker, meinte schon 1880: Jedem das Seine geben, das wäre Gerechtigkeit wollen und Chaos erreichen.
Ein gerechter Umgang mit Behinderung wird zum vielschichtigen Phänomen, wenn wir die Normalität menschlicher Verschiedenheit und Vielfalt mitbedenken. Ein Mensch ist eben nicht einfach eine Behinderte oder ein Behinderter, sondern sie oder er ist verschieden in Alter, Kultur, Fähigkeiten, Begabungen, Expertise, Erziehung, Bildung, Familienstand, Sprache, Zuordnung zu Mehrheiten oder Minderheiten, nationaler und ethnischer Zugehörigkeit, religiöser oder sexueller Orientierung und Lebenserfahrung – in sich und gleichzeitig davon geprägt. Das macht angemessene Vorkehrungen nicht weniger komplex, weil sie nach Bedarfen und Bedürfnissen fragen, wie es unser Gesetzgeber vorsieht. Der Teufel steckt im Detail.
Eine mögliche Spur bietet die Orientierung an Barrierefreiheit. Dies ist ohne jeden Zweifel eine wichtige, aber auch schlichte Formel, um sich die Wechselwirkungen von Funktionalitäten, Aktivitäten und Teilhabemöglichkeiten einer Person tatsächlich bewusst zu machen, in einem bio-psycho-sozialen Kaleidoskop von möglichen Behinderungen wegen bestehender Beeinträchtigungen. Nach diesen zu suchen ist aber geboten, denn wir sind ja auf hoher See unterwegs auf dem Weg zu Inklusion. Wir wissen, es gibt Gegenwind, Strömungen und Seegang.
Daher ist klar: Über die Frage nach den Maßstäben müssen wir uns in den nächsten zehn Jahren intensiv miteinander verständigen. Die schlichte Orientierung an Barrieren ist hilfreich, aber sie genügt nicht. Wir sollten Fixpunkte finden. Fixpunkte sind so etwas wie Sonne und Sterne. Sie sind sehr nützlich, wenn man seine Routen kennen will. Heutzutage gibt es sehr moderne Fixpunkte, die Satelliten. Sie blinken wie einst die Leuchttürme, und sie senden hochgradig präzise Orientierungshilfen. Das wünschen wir uns auch für unsere Seefahrt.

