Die technologische Transformation der Arbeitswelt

Session 5: „Die technologische Transformation der Arbeitswelt“

Olivier André Höbel

Referierende:
Prof. Dr. Wolfgang Coy, Professor der Informatik, arbeitet als Senior Advisor des Präsidiums der Humboldt-Universität zu Berlin
Olivier-André Höbel, Bezirksleiter der IG Metall Berlin-Brandenburg-Sachsen
Monika Villalba, Unternehmerin, Investorin und Mutter von drei Kindern und überzeugt davon, dass digitale Zusammenarbeit Inklusion fördert

Moderator:
Wolf-Christian Ulrich, Moderator des ZDF-morgenmagazins, der Reportage-Reihe „Ulrich protestiert!“ und des Doku-Talk-Formats „Geschichte treffen“ auf ZDFinfo

Coy: Arbeit verändert sich – und zwar rasant

Den Anfang dieser Session macht Prof. Wolfgang Coy. Er leitet seinen Vortrag mit der Feststellung ein, dass bei der Beschäftigung mit dem Thema Inklusion oft der Eindruck entstünde, als hätten wir es mit einem stabilen Arbeitssystem zu tun, in das Menschen, die bislang ausgeschlossen sind, nun zukünftig eingeschlossen werden sollen. Problem: Wir haben kein stabiles System, sondern ein ‚moving target‘. Die Arbeitswelt hat sich radikal verändert – und das nicht erst seit gestern. Wir sollen Inklusion umsetzen in einer Situation, wo die Zustände, die erreicht werden sollen, gar nicht mehr stabil sind. Im nachfolgenden Vortrag ruft Coy in Erinnerung, wie sich der Sektor Arbeit in den letzten 80 bis 100 Jahren verändert hat.

Die Entwicklung des Arbeitsmarktes

Anhand von Statistiken zeigt Coy, dass seit 1991 ein extremer Anstieg des Dienstleistungssektors zu verzeichnen ist: Das produzierende Gewerbe geht zurück, Fischerei sowie Land- und Forstwirtschaftsbereich verschwinden weitestgehend. Es sei zwar bedeutend, was diese Menschen machen, aber es ist ein nahezu verschwindender Arbeitsbereich. Wenn wir über Industriegesellschaft reden, also über das produzierende Gewerbe, Werkstätten etc. wird laut der Zahlen klar, dass wir uns nicht mehr in der Industriegesellschaft befinden. Auch die faszinierenden und keineswegs bedeutungslosen CNC-Werkstätten, von denen zuvor schon die Rede war, gehören zu einem schwindenden Bereich. Deutschland, als exportierender Industriestaat, verändert sich enorm. Was anstelle dessen wächst, sei der Dienstleistungsbereich – ein riesiger und sehr vielfältiger Bereich: Das können Rechtsanwälte, Fachärzte oder auch Currywurstverkäufer sein. Hier gibt es das volle Spektrum für alle akademischen und nichtakademischen Abschlüsse.
Digitalisierung der Arbeitsabläufe

Grund für dieses rasante Anwachsen des Dienstleistungsbereichs ist die Digitalisierung – Maschinen und Geräte und die damit verbundene Vernetzung. Büro-Computer im Alltag waren der große Einschnitt Ende der 1970er, Anfang der 1980er Jahre. Dennoch sind nicht die Endgeräte die technische Basis, sondern die digitale Infrastruktur, die dahintersteckt:

  • autonome Systeme,
  • vom Rechenzentrum zum Datenzentrum,
  • Internet,
  • Cloud,
  • Big Data,
  • Mobilfunk,
  • Social Media.

Was heißt das nun für die Arbeit? Welche Wandlungen ergeben sich daraus für diesen Bereich? Coy führt vier Hauptbereiche auf und nennt Veränderungen innerhalb dieser Bereiche:

Produktion:

  • Automatisierung
  • robotartige Produktion
  • maßgeschneiderte Massenproduktion

Handel:

  • Revolution des Versandhandels
  • extreme Ausweitung rechnergestützter Logistik

Finanzen:

  • totale Transparenz des Bankenverkehrs (Verkehrsdaten)
  • extreme Ausweitung des Finanzsektors
  • überforderte Bankenaufsicht

Kreativindustrien:

  • Medienproduktion und vieles andere: vom Praktikum zum Präkariat?

