Inklusive Grenzen des technologischen Wandels

Session 3: „Inklusive Grenzen des technologischen Wandels“

Jörg Blumtritt mit einer Grafik zu Big Data

Referierende:
Jörg Blumtritt, Experte für Big Data und Gründer der Firma Datarella
Dr. Axel Wehmeier, Sprecher der Geschäftsführung der Deutschen Telekom Healthcare and Security Solutions GmbH (DTHS)

Moderator:
Wolf-Christian Ulrich, Moderator des ZDF-morgenmagazins, der Reportage-Reihe „Ulrich protestiert!“ und des Doku-Talk-Formats „Geschichte treffen“ auf ZDFinfo

In der letzten Session des Panels Technik geht es um die Grenzen von Inklusion. Erster Referent ist Jörg Blumtritt. Er beschäftigt sich mit den Grenzen von Technologie (als kulturelles Thema) und dem Thema Quantified Self.

Blumtritt: Grenzen der Technologie und Quantified Self

Blumtritt beginnt mit einem Zitat von Autor Neal Stephenson: “ ‘How many slums will we bulldoze to build the Information Superhighway?’ Kivistik said. […] ‘How many on-ramps will connect the world’s ghettos to the Information Superhighway.?’ ” (Neal Stephenson, Cryptonomicon)
Neal Stephenson macht sich hier über den Begriff „Information Superhighway“ als Metapher für das Internet lustig. Im Folgenden setzt sich Blumtritt mit der Frage auseinander, ob zukünftig alles zur normierten Datenautobahn wird. Die Grenzen des technologischen Wandels können technologischer Art sein. Diese Grenzen können überwunden werden – die Frage ist nur, ob wir das überhaupt wollen. Es geht hier also um ein moralisches Thema, das Blumtritt am Beispiel Quantified Self diskutieren wird.

Quantified Self (QS): Eine Annäherung

Quantified Self ist eine Bewegung, die 2008 von den Journalisten Gerry Wolf und Kevin Kelly (beide Redakteure der Zeitschrift „Wired“) initiiert wurde. Es geht hierbei um die grundlegende Frage der Philosophie: „Erkenne dich selbst“. Quantified Self ist, nach Blumtritt, eine mathematische Abstraktion unseres Lebens. So wie wir Dinge in der Natur sehen und in mathematische Objekte übersetzen, so vermessen und mathematisieren wir uns selbst. Self tracking. Die Zahlen, die generiert werden, sind zunächst eher nichtssagend – bis wir sie in einen Kontext setzen. Wir vergleichen unsere Messwerte mit denen von anderen, um zu verstehen, was passiert. Blumtritt bringt den Vergleich zur Familie: Kinder stellen sich an den Türrahmen und markieren ihre Größe, um ihre „Fortschritte“ zu dokumentieren und sich mit anderen zu vergleichen.

Was bedeutet Quantified Self (QS) im Alltag?

Quantified Self ist eine sehr große Bewegung, der viele chronisch kranke Menschen und Menschen mit Behinderung angehören. Menschen mit Depressionen betreiben zum Beispiel das sogenannte „Mood Tracking“, um frühzeitig zu erkennen, wenn ein Stimmungstief droht. Auch Teststreifenaus-wertungen zur eigenständigen Bestimmung von Stoffwechselwerten zählen hierzu. Hiermit kann man seinen Gesundheitszustand selbst zu Hause auswerten. Das ist besonders wichtig, wenn kein Labor in der Nähe ist, man seine Werte aber „unter Kontrolle“ behalten muss. Als besonders drastisches Beispiel für QS nennt Blumtritt die vollständige Auswertung des Erbgutes oder alternativ hierzu das Mikro-Biom, bei dem man die dem Menschen nahen Mikroorganismen kartographiert. Bei QS und Self Tracking finden viele Utensilien („gadgets“) Verwendung wie Armbänder, Uhren etc., mit denen Körperdaten aufgezeichnet werden. In manchen Betriebssystemen wie zum Beispiel Apples iPhone-Software, aber auch in anderen Systemen ist Self Tracking fest integriert. Blumtritts Firma ist Teil dieser Industrie.