Fixpunkt Menschenrechte und UN-Konvention

Solche Leitsterne gibt es bereits: die Menschenrechte, insbesondere in der UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderung. Negative Auswirkungen auf Teilhabe am Leben in der Gesellschaft kommen in den Blick. Aber es geht im Kern nicht um Menschenrechte für Behinderte, sondern um die Ansprüche aller, die nicht zuerst einer bestimmten Merkmalsgruppe zugeordnet werden müssen. Eine Zuordnung erfolgt faktisch dennoch bei der Leistungsausgestaltung, wenn beispielsweise entschieden wird über Einschulung in die Förderschule Geistige Entwicklung, über eine Wohnheimaufnahme für Menschen mit körperlicher Beeinträchtigung oder über den Eintritt in ein Berufsförderungswerk für Blinde. Dies sollte uns zu denken geben und Ungleichheitsfragen und Ungleichheitsforschung auf den Plan rufen. Aus rechtlicher Perspektive sind wir eigentlich ganz klar verortet, nämlich in der Gemeinschaft aller Bürgerinnen und Bürger, denn niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden. Dies ist seit zwei Jahrzehnten explizit in Artikel 3 des Grundgesetzes festgeschrieben.
Eigentlich gibt es ganz gute Navigationssatelliten im deutschen Recht, die ununterbrochen ihre Signale senden. Leitsterne für Chancengleichheit, Selbstbestimmung und Nicht-Diskriminierung. Empowerment, Ermächtigungsstrategien können gelingen. Das aktive Abwenden ökonomischer, institutioneller, kultureller und räumlicher Ausgrenzung sowie die Förderung von Teilhabe sind möglich. Dazu tragen zum Beispiel seit 2002 das Behindertengleichstellungsgesetz als ein wichtiger Teil der Umsetzung des Benachteiligungsverbots bei, das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz von 2006, das Benachteiligungen aus Gründen der Rasse, der ethnischen Herkunft, des Geschlechts, der Religion, der Weltanschauung, einer Behinderung, des Alters oder der sexuellen Identität verhindern oder beseitigen soll, und natürlich die UN-Behindertenrechtskonvention (UN-BRK). Diese leuchtet derzeit in besonderem Glanz und vielleicht wird es noch in dieser Legislaturperiode eine neue am Sozialgesetzbuch (SGB) IX anknüpfende Teilhabegesetzgebung geben. Es sieht also so aus, dass wir als gute Deutsche unsere Satelliten als Navigationshilfen gesetzt haben. Mit der UN-BRK als Dynamo ist Inklusion zugleich im Prinzip als Aufgabe umrissen. Das wird aber noch eher als Vision und weniger als Zielorientierung verstanden.
Allgemeine Grundsätze für eine Ära der Teilhabeentwicklung sind in Artikel 3 UN-BRK identifiziert. Was aber in den verschiedenen Handlungsfeldern wie Bildung, Arbeit, Sport, Freizeit, Kultur konkret umgesetzt wird, ist einerseits auf dieser Grundlage zu reflektieren, andererseits aber noch auszuhandeln. Das werden wir auch heute und am morgigen Tag in den verschiedenen Panels versuchen.
Wir schreiben in unser Kursbuch Chancengleichheit, Selbstverwirklichung und Nicht-Diskriminierung. Dies ist zwar bekannt, bleibt aber oft ungenau, wenn es gilt, in der Praxis Kurs trotz Winden, Wellen und Strömungen zu halten. Ein Blick auf Umstände ist der Mühe wert. Ich versuche das zunächst technisch. Es ist eine Frage nach Ressourcen, wir können es Human Resource Approach nennen. Wo liegen die Kräfte verborgen, die Teilhabe am Leben in der Gesellschaft fördern, wo liegen sie brach, und wie kann man über sie verfügen?

ICF als Raster zur Positionsbestimmung

Über Gitterberechnungen werden Geschwindigkeiten, Beschleunigungen und Zeitfaktoren und auch Positionen eingeschätzt. Die gute Botschaft ist auch hier, dass bereits seit mehr als zehn Jahren ein etablierter Leitstern zur Erfassung sehr komplexer Zusammenhänge und ihrer Verflechtungen vorliegt. Mit der ICF, der „International Classification of Functioning, Disability and Health“, wird die systematische Suche nach Ressourcen möglich. Sie bietet im internationalen und nationalen Raum das Raster und den Standard, um Gesundheitsstatus, Handlungsspielräume und Teilhabebehinderung beziehungsweise soziale Beeinträchtigung einer Person auf individueller Ebene oder von Bevölkerungsgruppen auf gesellschaftlicher Ebene zu erfassen und zu beschreiben. Sie beleuchtet im Alltagsbezug die fließenden Grenzen zwischen Gesundheit und Behinderung und verdeutlicht die Breite der Beeinträchtigungserfahrung als Element des Menschseins. „Mainstreams the experience of disability and recognizes it as a universal human experience“. Das ist ein Zitat aus der UN-BRK, das Sie sicher kennen.
Ausgangspunkt ist eine generelle Sicht auf menschliche Fähigkeiten und deren Entfaltungszusammenhänge. Behinderung entsteht demnach mehrdimensional. Bedarfe und Bedürfnisse Einzelner sind im Bezug zu sehen, mit den verschiedenen Ausprägungen und Formen ihrer Beeinträchtigung. Körperstrukturen und -funktionen stehen zum Beispiel bei einer Sehschädigung im Bezug zu Aktivitäten wie Lesen, Sehen, Sich-Bewegen und Sich-Orientieren und der Teilhabe, also beispielsweise die Einbeziehung in den Gebrauch von Geräten, die Mobilität, die Kommunikation. Zugleich wird der Blick auf die Wechselwirkungen zwischen einer Person und ihrer Umwelt gelenkt. Das macht die Teilhabeerfahrungen und die Behinderungserfahrungen im Lebenslauf sowie die Chancen auf Zugehörigkeit und Zugehörigkeitsgefühl aus.
Die Routen zur Teilhabe an der Gesellschaft sind also über diese Positionsbestimmungen zu finden. Wir haben die Satelliten, die senden, um die Lage zu beschreiben. Wie können wir aber diese Orientierungspunkte verfeinern, konkretisieren und tatsächlich für unseren Alltag wirksam machen? Wir wissen bereits aus der Navigationslehre: Man benötigt vier Satelliten als Referenzpunkte, will man sich tatsächlich orientieren. Drei für die räumliche Bestimmung sowie eine vierte Referenz, um Unschärfen zu präzisieren. Wir kennen das aus unserem Navi im Auto. Er liefert permanent aktualisierte Informationen zur Ankunftszeit und zur Routengestaltung. Das ist Monitoring.

