Keynote Prof. Jonathan Kaufman

Behinderung neu denken: Eine neue Kultur der Inklusion für das 21. Jahrhundert

Portrait Jonathan Kaufman

Ich möchte mich bei der Aktion Mensch für die Einladung zu diesem besonderen Ereignis bedanken und freue mich, an ihrem 50-jährigen Jubiläum teilnehmen zu können! Ich fühle mich aufrichtig geehrt und geschmeichelt, denn ich bin gebeten worden, über den Stand der Inklusion von Menschen mit Behinderung heute und in der Zukunft zu sprechen. Ich wurde auch gefragt, wie mein Schicksal als behinderte Person meine Perspektive auf und mein Verständnis von Inklusion geprägt hat.
Beginnen wir mit einer einfachen Tatsache: Mit einer Behinderung zu leben, insbesondere mit zerebraler Kinderlähmung, ist der grundlegende und bestimmende Faktor meines Lebens. Aber vor allem sehe ich die Behinderung auch als meine größte Gabe – als ein Geschenk. Ich glaube tatsächlich, dass ich aufgrund meiner Behinderung nicht nur angespornt wurde, sondern auf der Reise meines Lebens auch deshalb Erfolg hatte.

Lassen Sie mich Ihnen eine Geschichte erzählen:

Oft werde ich gefragt, was bisher mein größter Erfolg gewesen sei. Häufig beziehen sich diese Fragen auf meine Beratertätigkeit für große Unternehmen oder meine Tätigkeit für die Vereinten Nationen oder das Weiße Haus, oder sogar auf meine Arbeit in Hollywood. Ich antworte immer: nichts davon! Mein größter Erfolg ist so einfach wie banal, dass ich meine eigenen Schuhe binden kann! Als ich acht Jahre alt war, habe ich an einem Pilotprojekt teilgenommen, in dem Kinder mit zerebraler Lähmung Ski fahren lernen sollten. Dort traf ich einen Jungen mit rechtsseitiger Hemiparese, ähnlich wie bei mir. Eines Tages bemerkte ich etwas Verblüffendes: Er hatte Schuhe mit Schnürsenkeln. Ich hatte bis dahin Schuhe mit Klettverschluss getragen und beobachtete völlig erstaunt, wie er seine Schuhe mit einer Hand schnürte. Damals war es das Größte, das ich jemals gesehen hatte! Ich lief sofort zu ihm und fragte ihn, ob er mir beibringen könne, wie man das macht. Er war sehr nett und zeigte mir Schritt für Schritt, wie es geht. Ich übte zwei Monate lang Tag und Nacht, bis ich es endlich schaffte, meine Schuhe mit nur einer Hand zu binden. Jetzt denken Sie vielleicht: Warum ist das so wichtig? Und was bedeutet es aus der Perspektive der Inklusion und (ebenso wichtig) der Selbstbestimmung?
Zu lernen, meine eigenen Schuhe zu binden, gab mir einen Eindruck davon, was es bedeuten würde, selbstverständlicher Teil der Welt der Nichtbehinderten zu sein. Es gab mir das Gefühl, dazuzugehören. Es gab mir den Glauben, dass alles möglich ist und wir uns mit harter Arbeit und Kreativität neue Möglichkeiten eröffnen können, die vorher als undenkbar galten. Und es gab mir die Motivation, daran zu arbeiten. Ganz davon abgesehen, haben sich mir auch völlig neue Optionen bei der Wahl der Schuhe erschlossen! Was für eine aufregende Zeit!
Ich bezeichne dies als meinen größten Erfolg, weil ich in diesem Moment die Gewissheit fand, dass ich viel umfassender am Leben teilhaben kann. Doch vor allem erfuhr ich dadurch etwas sehr Wichtiges: Ich lernte, dass man „seine Wunde zu seinem Bogen“ machen kann. Ich glaube, dass eine Behinderung tatsächlich keine Behinderung im Sinne der von uns gebräuchlichen Definition ist, sondern dass Behinderungen uns als Gesellschaft einen neuen Weg zeigen können, die Welt zu sehen, und eine völlig neue Weltsicht begründen können. Die Kraft der Aussage „seine Wunde zu seinem Bogen zu machen“ liegt darin, dass sie deutlich macht, welche enormen Auswirkungen es haben wird, wenn wir anfangen, Behinderung neu zu denken.

