Digitale Beziehungspflege und Empowerment

Session 3: „Du bist nicht allein. Digitale Beziehungspflege und Empowerment“

Referierende:
Jeannette Gusko, Interim Director Europe und Senior Campaignerin bei change.org
Raúl Krauthausen, Gründer und Vorstand des Vereins Sozialhelden e.V., Berlin
Prof. Dr. Dagmar Hoffmann, Philosophische Fakultät, Universität Siegen

Moderator:
Wolf-Christian Ulrich, Moderator des ZDF-morgenmagazins, der Reportage-Reihe „Ulrich protestiert!“ und des Doku-Talk-Formats „Geschichte treffen“ auf ZDFinfo

Diskussionsrunde mit Gusko, Krauthausen und Hoffmann

Jeanette Gusko stellt change.org als „die größte Petitionsplattform der Welt“ vor. Es handelt sich um eine „offene und neutrale Online-Plattform“, mit der Online-Petitionen zur Umsetzung von Kampagnen gestartet werden können. Dabei ist es von großer Bedeutung, dass On- und Offline-Kampagnen nur gemeinsam ihre Wirkung entfalten: „Online-Aktivismus ohne Offline-Aktivismus gibt es nicht.“ Aktionen funktionierten dann besonders gut, wenn es eine Rückkopplung zwischen On- und Offline gibt. Gusko bemerkt, dass Menschen eine Online-Petition unterzeichnen, weil sie etwas bewegen und erreichen wollen – und somit auch eine Rückkopplung einfordern. Zukünftig sollten Entscheidungsträger aber stärker eingebunden werden und in Kontakt mit den Bürgerinnen und Bürgern gebracht werden.

Menschen mit Behinderung initiieren Aktionen

Laut Gusko hat change.org Möglichkeiten geschaffen, die früher nur großen Lobby-Organisationen zur Verfügung standen. Diese Mittel stellt change.org nun Einzelpersonen zur Verfügung, um ihnen zu ermöglichen, eine Kampagne oder Petition zu starten. Seit einiger Zeit verzeichnet change.org einen Anstieg von Kampagnen und Petitionen, die von Menschen mit Behinderung initiiert werden.

Erfolgversprechende Kriterien für Aktionen:

  • Initiator teilt seine persönliche Geschichte (Personalisierung),
  • Einbindung von Unterstützern (lokale und regionale Kontakte).

Raul Krauthausen, der change.org selbst mit eigenen Petitionen nutzt, weist auf die Möglichkeiten hin, die die verschiedenen Plattformen im Internet bieten: Zum ersten Mal können Menschen aus vermeintlichen Minderheitsgruppen ihr Gesicht und ihre Meinungen, Talente und schönen Momente ungefiltert mit anderen teilen, ohne dass eine Redaktion nach Relevanz oder anderen Kriterien filtert. Genau diese Freiheit der Themensetzung im Internet hilft beispielsweise Vereinen wie den Sozialhelden enorm.

Hoffmann: Zurückhaltung bei Jugendlichen, wenn es um Aktivismus im Netz geht

Die Frage, wie wirksam und nachhaltig solcher Protest und Aktivismus im Netz ist, erforscht Prof. Dagmar Hoffmann von der Uni Siegen. Welche Potenziale gibt es, welche Grenzen? Hoffmann ist Soziologin, die sich mit Social Media und Partizipationskulturen beschäftigt. Sie berichtet von Beobachtungen, dass eine große Zahl gerade junger Menschen sich sehr stark zurückhält und eben nicht im Netz aktiv sein will.

Es gibt Ressentiments, man will nicht öffentlich agieren und auch keine Blogs oder Twitter-Accounts nutzen. Diese Nicht-Nutzer stellen ganz konkret die Frage, was sie denn davon hätten und was sie der Welt mitteilen sollten: „Ich weiß nicht, warum ich mich vernetzen soll“.
Hoffmann sieht diese Entwicklung der Verweigerer problematisch. Ihre Studierenden äußerten sich gegenüber Petitionsplattformen eher skeptisch; sie befürchten, diese Form der Partizipation sei flüchtig, beliebig und inflationär. Eine Nachhaltigkeit des politischen Handelns wird nicht gesehen. „Die Nutzung des Internets als politisches Instrument muss gelernt werden“, so Hoffmann.

Technik, Datenschutz und Anschlusskommunikation

Menschen müssen sich nicht nur die Technik aneignen, nicht nur die Frage des Datenschutzes bedenken, sondern sich auch fragen, welche Reaktionen (Response) und welche Anschlusskommuni-kation zu erwarten ist. Ein prominentes und aktuelles Beispiel: Anne Wizorek, eine der Initiatorinnen der #aufschrei-Kampagne gegen Sexismus im Alltag, berichtet nicht nur von einem wichtigen Anstoß der Diskussion, sondern auch von Anfeindungen, Beleidigungen und Bedrohungen, denen sie während und nach der Kampagne ausgesetzt war und ist.