Elisabeth Wacker

Monitoring, um Wahrnehmung zu schärfen

Wir komplettieren das Kursbuch um eine weitere wichtige Aufgabe. Wir müssen wissen, wo wir aktuell stehen und wie es konkret weitergehen soll. Dazu brauchen wir dieses laufende Monitoring. Wie stellt man sich Monitoring vor? Monitoring ist etwas, was die Wahrnehmung schärft, wie beim Sehen. Wenn wir sehen, haben wir Objekte, Ereignisse, deren Lokation, deren Identifikation und deren Bewegung zunächst getrennt. Es ist ein ziemlich komplexer Vorgang beim Hören oder beim Sehen, wenn wir diese getrennten Elemente zusammenbringen wollen. Wenn wir etwas entdecken wollen, muss es sich vom Umfeld abheben, deshalb sehen wir auf diese differenzierte Art und Weise. Solche Strukturierungen machen Wahrnehmung überhaupt erst möglich. Andererseits kennen wir auch den Verlust von Wahrnehmungsstrukturen, etwa wenn wir im Nebel unterwegs sind. Dann verlieren wir die Orientierung und fühlen uns schwindelig. Unsere Umwelt verschwindet.
Damit uns so etwas nicht passiert, brauchen wir Merkpunkte, brauchen wir Klarheit, wir brauchen so etwas wie Orientierungslinien oder Markierungspfosten, dann kann die Wahrnehmung verschiedener Elemente gelingen – das Monitoring für unsere Gretchenfrage: Wo bitte geht es eigentlich zur Inklusion?
Über solch ein Monitoring können wir tatsächlich unser Kursbuch fertigstellen. Denn das Monitoring bietet die Verbindungen, um Vielfalt im Blick zu halten. Wir haben ja am Anfang verstanden, dass das, auf das wir schauen sollen, ziemlich differenziert und verschieden ist. Ein Link führt jeweils zu weiteren Verbindungen. Ein sehr plastisches Vielfaltsbeispiel ist der Artikel 19 in der Behindertenrechtskonvention. Dort geht es um Selbstbestimmung, um Teilhabe, aber auch um deren Anerkennung und Verwirklichung.

Wenn wir auf die traditionellen Statistiken auch der früheren Behindertenberichte auf Bundes-, Landes- und kommunaler Ebene schauen, dann stellen wir fest, dass das, was wir eigentlich suchen, dort gar nicht beschrieben wird. Wir lesen etwas über die Zahl der Eingliederungshilfeberechtigten, der Heimbewohner und Heimbewohnerinnen, der Sonderschülerinnen und Sonderschüler, aber wir lesen nichts über Einbeziehung oder Teilhabe. Kein Link, wie wir es aus dem Internet kennen. Wenn wir die Frage nach Teilhabe und Selbstbestimmung stellen, sind wir auf ein Loch im Netz gestoßen. Behinderung wird gemessen, aber nicht Teilhabe. Viele weitere solcher wichtigen Fragen sind offen.