Arbeit befindet sich in einem Veränderungsprozess. Und diese radikal veränderte Arbeitswelt nun auch noch durch Inklusion zu erweitern, ist sehr viel schwerer, als es auf den ersten Blick scheint.
„Indirekte Arbeit“
Laut Coy erleben wir derzeit einen Großprozess, den er als „indirekte Arbeit“ bezeichnet: Weder körperliche noch geistige Arbeit sind primär, unser Arbeitsprozess sieht vollkommen anders aus als noch vor wenigen Jahren. Wir gehen wieder zurück in Richtung „Heimarbeit“, die heute „Home-office“ genannt wird. Coy bemerkt, dass diese Heimarbeit früher als Verlagsarbeit bekannt war: Man fertigte zu Hause und der Auftraggeber holte das Gefertigte ab. Danach entstanden die Fabriken, in denen produziert wurde, und nun gibt es wieder das Homeoffice.

Coy spricht hier von „Intrusion“ an Stelle von Inklusion: Der Arbeitsbereich dringt wieder in unsere Wohnungen.

Er fasst diese Entwicklung in fünf Punkten zusammen:

  • Outsourcing,
  • Scheinselbstständigkeit,
  • Verwischung von Arbeit und Freizeit,
  • Bring your own Device“ – jeder nutzt seinen eigenen Rechner,
  • Datenschutz und das private Leben („Freizeit“?) werden aufgelöst.

Abschließend bemerkt Coy, dass wir zum einen die sehr starke Infrastruktur haben, die wir kaum sehen. Zum anderen haben wir das Internet, das nach zwei Seiten hin wirkt: hin zur Infrastruktur und hin zu Arbeit, Wohnung und Körper. Für ihn bedeutet dies, dass wir eine Art „Intrusion“ haben, die nun mit der Inklusion zusammengebracht werden muss. Es ist aber ein sehr komplexes Vorhaben aufgrund dieser genannten Entwicklungen. Und es geht nicht nur darum, Arbeit für alle zugänglich zu machen, sondern um viel mehr.

Höbel: Industrie 4.0

Höbel bezeichnet die heutige Arbeitswelt zu Beginn seines Inputs als „Industrie 4.0“: Unterschiedliche Bauteile interagieren miteinander, um sich letztendlich so zu formieren, dass sie zu einem fertigen Automobil werden. Allumfassende Vernetzung werde bewirken, dass die Abfolgen von Produktionsprozessen noch stärker als bisher automatisch ablaufen.

Wer Vorurteile gegenüber Gewerkschaftern revidieren will, ist im #panel5 herzlich willkommen. Kritischer und fundierter Impuls. #zki2025

Sascha Stoltenow ‏@BendlerBlogger

Sessionteilnehmende

Was bedeutet diese Entwicklung nun für den einzelnen Arbeitnehmer? Die Stichworte Selbstentfaltung und -organisation sowie mehr Eigenverantwortung sind bereits bei Prof. Coy gefallen; Höbel ergänzt sie durch die Schlagworte partizipative Arbeitsgestaltung und lebenslanges Lernen. Es werden viele alternative Szenarien präsentiert und aus Sicht der Gewerkschaften wird zur Vorsicht gemahnt und betont, dass diese Zukunftsvorstellungen genauer betrachtet werden sollten.

Der Mensch steuert und beaufsichtigt

Höbel nennt als ein mögliches Szenario die radikale Automatisierung, bei der technische Systeme Menschen lenken und steuern. Aus Sicht der Gewerkschaften würde diese radikale Veränderung dazu führen, dass es kleine Gruppen von Hochqualifizierten gibt und es zu einer Abqualifizierung breiter Arbeitnehmerschichten kommt. Alternativ hierzu beschreibt Höbel ein Szenario, das er „bessere Arbeit“ nennt: Hier bleiben Menschen, trotz Nutzung von besserer Technologie, die Entscheider. Wie bereits Coy referierte, wird der Mensch immer weiter von der direkten Produktion zurücktreten und mehr steuernde und beaufsichtigende, kontrollierende Funktionen übernehmen.