Grundlegende Fragen klären

Blumtritt spricht auch ethische Fragen an, die diesem Geschäftszweig Grenzen setzen könnten. Gemeint ist damit nicht der Datenschutz, sondern die wirtschaftliche Auswertbarkeit von Daten: Wem gehören diese Daten? Gehören sie uns selbst, gehören sie einer Firma, die uns die Infrastruktur zur Verfügung stellt – selbst wenn diese Firma uns den Zugang zu diesen Daten ermöglicht? Oder gehören diese Daten der Gesellschaft, der wir selbst es ja verdanken, dass wir diese Infrastruktur nutzen? Genau das ist die moralische Debatte, die wir zum Thema QS führen sollten.

Was macht Self Tracking mit uns Menschen?

  1. Zum einen lernen wir etwas über uns selbst und wir können unser Leben zum Teil selber gestalten und uns mit anderen vergleichen. Es gibt aber auch die Gefahr, dass dies zum Zwang wird. Dass also die Gesellschaft (unsere Mitmenschen) von uns erwarten, unser Leben stärker selbst zu gestalten – Blumtritt nennt dies „Liberaler Fehlschluss“: Die Verantwortung, sich um Einzelne zu kümmern, die eigentlich der Gemeinschaft obliegt, wird ausgelagert.
  2. Es kommt zu einer Normierung und es stellt sich die Frage, was die Norm ist. Handelt es sich hierbei um den Durchschnitt?
  3. Mit QS-Tools organisieren wir uns, das heißt, die Gemeinschaft hat plötzlich die Möglichkeit, Fehlverhalten zu sanktionieren. Was zunächst negativ klingt, ist aber – so Blumtritt – in der heutigen Situation in einer Welt mit zehn Milliarden Menschen überlebensnotwendig. Er stellt die Frage, wie man sonst eine solche Menge an Menschen organisieren soll, damit es nicht zu einem Kollaps kommt. Die Messung der CO2-Werte („carbon footprint“) ist ein Beispiel dafür. Hiermit ist es möglich, einen hohen Druck aufzubauen. Im globalen Zusammenhang ist es gar nicht schlecht, darauf hinzuweisen, dass wir uns korrekt oder nicht korrekt verhalten.

Wir befinden uns in einer dialektischen Situation: Es gibt viele Risiken und auch Nachteile, die diese neuen Technologien mit sich bringen – aber eben auch enorm viele Chancen.

Wehmeier: Neue technische Produkte in Prozesse integrieren

Dr. Axel Wehmeier berichtet, dass die Telekom um die Jahrtausendwende ein Projekt startete, das sich mit der Kommunikation gehörloser Menschen beschäftigte. Er spricht in diesem Zusammenhang von einer „sehr guten lobbyistischen Leistung“, da das Thema Behinderung speziell im klassischen Telekom-Betrieb bis zu diesem Zeitpunkt kein Geschäft darstellte. Produkte lohnen sich für Konzerne wie die Telekom nur, wenn Millionen Anschlüsse erreicht werden können. Durch neue Technologien, durch Sensorik, Apps etc. können Produkte nun günstiger, leichter und vielfältiger bereitgestellt werden, als es bisher mit Telekommunikationsvernetzung der Fall war. Es gibt nun ganz andere Chancen, wenn Unternehmen durch die Nutzung von Apps – Wehmeier nennt es „App-Ologisierung“ – Menschen direkt und unmittelbar erreichen können. Hierfür benötigt man Infrastruktur, die wird es schätzungsweise in fünf Jahren in Form von breitbandigen Verbindungen in Deutschland geben.
Die Software ermöglicht es, modular zu arbeiten. Man bedient sich bestimmter Plattformen und bestimmter Anleitungen. Module zur Vernetzung, Kommunikation und zur Unterstützung von Gesundheit können viel günstiger bereitgestellt werden, als das für Telekommunikationsdienstleistungen im klassischen Sinne vorher der Fall war. Die Deutsche Telekom stellt hierfür in den regulierten Bereichen wie zum Beispiel Medizin-Plattformen bereit. Patienten müssen dann zum Teil nicht mehr engmaschige Kontrollen in der Klinik über sich ergehen lassen oder mehrmals im Quartal zum Bei-spiel beim Kardiologen vorstellig werden, sondern sie werden über eine Art Quantified-Self-Mechanismus stetig überwacht (Monitoring). In Zusammenarbeit mit der Hochschule der Künste gibt es zudem Projekte, die sich mit Oberflächen und Sturz-Sensorik befassen und die Kommunikations-Tools für Senioren und für Menschen mit Demenz planen. Dies kann – so Wehmeier – nur die Basisplattform sein. Eigentlich werden Menschen wie Blumtritt gebraucht, die mit ihren Unternehmen viel agiler arbeiten können, als das ein so großer Konzern wie es die Telekom kann.