Krauthausen: Jeder muss mitmachen können

Der Aktivist Raul Krauthausen hat mit einem Team „Sozialhelden“ die Projekte „Tausendundeine Rampe“, „wheelmap.org“ und „Leidmedien“ umgesetzt. Wie nutzt er digitale Kommunikation für seine Aktionen? Krauthausen hat im Marketing gelernt, wie Botschaften und Handlungsaufforderungen funktionieren, und nutzt dieses professionelle Wissen für soziale Belange und auch Nischenthemen. Wichtig ist hierbei die Niederschwelligkeit, so Krauthausen: „Jeder muss mitmachen können, anonym oder nicht – und die Daten, die zum Beispiel bei ‚Tausendundeine Rampe‘ oder wheelmap.org generiert werden, stehen allen frei zur Verfügung“ (Open-Data-Lizenz). Die mediale Aufmerksamkeit führte bei Krauthausen dann zum Projekt Leidmedien.de: Die Presse lernt von Aktivisten, wie es gelingt, vorurteilsfrei und mit einer respektvollen Sprache über Menschen mit Behinderung in den Medien zu berichten.

Große Resonanz für Probleme des Alltags

Laut Krauthausen sind es nicht immer die großen Aktionen, Kampagnen und langfristigen Projekte, die besonders viel Resonanz hervorrufen. Er berichtet von Alltagsfragestellungen wie „Wie bekomme ich eine rollstuhlgerechte Wohnung in Berlin?“ oder „Wie stelle ich einen Antrag bei der Krankenkasse?“, die besonders viele Reaktionen auslösen und für die tägliche Lebenswelt der Menschen wichtig sind.

Die Frage der Repräsentativität

Hoffmann bestätigt die Wahrnehmung, dass es viele Initiativen im Netz gibt, auch von behinderten oder an den Rand der Gesellschaft gedrängten Menschen. Zudem sei viel ehrenamtliches Engagement zu verzeichnen. Als Soziologin müsse sie aber repräsentativ denken und schauen, wie es denn generell aussieht: Es gibt sehr viele Social-Media-Aktivitäten, viele Facebook-Gruppen etc. Prozentual ist das Aktivitätsniveau aber eher gering. Es wird zwar viel getwittert, aber von der Bevölkerung sind es nur ca. fünf bis zehn Prozent der Menschen, die sich beteiligen. Auch wenn sich das Publikum auf Twitter empört, ist das nicht repräsentativ für das Publikum.

Gegenöffentlichkeiten gestern und heute

In der Diskussion fällt häufig der Begriff „Gegenöffentlichkeit“. Aber wie konstituieren sich diese Gegenöffentlichkeiten heute? Früher, bei den großen Bewegungen der 1980er und 1990er Jahre, erfolgte diese Konstituierung anders, als es zurzeit der Fall ist. Heute agiert man einzeln, höchstens als assoziiertes Mitglied einer Bewegung. Früher waren Bewegungen kollektiv und man tat sich aufgrund gemeinsamer Erfahrungen zusammen. Dieser Unterschied hat Konsequenzen: Es ist etwas anderes, ob man eine Petition unterschreibt, aber niemanden kennt, der noch unterschrieben hat, oder ob ich mit anderen zusammen einen symbolischen Akt, wie zum Beispiel eine Demonstration, organisiere und auch miterlebe. Gemeinsam gemachte Erfahrungen führen letztlich dazu, dass man sich längerfristig einer sozialen Bewegung zugehörig fühlt.

Eine Erklärung für das Phänomen der temporären Vergemeinschaftung ist die fortschreitende Individualisierung. Vieles versendet sich recht schnell und es ist teilweise schwer zu rekonstruieren, was eigentlich das Ursprungsereignis war. Hoffmann nennt als Beispiel unter anderem die „Ice Bucket Challenge“ im Jahr 2014.

Teilhabe von Menschen mit Lernschwierigkeiten im Netz

Aber wie erreicht man, dass auch Menschen mit Lernschwierigkeiten beziehungsweise einer geistigen Behinderung im Netz vertreten sind? Raul Krauthausen bemerkt, dass Menschen mit geistiger Behinderung genau wie alle anderen Anregungen und Input von außen brauchen, um überhaupt auf solche Kampagnen und Aktionen aufmerksam zu werden. Sie sollten deshalb nicht in großen Komplexeinrichtungen „unter Gleichen“ leben müssen, sondern auch Einflüssen von ganz vielen unterschiedlichen Menschen – behindert oder nicht behindert – ausgesetzt sein, damit sie sich für ihre eigenen Belange einsetzen können. Wichtig sei zu überlegen, was die Bedarfe von Menschen mit geistiger Behinderung sind, wie man sie einbinden und unterstützen kann – aber so, dass der Impuls von ihnen kommt. Alle Menschen, auch Menschen mit geistiger Behinderung, sollten Bereiche kennenlernen, die sie inspirieren. Jeanette Gusko stimmt hier zu und ergänzt, dass es wichtig sei zu sehen, was mit geistiger Behinderung alles möglich ist. Unterstützung ist wichtig, um die Menschen zur Selbstbestimmung zu befähigen – wenn sie das wollen.

Vielfalt

Auf die Überlegung von Raul Krauthausen, eine Organisation wie Greenpeace für den sozialen Bereich zu haben, reagiert ein Fragesteller mit Skepsis: Greenpeace sei eine riesige Marke für all diejenigen, die Gutes tun wollen. Dies erzeuge Unbehagen, weil Vielfalt hier nicht mehr gegeben sei. Der Diskussionsteilnehmer plädiert dafür, dass es besser viele kleine Organisationen geben solle, da gerade die „Skalierungslogik“ von großen Organisationen dem, was im Internet möglich ist, nicht gerecht werden könnte.