Fremdsteuerung oder Selbstbestimmung

Session 2: Fremdsteuerung oder Selbstbestimmung – die „digitalreale“ Welt von morgen

Moderator Wolf-Christian Ulrich

Referierende:
Jörg Blumtritt, Experte für Big Data und Gründer der Firma Datarella
Jun.-Prof. Dr.-Ing. Delphine Christin, Institut für Informatik der Universität Bonn

Moderator:
Wolf-Christian Ulrich, Moderator des ZDF-morgenmagazins, der Reportage-Reihe „Ulrich protestiert!“ und des Doku-Talk-Formats „Geschichte treffen“ auf ZDFinfo

Blumtritt: Technik – mit dem Körper verwoben
Jörg Blumtritt ordnet in seinem Impulsvortrag zunächst den Begriff „Big Data“ ein: Als Schlagwort hatte „Big Data“ seinen Aufstieg vor rund fünf Jahren. Man bezeichnet damit die dritte große Welle von IT-Technologie, die unser Alltagsleben bestimmt. In Stufe 1 begann vor ca. 20 Jahren mit dem World Wide Web (WWW) die direkte Vernetzung von Personen über E-Mail sowie die direkte Kommunikation von Firmen über Websites. Zehn Jahre später dann der Beginn der zweiten Stufe: Social-Media-Dienste (Facebook, Twitter, WhatsApp etc.) und die Entstehung von Communities. Wiederum zehn Jahre später: Big Data. Diese dritte Stufe ist eng verknüpft mit Social-Media-Diensten, da zum Beispiel durch Google, Twitter oder Facebook täglich unglaublich viele Daten generiert werden, die wiederum auch gespeichert werden. Plötzlich gibt es mehr Informationen als eine Organisation verarbeiten kann – so jedenfalls die „Big Data“-Definition von Jeff Jonas (IBM).
Big Data und Inklusion

Da dies die Art und Weise verändert, wie wir untereinander kommunizieren und Dinge in unser Leben einbinden, hat Big Data ganz wesentlich mit Inklusion zu tun, so Blumtritt. Er beschreibt, dass Daten unmittelbar mit unserem Leben verknüpft sind. Die Unterscheidung „real“ und „virtuell“ werde hinfällig. Blumtritt spricht hier von „augmented reality“, das heißt, Daten sind mit unserer Lebenswelt und unserer Persönlichkeit untrennbar verbunden. Bei Big-Data-Analysen sei es nicht wichtig, welche Inhalte transportiert werden. Interessant sei vielmehr, wie die Datenströme verlaufen. Blumtritt visualisiert diese These beispielhaft anhand eines Unternehmens, dessen E-Mail-Verkehr er abgebildet hat, sowie anhand der Twitter-Beiträge zu den „Gezi Park“-Protesten in Istanbul. Die Visualisierung zeigt Knotenpunkte, die sehr schnell deutlich machen, welche Twitter-User besonders häufig zitiert („retweetet“) werden – wer bei bestimmten Diskussionen also meinungsbildend und mit wem verbunden ist.

Problematische Rückschlüsse und Patientensouveränität

Bedenkenswert sei, dass der Verlauf der Kommunikation nicht nur von Firmen und Privatpersonen genutzt werden könne, sondern auch von der Politik oder Sicherheitsbehörden, die so analysieren können, wer mit wem kommuniziert und sozial interagiert. Blumtritt beschreibt als wichtigsten Paradigmenwechsel die Tatsache, dass nicht mehr entscheidend ist, was kommuniziert wird (Inhalte), sondern anhand der Metadaten (Geokoordinaten etc.) ein Rückschluss auf Inhalte gezogen werden kann.

Mit dem Smartphone werden Unmengen an Daten generiert. Es enthält eine ganze Reihe von Sensoren, die unterschiedlichste Umgebungsdaten ermitteln und speichern (zum Beispiel Geodaten):

Blumtritt erläutert, dass seine und andere Firmen Tools zum Beispiel für die medizinische Anwendung entwickeln, um beispielsweise Osteoporose-Patienten in ihrer Therapie zu begleiten und täglich über das Smartphone an die ärztlichen Vorgaben (mehr Bewegung, trinken etc.) zu erinnern. Auch eine Datensammlung, die Patientinnen und Patienten beim Arztbesuch mitbringen können, ist möglich („bring your own data“). Die Tools ermöglichten somit eine Patientensouveränität, die es vorher kaum gab.
Verlagerung von Verantwortung und liberaler Fehlschluss

Problematisch ist, laut Blumtritt, dass es zu einer Verlagerung der Verantwortung kommt: von der gesellschaftlichen Verantwortung hin zur Verantwortung des Einzelnen. Blumtritt beschreibt hier einen „liberalen Fehlschluss“: Es werde davon ausgegangen, dass es ausreicht, Menschen Werkzeuge (Geräte, Applikationen oder Programme) zur Verfügung zu stellen und dies dann automatisch dazu führt, dass Menschen ihre Einschränkungen selbst überwinden. Die Folge davon: In einem nächsten Schritt wird es sanktioniert, wenn diese Werkzeuge nicht genutzt werden. Im Gesundheitsbereich sei es vor allem das Kostenargument, das angeführt wird, um die Nutzung dieser Tools als „sinnvoll“ zu rechtfertigen. Der soziale Druck wächst.