Jonathan Kaufman

Gerade aufgrund meiner Behinderung habe ich mir wertvolle Fähigkeiten angeeignet, wie Beharrlichkeit, das Lösen von Problemen und strategisches Denken. Diese Fähigkeiten ergaben sich wie von selbst, weil sie so entscheidend für meinen Alltag waren. Meine Wunde (oder Behinderung) ist in Wirklichkeit meine größte Gabe, die in unserer komplexen Welt von Vorteil sein kann. Indem ich gelernt habe, meine Schuhe mit einer Hand zu binden, wusste ich, dass ich klarkommen würde, was auch immer das Leben mit mir vorhaben würde.
Ich habe mich in meiner Arbeit auf die Idee „der Wunde und des Bogens“ konzentriert, weil ich fest davon überzeugt bin, dass es im digitalen Zeitalter des 21. Jahrhunderts einen Paradigmenwechsel in unserem Verständnis von Behinderung geben muss! Wenn wir wirklich vollständige Inklusion erreichen wollen, müssen Menschen mit Behinderung in jeder Hinsicht an der Gesellschaft teilhaben können. Einer der ersten Schritte, diese Veränderung zu erreichen und in die Realität umzusetzen, ist, nicht nur das Wertversprechen der Behindertenwelt zu veranschaulichen, sondern auch das der – wie ich sie nenne – „Lebenserfahrung Behinderung“. Es geht darum zu zeigen, wie diese zu größerer Inklusion in der Gesellschaft führen und ein Gewinn für die ganze Bandbreite von der Wirtschaft über die Bildung, Politik und darüber hinaus sein kann.
Als ich diese Idee vorantrieb, stellte ich bald fest, dass ich nicht der Einzige war, der das Denken über Behinderung im 21. Jahrhundert verändern wollte. Vor einigen Jahren führten zwei Professoren der Psychologie von der Universität Kalifornien in Los Angeles die Theorie der „wünschenswerten Schwierigkeiten“ ein, die erst kürzlich vom Bestsellerautor Malcolm Gladwell in seinem Buch „David und Goliath – Die Kunst, Übermächtige zu bezwingen“ breiten Kreisen zugänglich gemacht worden ist. Ähnlich wie meine Idee von „der Wunde und dem Bogen“ geht die Theorie der wünschenswerten Schwierigkeiten davon aus, dass Hindernisse zu vorteilhaften Ergebnissen führen können!

Wenn wir nun die nächsten Schritte gehen, um Behinderung im 21. Jahrhundert neu zu denken und zu definieren, müssen wir uns die Kraft der wünschenswerten Schwierigkeiten zu eigen machen und als neue Aufforderung zum Handeln für Menschen mit Behinderung verstehen. Ich finde, dass das Konzept der wünschenswerten Schwierigkeiten in der Praxis am besten bei großen Wirtschaftsführern zu beobachten ist. Sir Richard Branson von Virgin oder der Finanzier Charles Schwab – und viele weitere Persönlichkeiten aus dem Top-Management wie John Chambers von Cisco und Paul Orafela von Kinkos – haben öffentlich davon gesprochen, wie ihre Behinderung eine wichtige, positive Rolle gespielt hat. Sie alle haben sich ausführlich darüber geäußert, wie sie durch ihre Behinderung die Fähigkeiten und Techniken erworben haben, um im Geschäft erfolgreich zu sein. Branson wurde vor einigen Jahren in der „Washington Post“ damit zitiert, dass Dyslexie das Geheimnis zu seinem Erfolg und seine größte Stärke gewesen sei.
Ich finde, es ist wichtig, diese Idee einen Schritt weiter zu führen. Im digitalen Zeitalter, in dem die MINT-Berufe (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik) in der globalen Wirtschaft einen immer größeren Stellenwert erhalten, ist es ein entscheidender Faktor, durch das Prisma der wünschenswerten Schwierigkeiten zu blicken und die Möglichkeiten zu entdecken, die dieses Konzept behinderten Menschen bieten kann, und wie es am besten eingesetzt wird, um einen Wettbewerbsvorteil zu erlangen. Ein Blick in die Statistiken macht es deutlich.

