Digitale Barrierefreiheit

Session 1: Warum digitale Barrierefreiheit für alle immer wichtiger wird

Zwei Teilnehmende im Gespräch

Referierende:
Prof. Dr. Klaus Miesenberger, stellvertretender Vorstand des Instituts Integriert Studieren an der Johannes Kepler Universität in Linz
Matthias Lindemann, IT Consultant bei der Corporate Technology (CT), einem Forschungs- und Entwicklungszweig der Siemens AG, im Accessibility Competence Center (ACC) in Paderborn
Tobias Marczinzik, Projektmanager bei „In der Gemeinde leben gGmbH“ und Leiter des Projekts PIKSL („Personenzentrierte Interaktion und Kommunikation für mehr Selbstbestimmung im Leben“)

Moderator:
Wolf-Christian Ulrich, Moderator des ZDF-morgenmagazins, der Reportage-Reihe „Ulrich protestiert!“ und des Doku-Talk-Formats „Geschichte treffen“ auf ZDFinfo

Miesenberger: Technik als Motor für Barrierefreiheit

Im ersten Impulsvortrag von Prof. Klaus Miesenberger geht es um Barrierefreiheit im Allgemeinen und die Frage, wie diese verwirklicht werden kann. Miesenberger sieht Technik als Motor für Barrierefreiheit: Es gebe zwar Gefahren, aber diese seien – zum ersten Mal in unserer Geschichte – für alle gleich. Beispielsweise hätte die UN-Behindertenrechtskonvention (UN-BRK), so wie sie jetzt vorliegt, ohne neue assistierende Technologien und technologische Barrierefreiheit nicht formuliert werden können. Bereits dieses Beispiel zeige Inklusion in der Praxis.

Würden wir es schaffen, den Zugang zu Technologien barrierefrei zu gestalten und auch die Inhalte barrierefrei zur Verfügung zu stellen, dann hätten wir ein riesiges Potenzial hin zu wirklicher Inklusion. Unser Ziel sollte es sein, Barrierefreiheit voranzutreiben, so Miesenberger. Dabei gebe es bereits gute Voraussetzungen:

Miesenberger: Zugang zum Internet ist Menschenrecht und Grundlage für unsere Kommunikation. Mainstream wird dies nicht ermöglichen #zki2025

回 れ毛のメ ナぬエボ 回 ‏@NeoXtrim

Es gibt:

  • Richtlinien,
  • assistierende Technologien,
  • gesetzliche Rahmenbedingungen (seit über zehn Jahren),
  • den Nachweis, dass es sozial- und betriebswirtschaftlich sinnvoll ist, Barrierefreiheit zu gewährleisten.

Laut Miesenberger könnte jedoch nur ca. fünf Prozent der Webseiten im öffentlichen Bereich in Deutschland eine „Barrierefreiheit auf dem niedrigsten Level“ bescheinigt werden. Auf dem gesetzlich vorgeschriebenen zweitniedrigsten Level seien es nur noch drei bis ein Prozent der Webseiten – mit abnehmender Tendenz. Obwohl Barrierefreiheit nie gänzlich umgesetzt wurde, gehe sie schon wieder zurück.

Wie erreichen wir also unter diesen Vorzeichen trotzdem ein akzeptables Maß an Barrierefreiheit? Laut Miesenberger fehlen Expertinnen und Experten, die in der Lage sind, alle Bereiche – von den Banken über das Theater, die Schule bis zum Gemeindeamt – zu beraten.

Teilhabe ist Menschenrecht

Teilhabe am Internet ist für Miesenberger deshalb ein Menschenrecht, da das Netz inzwischen einen wesentlichen Teil unserer Kommunikation und Interaktion ausmacht. Schneiden wir diesen Zugang ab, nehmen wir Menschen die Grundlage von/für Interaktion. Verantwortlich, eine Umsetzung voranzutreiben, sei nicht der sogenannte „Mainstream“. Expertinnen und Experten sollten dafür sorgen, dass sich Menschen mit Behinderung in diesen Belangen zukünftig selbst vertreten können. In diesem Bereich sieht Miesenberger die Chance, dass weitere Jobs für Menschen mit Behinderung entstehen. Die Einbindung von Menschen mit Behinderung als „Expertinnen und Experten in eigener Sache“ sei wichtig, um den Entscheiderinnen und Entscheidern in der Praxis zu zeigen, warum Barrierefreiheit relevant ist.

Die idealtypische barrierefreie Webseite

Ein Zuschauer stellt die Frage, wie eine idealtypische barrierefreie Webseite aussieht. Miesenberger führt an, eine solche Webseite sei „reich an Metadaten, gut beschrieben, das heißt, sie ist amodal und unterstützt nicht einen Modus (zum Beispiel visuell, auditiv etc.), sondern sie erlaubt unterschiedliche Sichten auf die Daten. Sie ist semantisch reich und sie versucht, unterschiedliche Modalitäten (sprachlich, auditiv, visuell im Sinne von Gebärdensprache) zu unterstützen. Unterschiedliche Möglichkeiten der Interaktion und der Bedienung des Interface müssten geboten werden: mit Tastatur, Maus, Kopf- oder Zehenbewegungen, Gehirnströmen etc.

Menschen stehen vor dem Panelraum Technologieentwicklung und digitale Kommunikation

Marczinzik: Menschen mit Lernschwierigkeiten entwickeln Strategien

Marczinzik präsentiert die Perspektive eines Trägers aus der Behindertenhilfe, der vor einigen Jahren mit den Anforderungen seiner Klientel, Menschen mit Lernschwierigkeiten, konfrontiert wurde: Die Klientinnen und Klienten bemerkten den digitalen Strukturwandel, kamen aber nicht mit und fühlten sich davon ausgeschlossen. Sie wollten auch gerne von neuen Medien und digitalen Ressourcen profitieren und wünschten sich Unterstützung. Um digitale Barrieren abzubauen, wurden sie an allen Prozessen beteiligt.