Grenzen des Fortschritts

Die Grenzen liegen – so Wehmeier – beim Datenschutz. Fragt man heutzutage die Kliniken, wem die Daten gehören, so bekommt man die Antwort „selbstverständlich uns, in keinem Fall den Patienten“. Er selbst sieht das anders.

Eine weitere Grenze ist die Prozessintegration: Viele der neuen Produkte tun sich schwer, in den Pflegebereich hineinzukommen, weil sie nicht in die Arbeitsprozesse integriert sind. In den Kliniken gibt es bestimmte Abläufe und wenn es nicht möglich ist, mit diesen Technologien in diese Prozesse hineinzukommen, dann wird es bei zwei separaten Welten bleiben. Für Wehmeier ist es eine der ganz großen Herausforderungen, dieses Nebeneinander der Welten abzubauen. Laut Wehmeier gehören Ärztinnen und Ärzte zu der Gruppe, die Smartphones am meisten nutzt. Sie lehnen elektronische Gesundheitskarten jedoch ab, obwohl diese – aus Sicht Wehmeiers – aus Gründen des Datenschutzes eingeführt werden sollen. Grund: Viele Ärzte lehnen den Einsatz solcher Computersysteme in ihrer Praxis generell ab.

Alles eine Frage der Haltung

Eine dritte Grenze betrifft eine gewisse Haltung: Wenn man nicht mehr durch Regeln und soziale Normen gesteuert wird, wenn es diese sozialen Regeln der Kontrolle also nicht mehr gibt, muss man als Einzelne oder Einzelner eine Haltung entwickeln, wie man mit dieser Vielfalt der Möglichkeiten umgeht.
Auch die Pflegeberufe müssen sich viel stärker mit diesem Thema auseinandersetzen als bisher. Dies stellt eine bisher nie da gewesene Chance dar, auch international größere Communities und soziale Netzwerke zu bilden und Inklusion im Sinne von Teilhabe zu ermöglichen.

Referent und Zuhörer

Diskussionsrunde zwischen Blumtritt, Wehmeyer und dem Publikum

Inklusion heißt: Niemanden allein lassen

Bei aller Euphorie stellt sich die Frage, ob nicht ein enormer Druck die Folge ist, all das Genannte auch nutzen und umsetzen zu müssen. Blumtritt erläutert, dass dies genau der bereits erwähnte „liberale Fehlschluss“ sei: Wir akzeptieren, dass wir jemandem eine Uhr geben und dann erwarten, dass er oder sie pünktlich ist. Schenken wir aber jemandem eine Waage, wäre es arrogant zu glauben, dass er oder sie dann abnimmt. Das ist etwas, was heute sehr stark passiert: Man erwarte von Menschen, dass sie Verantwortung für sich übernehmen. Diese Autonomie sei ein Ziel unserer ethischen Normen. Wir wollen, dass Menschen autonom agieren. Wir dürfen aber nicht den Fehler machen, Menschen, die das nicht schaffen, allein zu lassen. Auch das ist lnklusion.

Moderator Ulrich fasst zusammen, dass Technik immer körpernäher wird. Der nationale Geheimdienst-Rat der USA hat vor einiger Zeit verkündet, dass bis 2030 Gehirnmaschinen-Schnittstellen bei Menschen für „supermenschliche Fähigkeiten“ sorgen werden, vor allem was die Seh- und Muskelkraft betrifft. Ist das nicht eher eine Bedrohung als ein Fortschritt?