Im Verlauf seines Vortrags bringt Blumtritt weitere Beispiele und erläutert die sogenannte „augmented humanity“ anhand von technischen Hilfsmitteln wie Cochlea-Implantaten (für gehörlose Menschen: Prothese, die die Funktion eines geschädigten Innenohrs ersetzt) oder Exoskeletten (Stützstrukturen), die gehbehinderte Menschen in die Lage versetzen sollen, zu stehen oder zu gehen. All diese Hilfsmittel werden zukünftig „mit dem Körper verwoben“ sein.

Blumtritt schließt seinen Vortrag mit einem Zitat von Zukunftsforscher und Schriftsteller Bruce Sterling: „Leben kann man nicht optimieren, da es sich nicht um ein Ingenieurs-Problem handelt.“ Es gibt also keine „rein technische Lösung“ für das Leben, die ohne Kultur und Ethik auskommt.

Christin: Nutzerinnen und Nutzer an Entscheidungsprozessen beteiligen

Informations- und Kommunikationstechnologie gehören zu den wichtigsten Wegbereitern zur Verbesserung der Lebensqualität in unserer modernen Gesellschaft. Insbesondere die verstärkte Einbindung der Bürger in die digitale Welt führe zu neuartigen Möglichkeiten der Erfassung und Verarbeitung nutzergenerierter Inhalte. So können mithilfe von Sensoren, die in Mobiltelefone eingebettet sind, große Datenmengen über die Umgebung der Nutzer gesammelt werden.

Die Sammlung derartiger Daten könne jedoch die Privatsphäre gefährden, da durch sie sensible In-formationen zum Beispiel über besuchte Orte ermittelt werden können. Allein die Kenntnis solcher Bedrohungen der Privatsphäre kann die Teilnahmebereitschaft negativ beeinflussen und damit sowohl Quantität als auch Qualität der gesammelten Daten mindern. Es ist daher ein adäquater Schutz der Privatsphäre vonnöten, um entsprechende Nutzerbeiträge zu fördern. Frau Christin versucht mit ihrer Arbeit, die Nutzerinnen und Nutzer an Entscheidungsprozessen zu beteiligen, um sich hierdurch vor Missbrauch zu schützen.

Gadgets für Inklusion?

Fokussiert auf das Thema Inklusion wird die Frage aufgeworfen, wie Big Data das Leben von Menschen mit Behinderung zukünftig leichter machen kann. Welche Applikationen sind vorstellbar? Blumtritt greift das Thema „autonomes Fahren“ auf, das gerade kurz vor der Marktreife steht und schon fast Realität ist. Dies könnte jeden Menschen – auch Menschen mit Behinderung – unterstützen. Gleiches gilt für „intelligente Blindenführstöcke“ und andere technische Hilfsmittel, die mit Daten „gefüttert“ werden können, um noch besser unterstützend zu funktionieren. Aber welche Risiken sind auch hier erkennbar?

Informierte Entscheidung

Dr. Christin führt an, dass den Bürgerinnen und Bürgern das nötige Wissen für eine informierte Entscheidungsfähigkeit fehlt. Auch die Prognose für die zukünftige Verwendung von Daten ist ungewiss: Was machen wir in zehn Jahren mit den Daten von heute? Wie werden sie verknüpft? All das seien bislang ungeklärte Fragen mit möglicherweise großem Gefahrenpotenzial.

Schluss mit Privatsphäre?

Der Kulturwissenschaftler und Blogger Michael Seemann (@mspro) schreibt in seinem Buch „Das neue Spiel“ (2014), man könne Big Data nur dann entgehen, wenn man sich von dem Konzept der Privatsphäre ganz verabschiedet und den Verlust der Datenkontrolle akzeptiert. Ist das die Zukunft? Blumtritt führt hierzu aus, dass die Datenfülle, die man durch die Nutzung von Smartphones erhält, so groß ist, dass der Fingerabdruck, den wir hinterlassen, immer auf uns zurückzuführen ist. Eine Studie des Massachusetts Institute of Technology (MIT) belege das: Dieser Fingerabdruck sei nicht anonymisierbar, man kann ihn nicht mehr „verrauschen“. Problematisch wird dies nun, wenn diese Daten in die Hände autoritärer Systeme gelangen.