Inklusion durch Technik

Session 4: Inklusion durch Technik. Die neue Welt der digitalen Hilfsmittel

Teilnehmende diskutieren

Referierende:
Prof. Dr. Christian Bühler, Inhaber des Lehrstuhls für Rehabilitationstechnologie der Universität Dortmund und Leiter der Agentur Barrierefrei NRW am Forschungsinstitut Technologie und Behinderung der Evangelischen Stiftung Volmarstein (FTB)
Dr. Andreas Wiesner-Steiner, Mitarbeiter im Projekt iBaMs, Hochschule für Wirtschaft und Recht, Berlin, gemeinsam mit Helmut Knoop, Geschäftsführer CVJM Sozialwerk Wesermarsch
Tom Bieling, Design-Forscher, Interaction Designer und Autor, forscht am Design Research Lab der Universität der Künste, wo er das Forschungscluster „Social Innovation“ leitet. Seit 2011 Gastprofessor an der German University in Cairo (GUC). Aktives Gründungsmitglied des Design Research Networks und Initiator von Designabilities.org

Moderator:
Wolf-Christian Ulrich, Moderator des ZDF-morgenmagazins, der Reportage-Reihe „Ulrich protestiert!“ und des Doku-Talk-Formats „Geschichte treffen“ auf ZDFinfo

Bühler: Viel ist schon möglich – in dieser momentanen Zwischenphase

Prof. Christian Bühler beschäftigt sich in seinen Forschungen vor allem mit Möglichkeiten assistiver Techniken für alte Menschen und Menschen mit Behinderung. Laut Bühler liegt die Zukunft assistiver Technologien darin, dass sich die Hilfsmittel von alten und behinderten Menschen verändern – hin zu mehr Barrierefreiheit. Beispiel Blindenstock: Bislang waren Blindenleitsysteme in Bodenplatten eingebaut, aber leider nicht überall. Der Trend geht hin zum GPS-gesteuerten Blindenstock, der Signale empfängt und – ähnlich wie Navigations-Systeme im Auto – über den Stock weitergibt. Ein solcher Stock ist aber auch noch weiter „aufrüstbar“ und kann mit Sensorfunktionen und Warnfunktionen bestückt werden.

Individuelle Lösungen: Barrierefreiheit in persönlichen Geräten

Bühler nennt weitere bereits verfügbare Lösungen, auch für Smartphones. Wichtig sei, dass jeder Mensch sein individuelles Gerät/Tool hat, mit dem er sich auskennt und das so aufbereitet wird, dass die Nutzer damit umgehen können. Relativ wenig gibt es derzeit noch für Menschen mit psychischen Einschränkungen. Hier sieht Bühler ein großes Potenzial für die Forschung.

#Inklusion durch Technik, Prof Bühler: die Welt kann jetzt ganz anderes vermessen werden, z.B. Routenplanung ohne Schwellen #Panel5 #zki2025

Christine Skupsch ‏@iqberatung

Nur erste Zwischenschritte

Die bisher verfügbaren Systeme sind – laut Bühler – nur Zwischenschritte auf dem Weg hin zur Barrierefreiheit und gerade auch für Gebäudeeigner ein Hilfsmittel, Gebäude zu verbessern.
Die Felder Arbeit und Erinnern sind weitere Forschungsbereiche mit Potenzial. Bühler führt hier das Beispiel „Erinnerungshilfen“ an: Tablettenboxen, die nicht mehr per Hand befüllt werden müssen, sondern vom Apotheker per Knopfdruck bedient werden. Diese Boxen sind bereits erhältlich – was allerdings auch durch diese Boxen noch nicht möglich ist, ist die Kontrolle, ob das jeweilige Medikament auch ordnungsgemäß eingenommen wurde. Oder Trink-Erinnerungshilfen per Smartphone-App: eine ganz simple Geschichte, die allerdings sehr sinnvoll sind, gerade auch für ältere Menschen. Ähnliche Möglichkeiten gibt es auch beim Thema Gesichtserkennung, das im Falle von Menschen mit Demenz immer wichtiger wird. All das ist heute schon möglich. Bei diesen Systemen stelle sich, so Bühler, natürlich auch die Frage, wie sicher die dabei gesammelten Daten sind – das Thema Big Data spiele auch hier eine große Rolle.