Hier muss Abhilfe geschaffen werden. Wir brauchen die sozialen Aspekte, die bei Behinderung erfragt werden müssen, mindestens so sehr wie die medizinischen und pädagogischen Diagnosen, die in der Regel Dysfunktionen feststellen. Der 2013 erschienene neue Bundesteilhabebericht erkennt und benennt diesen wunden Punkt und berichtet viel über diese Löcher im Netz. Er ist Teil des Nationalen Aktionsplans der Bundesregierung und vermittelt ein neues Leitkonzept für den Aufbau von Teilhabeentwicklung. Er heißt eben nicht mehr Behindertenbericht, sondern Teilhabebericht. Damit tut er genau das, was getan werden muss, denn in Artikel 31 der UN-BRK steht, dass Beobachtung und laufende Berichterstattung für die Umsetzung dieser Behindertenrechtskonvention wichtig sind.
Teilhabechancen am Leben, in allen relevanten gesellschaftlichen Bereichen müssen zukünftig beschrieben, benannt und analysiert werden. Dann wird Behinderung in der Gesellschaft tatsächlich sichtbar. Wir sprechen nicht über wenige, sondern über etwa 20 Prozent der Bevölkerung, die mit einer Beeinträchtigung leben und bei denen konkret und differenziert nach Teilhabefeldern geprüft werden soll, welche Chancen sie konkret haben und welche Einschränkungen sie erfahren.

Exklusionsrisiken sichtbar machen

Wenn wir auf diese Art und Weise schauen, uns orientieren und unsere Wege planen, dann werden auch typische Risiken sichtbar. Wir erkennen Faktoren, die soziale Exklusion verhindern oder erhöhen. Das sind insbesondere Einkommen, Erwerbsstatus, die berufliche Qualifikation, das familiäre Umfeld, die Unterstützung, die man dort erfährt, die sozialen Netze, an denen man teilhaben kann, aber natürlich auch der Gesundheitszustand und die Chancen, relevant zu sein, selbst zu bestimmen. Denn ob tatsächlich Exklusionsrisiken bestehen, in welchem Umfang sie zum Tragen kommen und was dagegen zu unternehmen sein wird, kann auf diese Art und Weise aufgespürt werden. Das muss auch geschehen.

Das Kursbuch für Inklusion ist also jetzt konzipiert. Wir können loslegen. Wir sind auch verpflichtet, das zu tun, denn die UN-BRK erwartet in ihrer Präambel Mainstreaming of Disability, das heißt permanente Beobachtung. Wir haben hier eine Chance, tatsächlich die ständige Aufmerksamkeit auf Chancengerechtigkeit aller zu richten – und nicht, weil es gerade in Mode ist.

Kurs zur #Inklusion - sind wir auf dem richtigen #Weg? Lasst uns die #Position bestimmen! #zki2025 #wacker #oton

Dennis Fröhlen ‏@Froehlen

Ein Auftrag an uns alle

Aber an wen geht eigentlich dieser Auftrag? Natürlich geht er an die Bundesregierung. Sie hat ja auch damit begonnen. Er geht aber auch an die traditionellen Vertreter der Eingliederungshilfe und an alle, die in Selbstvertretungen organisiert sind. Er geht an die Behörden auf Bundes-, Landes- und kommunaler Ebene. Er geht an die Sozialgerichtsbarkeit, bei der man gelegentlich den Eindruck hat, dass das neue Denken über Behinderung noch gar nicht angekommen ist. Er geht an uns alle. Wir alle sind verpflichtet, hier die Aufmerksamkeit zu schärfen und einen Beitrag zu leisten.
Was erfordert die Zukunft? Wir müssen diese Routen auf hoher See finden. Das bedeutet gesellschaftlich betrachtet, ein Ganzes zu werden, Klammern zum Zusammenhalt zu finden und zu festigen, aber nicht in Form verordneter Inklusion, sondern aus freien Stücken und in Verschiedenheit. Denn Inklusion meint einen gesamtgesellschaftlichen Veränderungsprozess, der keine und keinen außen vor lässt. Wir können nicht einfach sagen, das soll man jetzt machen und dann ist es fertig, denn wir sind ja Teil dieser Aufgabe.
Aus der eingangs erklärten Positionsbestimmung haben wir die zentralen Punkte erfasst. Es geht um Gleichstellung, darum muss noch gerungen werden. Aber wir hoffen auf das Teilhabegesetz. Es geht darum, Ungleichheit auch tatsächlich sichtbar werden zu lassen, denn die Partizipationsrechte sind alternativlos.
Es geht darum, einen nicht einfachen Veränderungsprozess in auf Inklusion gerichteten Leistungssystemen voranzubringen. Unsere Leistungssysteme sind noch nicht so ausgestaltet, sondern sie sind sortierend und auf unterschiedliche Ausprägungen und Arten von Behinderungsarten bezogen.
Wir brauchen dafür ein Teilhabe-Monitoring, damit wir wissen, wie weit wir in diesen Prozessen vorangekommen sind. Wir brauchen die Teilhabeberichterstattung. Wir müssen mehr wissen in diesem sehr komplexen Gebilde der menschlichen Verschiedenheit und der Chancenentwicklung. Es ist absolut nicht in Ordnung, Menschen passend zu machen für Leistungen, nur weil diese Leistungen gerade vorgehalten werden. Wir wissen, dass wir Teilhabechancen erkennen und entwickeln wollen und müssen.