  • Die Zahl der Menschen mit Behinderung übersteigt heute die Bevölkerungszahl Chinas.
  • In den USA leben 56 Millionen Menschen mit Behinderung; das sind 20 Prozent der gesamten US-amerikanischen Bevölkerung.
  • In der EU ist jeder sechste Mensch behindert; das sind 80 Millionen Menschen bzw. 15 Prozent der gesamten europäischen Bevölkerung.
  • Die Kaufkraft von behinderten Menschen ist gut belegt: Nach Aussage der Weltbank hat sie acht Billionen Dollar erreicht.

Warum ist das so wichtig? Es ist entscheidend zu verstehen, dass wir unseren Platz in der Welt neu definieren müssen, um Behinderung neu denken zu können. Und zwar über die Politik hinaus, um die Bedeutung aufzuzeigen, die wir in der sozialen und ökonomischen Welt unserer Zeit erlangen können. Dabei ist es unvermeidlich, dass wir möglicherweise in alte Stigmata der Vergangenheit zurückfallen – aber „wir“ in der erweiterten Behinderten-Community (und das schließt Familie und Freunde ein – wir sind nämlich inklusiv!) müssen an der Parole der Community festhalten: „Nichts über uns, ohne uns“.
Ich bin überzeugt, dass wir als Community:

  1. festlegen müssen, wie wir uns selbst definieren, (und)
  2. wie wir uns in der Öffentlichkeit zeigen – in unserer Gesamtheit.

Ich werde weiterhin ein strikter Befürworter der „wünschenswerten Schwierigkeiten“ sein und mich für ihre Relevanz einsetzen, weil sie den Weg öffnen, Behinderung neu zu denken. Und weil das Konzept darüber hinaus das Wertversprechen von Menschen mit Behinderung verdeutlicht, was eine neuartige Sogwirkung auf die Welt der Wirtschaft, Politik und darüber hinaus haben wird. Für eine Community, die aufgrund physischer, sozialer, kultureller und psychologischer Barrieren isoliert worden ist.

Jonathan Kaufman am Rednerpult

Eine große Frage, die mir häufig gestellt wird, lautet: Wie kann die Behinderten-Community ganz praktisch und wahrhaftig diese neue Definition ihrer eigenen Identität in der eigenen Hand behalten? Wir können uns alle äußerst glücklich schätzen, dass wir in eine Zeit geboren wurden, in der die Technologie uns neue Freiheiten ermöglicht, die es vorher nicht gab. Die sozialen Medien wie Facebook, Twitter, Instagram und viele weitere Plattformen haben völlig neue Kommunikationskanäle erschlossen. Und vor allem auch neue Wege der Kommunikation!
Die Macht ist zurück im Besitz der Einzelnen. Genauso wichtig: Die neuen Technologien ermöglichen es den Menschen, sich noch mehr sowohl in ihrer unmittelbaren Umgebung als auch in der weiten Welt zu engagieren. Menschen mit Behinderung müssen diese neuen Technologien aktiv nutzen und im Wesentlichen ihre eigenen Realitäten so gestalten, wie sie von ihrer Umgebung gesehen werden möchten, sowie ihre eigenen Themen und ihre Denkweise einbringen. Lasst uns unsere Geschichten gestalten!
Wir haben bereits erlebt, welche Macht die sozialen Medien haben, Botschaften zu vermitteln und oft sogar Bewegungen ins Leben zu rufen, wie kürzlich den Arabischen Frühling. Das digitale Zeitalter schafft sowohl neue Möglichkeiten als auch Herausforderungen, die entscheidend sind, um die nächsten Schritte zu gehen und Behinderung im 21. Jahrhundert neu zu denken. Für Menschen mit Behinderung ist die Technologie ein zweischneidiges Schwert, worauf ich etwas genauer eingehen möchte.