Gehörlose Menschen nutzen bereits seit Längerem zusätzlich zur Gebärdensprache technische Möglichkeiten wie SMS oder Dienste wie zum Beispiel WhatsApp. Sie gehörten zu den Ersten, die diese Möglichkeiten voll ausschöpften. Auf Ämtern und Behörden werden zukünftig Avatare zum Einsatz kommen, sofern kein Gebärdensprachdolmetscher zugegen sein kann. Solche Systeme, die Gebärdensprache in Laut- oder Schriftsprache übersetzen können (und umgekehrt), sind in der Entwicklung. Die Forschung hierzu stehe zwar noch ganz am Anfang; sie habe aber – abgesehen von den gesellschaftspolitischen Problemen – ein großes Potenzial, so Bühler.

Klärung notwendig

Wer wird zukünftig diese Unterstützungssysteme in Auftrag geben, wenn die Technik immer mehr in die Hände der Nutzer gelangen soll? Bisher waren die Verkehrsbetriebe gesetzlich verpflichtet, auf diesen Bedarf zu reagieren und geeignete Systeme zu schaffen. Wenn zukünftig individuelle Lösungen auf den Markt drängen, stellt sich die Frage, wer diese Systeme zukünftig bereitstellen muss. Bühler merkt an, es sei im Interesse der jeweiligen Anbieter (also der Verkehrsbetriebe), solche Angebote zu machen und weiterzuentwickeln, damit ihre Dienstleistungen auch weiterhin genutzt werden. Zwischen allen Verkehrsverbünden gebe es auch jetzt schon die Überlegung, Angebote so zu normieren, dass sie untereinander vergleichbar und austauschbar sind.
Finanzierungsfragen

Eine weitere bislang ungeklärte, aber dennoch wichtige versorgungsrechtliche Frage betrifft die Finanzierung von Geräten, die die Nutzung der zuvor vorgestellten Systeme erst möglich machen. Sind diese Geräte Hilfsmittel oder Infrastruktur? Diese Frage ist – laut Bühler – derzeit noch nicht zufriedenstellend beantwortet, weil Gegenstände des alltäglichen Lebens (wie beispielsweise das Smartphone) von der Versorgung ausgeschlossen sind (Sozialgesetzbuch (SGB) V, Paragraf 33). Es sei, so Bühler, an der Zeit, dies zu überdenken. Auch gebe es immer mehr Privatleute, die aus unterschiedlichsten Gründen Tools zur Verfügung stellen. Sie handelten teilweise aus idealistischen oder aber auch wirtschaftlichen Gründen – oder weil es Spaß macht, Neues zu entwickeln. Dennoch darf man die öffentlichen Anbieter nicht aus der Pflicht entlassen, funktionierende barrierefreie Systeme anzubieten.

Dr. Andreas Wiesner-Steiner beim Vortrag

Wiesner-Steiner/Knoop:

In ihrem Vortrag berichten Holger Knoop und Dr. Andreas Wiesner-Steiner von der Entstehung eines Projektes, bei dem es um die Frage geht, wie die Steuerung von komplexen Maschinen so strukturiert werden kann, dass auch Menschen mit geistiger Behinderung sie steuern und bedienen können. Aktuell ist es so, dass Menschen mit geistiger Behinderung nur sehr begrenzt an solchen CNC-Maschinen mitarbeiten können. In der Metall- oder Holztechnik oder auch in Großküchen werden zwar solche Maschinen eingesetzt; aber komplexe Maschinen bauen auch komplexe Barrieren auf, sodass das, was die Menschen mit geistiger Behinderung dort machen können, sehr begrenzt ist.

Um hier eine Veränderung zu erreichen, wurde bei Recherchen festgestellt, dass es so gut wie keine Forschungen im Bereich Mensch-Technik-Interaktion bezogen auf Menschen mit geistiger Behinderung gibt. Knoop stellte, gemeinsam mit seinem Kollegen Wiesner-Steiner, einen Forschungsantrag mit dem Ziel, hier Abhilfe zu schaffen und mithilfe eines multiprofessionellen Teams (bestehend aus Technikern, Facharbeitern, Beschäftigten mit geistiger Behinderung, Designern, Wirtschaftsfachleuten, Soziologen etc.) als erste Maschine eine CNC-gesteuerte Portal-Fräsmaschine zu entwickeln.