Wenn dieser Zukunftskongress eine Veränderung zur inklusiven Gesellschaft anstoßen und voranbringen will, dann werden Unterstützungsstrukturen und Kompetenzen notwendig, die Beeinträchtigung als Element der menschlichen Vielfalt verstehen, die Partizipation fördern und Diskriminierung wegen Verschiedenheit verhindern.
Das ist kein Weg, den man rückgängig machen kann, denn die Würfel sind bereits geworfen. Die Mission Inklusion kann karg und ziemlich langwierig werden. Aber das darf uns nicht wundern. Wir wissen, dass blühende Landschaften schneller versprochen sind als sie dann tatsächlich gedeihen.

Signale müssen von außen kommen

Denn Veränderungen erschüttern Bestehendes. Also fließen Investitionen bevorzugt in Systemerhaltung. Ich bin Soziologin und wir verstehen, dass Gesellschaft auf diese Art und Weise organisiert ist. Oft ist das auch hilfreich. Vor allem ist es aber gut, das in Betracht zu ziehen, wenn man in die Zukunft denkt. Denn es sollte uns darum gehen, passende Anstöße auch von außen zu geben, Signale aus der Umwelt, die wirken können. Solche Signale kann auch diese Tagung senden. Solche Signale sind wichtig, denn sie werden in bestehenden Systemen oft besser wahrgenommen, wenn sie von außen kommen.
Sie werden gesendet an die Gemeinwesen, an die Behindertenhilfe und an die Sozialhilfe. Dort müssen sie verarbeitet werden. Das ist keine leichte Aufgabe. Sie ist ungefähr so kompliziert und manchmal auch übergriffig und auch etwas schmerzhaft wie das berühmte Ei des Kolumbus.
Ich wollte gar nicht so besinnlich enden, sondern eher optimistisch, wie es sich für eine Zukunftsveranstaltung gehört. Auf der einen Seite habe ich erläutert, warum es etwas schwierig ist, über Inklusion nachzudenken. Auf der anderen Seite lässt sich sagen, es bleibt eben nicht alles beim Alten und es ist auch nicht alles beim Alten geblieben. Manches hat sich schon bewegt. Inklusion ist als Entwicklungsfaktor erkannt. Die Indikatoren für Teilhabe sind identifiziert, Leitsterne benannt. Ich habe Ihnen erläutert, in welcher Art und Weise. Eine bereits heterogene Gesellschaft beginnt sich als verschieden zu verstehen und öffnet sich für diese Vielfalt.

Es ist einerseits wahr, es gibt gute Signale. Andererseits ist die vollständige Zauberformel für die notwendigen Transformationen noch nicht gefunden. Es ist wichtig, richtig und notwendig, sich hier noch erheblich gemeinsam anzustrengen. Alle müssen dies tun, denn wir können uns nicht einfach in eine neue Welt beamen. Wir sind auf einem riskanten Weg, wir sind auf hoher See, und sie scheint gelegentlich wirklich rau. Aber wir kennen auch Wandler, wir sehen die anstehenden Aufgaben, und wir können uns – so wie beim Beamen – davon faszinieren lassen, über Teilhabeorientierung nachzudenken, eine Vielfaltssensibilität zu entwickeln und alle an der Selbstbestimmungsförderung mitzuarbeiten.

Glück auf!

Fazit von Prof. Wacker: Vollständige Zauberformel für die notwendigen Transformationen muss noch gefunden werden, Glück auf! #zki2025

Christine Skupsch ‏@iqberatung