Diskussionen um fortschrittliche Technologien führen – und gemeinsam gestalten

Wehmeyer bestätigt, dass derartige Ankündigungen besorgniserregend seien und es daher umso wichtiger sei, sich in die Diskussion mit einzuschalten. Es sei bisher eine Sache von Nerds, über Technik zu diskutieren. Die Frage nach dem sinnhaften „Wofür“ müsse von anderer Seite kommen. Er appelliert, dass sich gerade Menschen, die in sozialen Berufen und/oder humanwissenschaftlich tätig sind, viel stärker in diese Diskussion einbringen sollten. Es sei enorm wichtig, über Kultur und den Nutzen zu sprechen: Ist alles gut, was technisch machbar ist? Ein klares NEIN von Wehmeyer. Um es sozial relevant zu machen, müsse man eine kulturelle Diskussion darüber führen, wofür es gut ist – und man muss die Qualität sichern.

Blumtritt ergänzt, bereits heute gebe es Mensch-Maschine- beziehungsweise Hirn-Maschine-Schnittstellen in Form von Implantaten, zum Beispiel das Cochlea-Implantat für gehörlose und hörgeschädigte Menschen. Er bestätigt, dass eine Beschäftigung mit den Konsequenzen von Technik im Vorfeld wichtig sei, da grundlegende kulturelle Umwälzungen oft die Folge seien.

Inklusion als Kulturprogramm?

Könnte Inklusion diese Art „Kulturprogramm“ sein, mit dem technologische Innovationen im Vorfeld überprüft werden, oder ist das kaum möglich, weil das, was technisch machbar ist, sehr stark auf einer Skalierungslogik basiert, die in der Inklusionsdebatte abgelehnt wird?

Frage aus dem Publikum: Es scheint vielen, als wären es die guten Beispiele (wie die Menschen mit Cochlea-Implantaten), die attraktiv für die momentane Inklusions-Debatte sind, weil sie Beispiele für eine gelungene Mensch-Maschine-Schnittstelle darstellen. Somit besteht die Gefahr, dass die „ganz netten Behinderten“ einbezogen werden, andere aber nicht. Bauen wir mit dieser Form von Inklusion nicht eine neue Exklusion auf, weil wir uns dieser Skalierungslogik bedienen anstatt diese technischen Möglichkeiten zu nutzen, um eine Vielfaltslogik aufzubauen, die eben nicht nach dem Motto „The Winner takes it all“ funktioniert?

Blumtritt antwortet, dass es in ganz vielen Bereichen einen Wechsel von Aggregatsbetrachtungen gibt: wenn wir zum Beispiel dazu übergehen, nicht mehr über DIE BEHINDERTEN oder DIE GEHÖRLOSEN zu sprechen, sondern die Einzelnen betrachten. Er findet daher die Diskussion mit den Gewerkschaften sehr interessant, weil Gewerkschaften so funktionieren, dass Menschen sich als „sinnvoll zusammengefasst“ betrachten: Menschen sagen zum Beispiel, ich bin Gewerkschaftler – ich bin Metaller. Nimmt die angekündigte Individualisierung zu, wird das sehr schwer.

Das ist – laut Blumtritt – aber ein Prozess, der gar nicht technikgetrieben ist, sondern es ist ein rein soziokulturelles Thema, das enorm wichtig ist für die Zukunft. Für diese bedeutsame Frage gibt es aber noch keine Antwort. „Wir haben offensichtlich noch keinen Weg gefunden, diese Betrachtung der Menschen als Einzelne und nicht mehr als Masse moralisch zu fassen. Je mehr Menschen wir einbeziehen, umso härter wird es für die, die eben nicht einbezogen werden. Eine ganz wichtige Auf-gabe ist es, die Frage zu stellen, was mit diesen Menschen passiert, die nicht einbezogen werden. Das ist auch eine Diskussion, die erst beginnt.“