Es gibt so gut wie keine Studien zu Menschen mit geistiger Behinderung und Technik/Internet. Mehr als schade. Potential! #zki2025 #panel5

mareicares ‏@Mareicares

Zuhörer bei der Session Inklusion durch Technik

Hierzu fanden Interviews mit den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern statt, es wurden Arbeitsprozesse beobachtet und begleitet und schließlich wurden mehrere Workshops und Usability-Tests durchgeführt, bei denen die Benutzerfreundlichkeit überprüft wurde.

Arbeitsmarkt wird durchlässiger

Laut Knoop befindet sich der Arbeitsmarkt speziell auch für Menschen mit Behinderung im Umbruch: Werkstätten wandeln sich, hierdurch wird der Arbeitsmarkt durchlässiger. Der wirtschaftliche Druck – auch für Werkstätten – wachse aufgrund technischer Innovationen. Bezogen auf Menschen mit geistiger Behinderung gebe es die Notwendigkeit der pädagogischen Anleitung durch Facharbeiterinnen und Facharbeiter, die mit dem breiten Spektrum an geistiger Behinderung und Einschränkung vertraut sind und umgehen können. Es bestehe die Gefahr, dass Arbeitsplätze aufgrund von Automatisierung letztlich wegfallen. Auch hiermit beschäftigte sich das Projekt von Knoop und Wiesner-Steiner.

Wiesner-Steiner weist darauf hin, dass es bei dem Projekt nicht nur um Inklusion geht, sondern auch um die Optimierung von Geschäftsprozessen – also um wirtschaftliche Interessen und Rationalisierung. Gleichzeitig ginge es aber gerade nicht um die „Wegrationalisierung“ von Menschen, sondern um deren Einbindung und die Steigerung von Leistungsfähigkeit, auch von Betreuungs- und Fachkräften. Es existiere zudem ein gewisses Marktpotenzial: 76 Prozent der bundesdeutschen Werkstätten haben eine Metallverarbeitung, davon 29 Prozent auf CNC-Maschinen. Wiesner-Steiner spricht von über 300.000 Beschäftigten in Werkstätten. Möglicherweise können die Ergebnisse auch adaptiert werden, zum Beispiel auf geringqualifizierte und leistungsgeminderte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Diese Technik, die im vorgestellten Projekt auf CNC-Maschinen bezogen ist, könne aber auch auf andere Maschinen und Technologien angewandt werden.

Bieling: Austausch zu sozialen Auswirkungen von Technik und Design

Zusammen mit Gesche Joost forscht Bieling in Berlin zum Thema „digitale Teilhabe“, genauer: der inklusiven Mensch-Technik-Interaktion. Bieling und Team gehen in ihrem Forschungsfeld von der Grundannahme aus, dass es einen grundsätzlichen Zusammenhang gibt zwischen Gestaltung und dem, was man im weitesten Sinne als Behinderung bezeichnet (Design & Disabilities). Um uns herum, in unserem Alltag ist alles gestaltet. Und je nachdem, wie gut oder wie schlecht Dinge gestaltet sind, kann es sein, dass Menschen, die diese Dinge nutzen möchten oder müssen, sich permanent von diesen Dingen behindert fühlen. Als klassisches Beispiel führt er Treppen ohne Rampen an. Die Konstruktion und Bauweise der Treppe ist dafür verantwortlich, wie behindert sich beispielsweise eine Rollstuhlfahrerin fühlt.

Distanzen überbrücken

Bieling stellt sein Projekt vor, das partizipativ angelegt ist: Bevor das Forschungsvorhaben startet, setzt man sich mit der Zielgruppe zusammen und mit deren Sichtweise und Lebensalltag auseinander. Im Zuge dessen ist Bieling mit dem Phänomen der Taubblindheit in Berührung gekommen: Taubblinde Menschen können weder sehen noch hören. Eine Kommunikation mit der Außenwelt sowie der Zugang zu Informationen sind für diese Menschen nur unter sehr erschwerten Bedingungen möglich.