Marczinzik berichtet beispielhaft von einer Nutzerin, die nicht lesen und schreiben kann, Facebook aber völlig selbstverständlich nutzt, indem sie sich die Raster und die Bilder einprägt. Durch diese Strategie weiß sie, welche Informationen sich hinter den Bildern verstecken. Die Erfahrungen mit Nutzerinnen und Nutzern wie ihr führte letztlich zu der Frage, ob man mit diesem Wissen nicht auch andere Webseiten und Content-Management-Systeme einfacher machen kann.

Pixel-Projekt: Menschen mit Lernschwierigkeiten sind Expert*innen f. d. Identifizierung und Strategieentwicklung v. Netz-Barrieren #zki2025

回 れ毛のメ ナぬエボ 回 ‏@NeoXtrim

Potenziale und Ressourcen, die allen nutzen

Gemeinsam mit Menschen mit Lernschwierigkeiten haben dann Designerinnen und Designer der Fachhochschule Düsseldorf sowie Technikerinnen und Techniker der Hochschule Rhein-Waal eigene Produkte geschaffen, die sich an besonderen Bedürfnissen orientierten. Das Fazit des Projekts ist, „dass Menschen mit Lernschwierigkeiten Potenziale und Ressourcen haben, die sie in den Abbau digitaler Barrieren einbringen sollten, damit wir alle etwas davon haben“. Hier sehen Marczinzik und sein Team eine Möglichkeit der Qualifizierung und Beschäftigung von Menschen mit Lernschwierigkeiten.

Lebenswelt kennenlernen, um wirkliche Barrieren zu erkennen

Marczinzik führt weiter aus, dass er und sein Team und auch die Designer und Techniker durch die Zusammenarbeit zum ersten Mal verstanden hätten, was es heißt, als Nutzerin und Nutzer auf wirkliche Barrieren zu stoßen: beim Kauf von Bahnfahrkarten oder an dem Bankautomaten zu scheitern, weil das Interface nicht zu entziffern ist. Wichtig ist es, vor der Umsetzung eines neuen Systems erst einmal bei Personen mit (Lern-)Schwierigkeiten zu hospitieren, um deren Möglichkeiten und Grenzen zu ermitteln und deren Lebenswelt kennenzulernen. Letztendlich helfe dieses Vorgehen und die Vereinfachung von Systemen und Prozessen aber nicht nur den Menschen mit Lernschwierigkeiten, sondern allen Menschen.

Lindemann: Barrierearmut erreichen

Der dritte Impulsvortrag beschäftigt sich mit der Frage, wie bei Siemens Benutzerschnittstellen barrierefrei gestaltet werden. Lindemann stellt sich dem Publikum vor als „selbst betroffen, da stark seh-behindert“, was für ihn kein Problem darstelle. Allerdings führe diese Sehbehinderung manchmal dazu, dass er – wenn er zum Beispiel auf Dienstreisen unterwegs ist – ebenso Analphabet ist und auch nicht schreiben kann, sobald er seine technischen Hilfsmittel nicht benutzen kann.
Zugänglichkeit versus Komfort

Zunächst spricht Lindemann über seinen Arbeitsbereich bei der Siemens AG. Er selbst arbeitet in einem Teilbereich und betreibt Forschung, Entwicklung und Beratung zu Barrierefreiheit. Lindemann selbst benutzt lieber den Begriff Barrierearmut: Wenn es für einen Menschen im Rollstuhl oder eine gehbehinderte Person positiv ist, eine Bordsteinkante abzuflachen, ist es für einen blinden oder seh-behinderten Menschen eher problematisch, da die Kante ihm Orientierung gibt. Gleichzeitig heißt Zugänglichkeit und Barrierearmut von Geräten auch nicht, dass sie komfortabel sind – manchmal schließt sich genau das aus.

Demografische Notwendigkeit

Siemens beschäftigt sich mit dem Thema, weil ganz spezielle Anforderungen seitens der (Groß-) Kunden an das Unternehmen herangetragen werden und die demografische Entwicklung einen Bedarf entstehen lasse.

In der Eingangsfrage zur Podiumsdiskussion, an der alle drei Redner teilnehmen, geht es um die Zukunft im Bereich der digitalen Technologie: Wird jeder Mensch mit Einschränkung die Technik bekommen, die individuell auf ihn oder sie angepasst ist oder wird es Lösungen geben, bei denen Anbieter dieser Technologien ihre Angebote mit möglichst vielen barrierefreien Angeboten hinterlegen?

Standardisierung als Voraussetzung für individuelle Lösungen

Miesenberger geht davon aus, dass die Systeme immer flexibler und adaptiver werden; Nutzerinnen und Nutzer werden besser mit ihrer Umgebung interagieren können, da Sensor-Technologie immer mehr in den Alltag und die Lebenswelt einfließen wird. Grundvoraussetzung hierfür sei ein gewisses Maß an Standardisierung.

Hinsichtlich der Verantwortung für Barrierefreiheit wirft Moderator Ulrich die Frage auf, ob der Markt zukünftig bestimmen werde, wie sich barrierefreie Technologien beziehungsweise ein barrierefreies Netz entwickelten oder ob die wichtigen Impulse aus Gesellschaft und/oder Politik kommen müssten.