Risiken von Industrie 4.0, vor denen seitens der Gewerkschaften gewarnt wird:

  • Arbeit als passives Element,
  • sehr technikzentriert,
  • mit mangelnden Handlungskompetenzen für die Beschäftigten,
  • hohes Stresspotenzial,
  • forcierte Arbeitszeitflexibilisierung,
  • prekäre Beschäftigung,
  • Leiharbeit, Dumpingstrategien etc.

Chancen:

  • Arbeit mit großen Handlungsspielräumen,
  • erweiterte Partizipation,
  • mehr Möglichkeiten zur Kommunikation,
  • andere Formen von Führung,
  • Möglichkeiten der nachhaltigen Beschäftigungssicherung,
  • andere Berufskarrieren etc.

Die genannten Chancen werden sich – so Höbel – nicht im Selbstlauf realisieren und daher ist aus Sicht der Gewerkschaften eine Einmischung wichtig. Die Entwicklung ist gestaltbar und sie muss gemeinsam gestaltet werden.

Individualisierung von Arbeit gestalten

Gerade die klassischen Angestelltenverhältnisse sind von den Umbrüchen sehr stark betroffen. Stichworte erwähnte bereits Coy: „Bring your own device“ und Homeoffice sind nur zwei von vielen erkennbaren Veränderungen. Das Bild vom „Click Worker“ hält Einzug, der sich über Internetplatt-formen Aufträge sucht. Arbeit wird hierdurch in zunehmendem Maße individualisiert. Gleichzeitig zu den negativen Folgen wie dem Verschwimmen von Lohn- und Ehrenamtsarbeit, Isolation, Verschwinden von kollektiv auftretenden Belegschaften etc. gibt es aber auch Chancen, wie die noch bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf, die Einsparung von Pendelkosten und hierdurch ebenfalls eine möglicherweise bessere Umweltverträglichkeit.

Bei der Frage nach Inklusion 2025 gibt es somit bestimmte Möglichkeiten: entweder Spaltung in Stamm- und Randbelegschaften oder aber der Verzicht auf prekäre Arbeitsverhältnisse, also die soziale Durchlässigkeit für alle Beschäftigten sichern. Dies bietet allen Beschäftigten die Chance auf Teilhabe und Qualifizierung. Beteiligung als Ressource und damit der Entgrenzung Grenzen setzen. Höbel weist darauf hin, dass Flexibilität von den Beschäftigten durchaus nicht abgelehnt wird – sie müsse aber gestaltet werden und die Menschen wollen Einfluss darauf haben, wie sie produzieren.

Podiumsdiskussion zwischen Monika Villalba und Olivier-André Höbel

Frau Villalba ist Unternehmerin, Investorin und Mutter von drei Kindern. Sie ist Geschäftsführerin eines Betriebes der Kunststoffindustrie in Düren und sagt, Zukunftsfähigkeit in der Produktion bedarf digitaler Zusammenarbeit. Diese digitale Zusammenarbeit fördert Inklusion.

Neue Einblicke durch Digitalisierung

Villalbas Unternehmen hat sich Flexibilität auf die Fahnen geschrieben und die Hinwendung zur Digitalisierung erfolgt zum Beispiel im Hinblick auf ihre Website und den IT-Bereich durch die Nutzung von Cloud-Anwendungen für das Projektmanagement und die Zusammenarbeit mit Start-up-Unternehmen. Hierdurch erreichte das Unternehmen ganz neue Einblicke, die die Firma (die sich im eher ländlichen Bereich befindet) sonst nie hätte machen können.

Im Produktionsbereich ist Flexibilität ebenfalls wichtig für das Unternehmen. Es gibt die ganz klassische Heimarbeit, es gibt Homeoffice-Plätze und die Firma hat eine Außenstelle in Berlin. Flexibilität ist für Frau Villalba deshalb wichtig, weil die Auslastung nicht mehr so ist wie es früher einmal war. Es ist nicht mehr so, dass das Unternehmen feste Geschäftsbeziehungen hat, die sicherstellen, dass sie jeden Tag eine bestimmte Menge zu einer bestimmten Zeit herstellen können. Heutzutage muss man sehr schnell eine bestimmte Anzahl einer bestimmten Ausführung zu einer bestimmten Zeit herstellen und dies „Just-in-Time“ ausliefern. Villalba berichtet, dass ihr Unternehmen zum Teil kleine Mengen herstellen müsse.