Für Taubblinde gibt es verschiedene Möglichkeiten der Kommunikation, eine davon ist das sogenannte Lorm-Alphabet, ein Tastalphabet, das über die Handfläche funktioniert: Auf der Handfläche ist ein virtuelles Buchstaben-Mapping angelegt und je nachdem, wo auf der Fläche die taubblinde Person berührt wird, weiß sie, was mitgeteilt werden soll. Das Verfahren wurde vor ca. 150 Jahren von Hieronymus Lorm entwickelt. Das Problem dabei ist allerdings, dass diese Art der Kommunikation nur funktionieren kann, wenn beide Gesprächspartner das Lorm-Alphabet auch adäquat beherrschen – was im Alltag nicht sehr häufig der Fall ist (häufig sind es nur Verwandte und Betreuungspersonen, die sich dieses Alphabet angeeignet haben). Auch müssen die Gesprächspartner bislang physisch anwesend sein. Das Kommunikationsmittel Lormen funktioniert aktuell also nicht über Distanzen hinweg.

Genau an diesen Barrieren setzt das Projekt von Bieling an. Es wurde ein tragbarer Handschuh mit einer sensorischen Fläche entwickelt und der taubblinde Mensch kann sich selbst in die Hand hinein lormen. Der Lorm-Text wird über Sensoren erfasst, digitalisiert und kann dann über SMS oder E-Mail verschickt werden. Das Ganze funktioniert auch umgekehrt: Eingehende Nachrichten können vom taubblinden Menschen taktil erfahren und über Vibration erspürt werden.

@tombieling erklärt, wie er selbst von seiner Arbeit mit taubblinden Menschen profitiert hat. Win-win! #zki2025

mareicares ‏@Mareicares

Neue Möglichkeiten der Kommunikation

Hierdurch werden für alle Beteiligten ganz neue Möglichkeiten der Kommunikation möglich und mehrere Menschen können nun gleichzeitig miteinander kommunizieren. Derzeit gibt es nur diesen einen Prototypen des Lorm-Handschuhs. Die Einladung zur ersten Protest-Demo der Taubblinden Menschen in Deutschland einige Monate zuvor führte dazu, dass sich das Team um Bieling die Frage stellte, was bei einer Demonstration nötig wäre, damit sich die taubblinden Menschen artikulieren und verständigen und möglichst viele Menschen mit ihrem Anliegen erreichen können. Als Ergebnis stellt Bieling die Lorm-Hand vor: Hierbei handelt es sich um die Nachbildung einer Hand, mit Sensoren ausgestattet und mit den sozialen Netzwerken wie Twitter oder Facebook verbunden. Somit sind die Nutzer in der Lage, mittels Lorm-Alphabet mit einer unendlich großen Gruppe wie der Netz-Community, die eben nicht physisch bei der Demo anwesend sein muss, zu kommunizieren und ihr Anliegen mitzuteilen.

Taubblinde Menschen in Deutschland

Bieling merkt an, dass es sich bei der Gruppe der Taubblinden in Deutschland um eine sehr kleine Gruppe von ca. 3.000 bis 6.000 Personen handelt (nimmt man die hör- und sehbehinderten Menschen hinzu, dann sind es ca. 10.000 Personen, von denen aber nicht alle das Lorm-Alphabet beherrschen, da es noch andere Möglichkeiten der Kommunikation gibt).

Es besteht die Möglichkeit, mittels einer technischen und gestalterischen Intervention dabei behilflich zu sein, diesen Menschen ein weitestgehend selbstbestimmtes Leben zu ermöglichen und ihnen den Zugang zu sozialen Netzwerken zu ebnen. Als Entwicklerin könne man von dieser Arbeit sehr viel lernen. Als Designforscher ist Bieling an den sozialen Auswirkungen von Technik und Design sehr interessiert und begrüßt den interdisziplinären Austausch auf dem Zukunftskongress sehr.

Protest mit @LormHand - faszinierender Vortrag von Tom Bieling #zki2025 #panel5

WolfChristian Ulrich ‏@wc_ulrich