Wehmeyer ergänzt zur Frage der Skalierung, dass diese heute ganz anders erfolgt. Er erläutert dies anhand des Telefons: Früher musste von dem Anschluss aus der Wand bis hin zu dem, was beim Telekommunikationsanbieter in der Vermittlungsstelle stattfand, alles durchgehend produziert werden. Heute gibt es den großen Unterschied, dass ein Rechner nicht mehr unter dem Tisch stehen muss, sondern im riesigen Rechenzentrum. Dann kommen die Basisplattformen und dann die Applikation. Und solch eine Applikation zu basteln ist wesentlich günstiger als eine Telefonleitung in jedes Haus zu legen. Und: Es war noch nie so einfach wie heute, mit den Mitteln moderner Software Inklusions-Instrumente bereitzustellen. Er bringt das Beispiel Telemedizin: Die Versorgung von Epilepsie-Patienten zu Hause ist eine sehr wahrscheinliche Entwicklung. Es wird ihnen zukünftig möglich sein, im häuslichen Umfeld zu wohnen und nicht abgeschottet in Spezialkliniken zu bleiben. Das war vor zehn Jahren ein absolut utopisches Unterfangen und auch ökonomisch kaum machbar. Wehmeyer sieht bereits heute, dass es moderne Verfahren geben wird, Sensorik und Software miteinander zu verbinden. Das wird es wiederum ermöglichen, dass Menschen zum Beispiel mit Epilepsie, gut abgesichert und zu einem bezahlbaren Preis, im häuslichen Umfeld wohnen können.

Es stellt sich die Frage nach Kosten-Nutzen-Abwägungen, Ökonomisierung etc. Es wird immer suggeriert, man müsse alles können und mitmachen, was aktuell gerade möglich ist. Aus dem Publikum kommt die Anmerkung, dass es wichtiger wäre, in einer Gesellschaft zu leben, die genau auf solche Fragen inklusive Antworten liefert. Eine Gesellschaft, in der Menschen, die zum Beispiel gehörlos sind, nicht das Gefühl haben müssen, dass sie alles, was technisch möglich ist, letztendlich auch nutzen sollten. Ist es nicht gefährlich und der Inklusion hinderlich, wenn wir in einer Gesellschaft leben, in der alle immer besser und schöner sein wollen? Haben wir nicht die Verpflichtung, zu sagen, dass hier ein Riegel vorgeschoben werden muss?

Wehmeyer hierzu: Wir müssen natürlich die Sinnhoheit darüber haben. Die bekommt man aber nicht, indem man sich in sein eigenes Schneckenhaus zurückzieht und sagt, lass die Technikerinnen mal machen. Bei Technikern führe das genau dazu, dass nur die technische Machbarkeit im Vordergrund steht. Wir brauchen aber die Deutungs- und Gestaltungshoheit aus ganz anderen, politischen Kreisen, die diese Fragen erörtern, die wir mit reiner marktwirtschaftlicher Logik nicht lösen können.

Eine Fragestellerin findet bei der Diskussion, in der es um Themen oder Grenzen des technologischen Wandels geht, vor allem die kulturelle Dimension wichtig und verbesserungswürdig. Nötig sei eine aufgeschlossene Haltung gegenüber individuellen Lösungen. In der Forschung werde oft argumentiert, dass es keine ausreichend große Masse gebe, die diese Lösungen brauchen kann. Die Fragestellerin bemerkt, dass die „Gruppe der behinderten Menschen“ keine homogene Gruppe sei. Notwendig wäre eine viel offenere Haltung und die pragmatische Umsetzung von individuellen Lösungen.

Blumtritt hält das für einen ganz wichtigen Aspekt, auch gerade explizit bei der Frage, ob wir Verbote von Technologie brauchen. Das ist auch in dem Streit, den Enno Park – der sich aufgrund seines Cochlea-Implantats selbst als Cyborg bezeichnet – gerade mit den Vertreterinnen und Vertretern der Gebärdensprachkultur führt, immer wieder die Frage: Dürfen sich Menschen entscheiden, einen bestimmten Weg zu gehen, der den bisher anerkannten Weg infrage stellt? Gleiches gilt für Eltern, die für ihre Kinder entscheiden. Dafür fehle uns, aus Blumtritts Sicht, die Ethik. Wir sind momentan sehr stark damit beschäftigt, Menschen zu verurteilen, die nicht bereit sind, sich der Norm anzupassen. Das betrifft – so Blumtritt – nach seinem Gefühl sehr stark den Bereich Inklusion.