Heimarbeit wieder auf dem Vormarsch

Die Einstellung einer großen Stammbelegschaft ist für ihr Unternehmen kaum noch möglich und so werden für kleine Fertigungen Heimarbeiterinnen und Heimarbeiter herangezogen. Das Konzept kommt vielen von ihnen (Rentnern oder Eltern in Elternzeit, die nicht 38,5 Stunden arbeiten können) sehr gelegen. Diese Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer sind nicht durch einen Rollstuhl beeinträchtigt, sondern durch die Tatsache, dass sie kleine Kinder haben, die sie beaufsichtigen müssen, oder dass ältere Personen anstatt acht Stunden nur 2,5 Stunden pro Tag arbeiten können. Für Villalba sind diese Menschen die idealen Arbeitskräfte, weil sie mit ihren zwei Stunden Arbeitszeit pro Tag eine ganz andere Motivation zeigen als die Leute, die 38,5 Stunden in der Woche kommen und ihren festen Arbeitsplatz haben. Das Unternehmen hat 26 feste Beschäftigte, alle anderen (20 bis 30) sind flexibel einsetzbar. Digitalisierung spielt vor allem auch für Villalbas Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Homeoffice eine große Rolle: Sie sind durch die Cloud-Anwendungen des Betriebes immer auf dem Laufenden und das gesamte Projektmanagement ist für alle immer auf dem aktuellsten Stand einsehbar.

Auf die Frage, ob das die Zukunft der Arbeit mittelständischer Unternehmen ist, antwortet Höbel, dass dieses eine Entwicklung sei, die heute auch in anderen Bereichen festzustellen sei. Die großen Konzerne bildeten Zulieferpyramiden und Frau Villalbas Unternehmen stehe offenbar nicht an der ersten Stelle in dieser Pyramide. Entscheidend sind allerdings die Bedingungen, die dann für alle Beteiligten herrschen. Wenn der Rentner oder die Rentnerin in Heimarbeit produziert, weil er oder sie sich noch betätigen will, dann ist das für Höbel verständlich. Wenn es notwendig ist, weil die Rente nicht reicht, ist es ein gesellschaftspolitisches Problem. Bei den Eltern sei das ähnlich: Hier müsse gefragt werden, ob es eine entsprechende Kita-Versorgung vor Ort gibt oder warum „nur“ Heimarbeit möglich ist. Solche Fragen müssten von der Politik gelöst werden.

Bedeutung des Wandels für die Inklusionsförderung

Die Aktion Mensch ist als große Förderorganisation daran interessiert, Projekte zu fördern, bei denen Menschen mit Behinderung in die Arbeitswelt gebracht werden. Viele der Ausführungen des Panels deuten aber darauf hin, dass es diese Arbeitswelt gar nicht mehr gibt. Was folgt daraus?

Laut Höbel könne man die genannten Entwicklungen nicht so zugespitzt sehen: Nach wie vor gibt es Arbeit und nach wie vor würde die große Masse der Arbeitnehmer in diesen Bereichen bleiben. Die Frage, ob es hier Inklusion gibt, muss allerdings Tag für Tag verhandelt werden. Inklusion ist oft gar keine technologische, sondern eine betriebswirtschaftliche Frage, die dahintersteht, wenn keine Menschen mit Behinderung eingestellt werden. Und oft geht es bei der Frage nach Inklusion auch nicht nur um das Thema Behinderung, sondern um leistungsgeminderte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die aufgrund ihres Alters nicht mehr in ihren Berufen arbeiten können.
Diese Personen könnten durchaus in anderen Bereichen des Betriebes eingesetzt werden, nur komme dann das Controlling, das verkündet, dass es sich finanziell nicht rechne und somit aus betriebswirtschaftlicher Sicht nicht sinnvoll sei.

Zum Abschluss der Gesprächsrunde plädiert Monika Villalba dafür, im Sinne der Inklusion nicht mehr nur die Defizite zu betrachten, sondern gerade das in die Waagschale zu werfen, was man kann. Dabei spiele dann der Rollstuhl, die Behinderung oder das Alter keine Rolle mehr.