  • Sie eröffnet große Freiheiten (zum Beispiel Augmented Reality, neue Prothesen und Bewegungshilfen, Second Life – die Macht dieses digitalen Raums näher erklären etc.)
  • Wir dürfen aber trotz dieser tollen neuen Technologien, die uns neue Möglichkeiten eröffnen, nicht vergessen, dass wir als Community fordern und sicherstellen müssen, dass die Technologie selbst vollständig zugänglich und inklusiv ist, damit wir als Community weiterhin wachsen und vor allem an der Welt teilhaben können.
  • Es ist mir wichtig, an dieser Stelle etwas klarzustellen: Die Behinderten-Community hat die Entwicklung der digitalen Revolution von Anfang an stark geprägt – deshalb müssen wir unseren Platz darin auch weiterhin stärken und sichern.
  • Personen mit Behinderung müssen notwendigerweise kreativ sein. Neue Technologien entstehen aus den Bedürfnissen, die die „Lebenserfahrung Behinderung“ mit sich bringt. Ich kann diese Bühne nicht verlassen, ohne auf das Beispiel einer Technologie einzugehen, die so allgegenwärtig ist, dass die meisten jüngeren Menschen nicht verstehen, dass es ein Leben davor gegeben hat. Ich spreche von der SMS. Die Technologie stammt ursprünglich aus den 1970er Jahren und wurde von der Gehörlosen-Community entwickelt. Sie wurde mehrfach weiterentwickelt, zum Beispiel an Orten wie der Galludet-Universität in Washington D.C. (der ersten Universität für Gehörlose). Die Gehörlosen erkannten das Potenzial der Entwicklung von Fernschreibern oder Teletype-Geräten für ihre eigene Gemeinschaft. Sie wurden zu einer Revolution und Offenbarung für die inklusive Kommunikation. Jahre später ist die Technologie in der ganzen Welt angekommen und: peng! Überall wird gesimst!

Zuhörer im Plenum

Einen letzten Gedanken möchte ich noch mit Ihnen teilen, bevor Sie die Gelegenheit bekommen, Fragen zu stellen. Wenn von Diversity die Rede ist, war Behinderung bisher meist ein Randthema. Traditionelle Diversity-Modelle haben sich üblicherweise mit Rassen und Geschlechtern beschäftigt. Dieser Diskurs hat sich in den letzten zehn Jahren geöffnet – sogar explosionsartig. Diversity-Anhänger und vorausdenkende Führungskräfte haben das Spektrum erweitert und andere Minderheiten aus allen Bereichen einbezogen, was sich – wie ich finde – grundsätzlich positiv auswirkt.

Ich kann eines allerdings nicht genug betonen – ich habe meinen Kunden und Studierenden immer gesagt, dass die Behinderten-Community insofern einzigartig ist, als dass sie alle Rassen, Ethnien, Geschlechter, sozialen Klassen, sexuellen Orientierungen usw. umschließt. Im Gegensatz zu anderen Minderheiten ist sie die einzige Minderheitengruppe, von der jeder jederzeit ein Teil werden kann.

Ich bin der Meinung, dass Behinderung das Wesen von Diversity repräsentiert! Jede Gesellschaft braucht Menschen mit Behinderung. Wir müssen durch die Linse der „Lebenserfahrung Behinderung“ schauen, um zu entdecken, dass sie tatsächlich eine Grundlage schafft, die Menschen zusammenbringt (jeder Mensch kennt jemanden mit Behinderung – Freund, Familienmitglied usw. und wenn wir lang genug leben ... raten Sie mal). Sie bietet uns aber auch Einsichten, um innovative Lösungen für die Herausforderungen zu finden, denen wir alle gegenüberstehen!

Vielen Dank, dass ich heute zu Ihnen sprechen durfte!