Sozialraum inklusiv – Quartiersentwicklung für die Zukunft

Session 1: Sozialraum inklusiv – Quartiersentwicklung für die Zukunft

Referierende:
Kapka Panayotova, European Network of Independent Living, ENIL und Direktorin des Center of Independent Living in Sofia, Bulgarien
Prof. Dr. phil. Kai-Uwe Schablon, Sozialpädagoge, Katholische Hochschule Nordrhein-Westfalen
Karen Haubenreisser, Projektleiterin Q8, Evangelische Stiftung Alsterdorf
Ulrich Niehoff, Referent Bundesvereinigung Lebenshilfe
Dr.-Ing. Christa Kliemke, Leiterin Kompetenzzentrum barrierefreies Planen und Bauen

Moderatorin:
Katja Nellissen, freie Journalistin und Moderatorin

Quartiersentwicklung, verstanden als durchdachte und auf die Bedürfnisse einer vielfältigen Einwohnerschaft konzipierte Lebensraumgestaltung, kann für den Sozialraum ein Modell für den Weg in die Zukunft sein. Ein Beispiel hierfür ist die Initiative Q8 der Evangelischen Stiftung Alsterdorf. Sie verfolgt zwei Ziele: Sie möchte gemeinsam mit anderen das Zusammenleben in Quartieren so gestalten, dass alle Menschen dort leben können und niemand aufgrund besonderer Merkmale ausgeschlossen wird. Darüber hinaus sollen durch eine solche Quartiersentwicklung verlässliche Versorgungsstrukturen entwickelt werden, die auf Dauer angelegte Sonderwelten – wie zum Beispiel Heime – überflüssig machen.

Es ist ein ununterbrochen weiterlaufender Prozess, nichts, was man sich von oben wie bei einer Dissertation ausdenken kann, sondern, was man miteinander tun muss, was dann Fahrt aufnimmt und die Köpfe und Herzen aller, die mitmachen, erreicht.

Karen Haubenreisser

Einbindung aller Beteiligten ist Grundvoraussetzung

Wichtig ist es, mit allen Beteiligten vor Ort gemeinsam auf das Quartier zu schauen, Stärken und Schwächen zu analysieren sowie die gegebene Infrastruktur zu berücksichtigen. Wo kann etwas Vorhandenes verbessert werden, wo lässt sich Neues schaffen? Dabei muss die Infrastruktur an die Bedürfnisse der Menschen, die darin leben, angepasst werden. Damit dies gelingt, müssen sich die Menschen einbringen, denn Selbstbestimmung bedeutet auch Selbstverantwortung. Die Bürgerinnen und Bürger sollten ihre Städte selbst gestalten. Dafür müssen zum einen alle Menschen an dem Prozess teilhaben können (durch Angebote in Gebärdensprache, Einsatz von Leichter Sprache, Barrierefreiheit etc.), zum anderen müssen die Menschen Verantwortung übernehmen, sich einmischen und Möglichkeiten zur Mitbestimmung schaffen und diese auch nutzen.
Ein gutes Beispiel für Selbstbestimmung ist das Persönliche Budget, durch das sich Menschen mit Behinderung selbst die Möglichkeit verschaffen, eigenverantwortlich zu planen und Entscheidungen zu treffen. Wichtig ist hierbei, sich auch Fehler und falsche Entscheidungen zuzugestehen, um Erfahrungen zu ermöglichen. Zudem ist es von großer Bedeutung, sich von anderen „Experten in eigener Sache“ Unterstützung zu holen (Peer Counseling).

Index für inklusives Wohnen

Welchen Bedarf es beim selbstbestimmten Wohnen gibt, will das Projekt „Unter Dach und Fach?! Ein Index für inklusives Wohnen in der Gemeinde“ der Bundesvereinigung Lebenshilfe herausfinden, das im August 2013 gestartet ist. Es soll vor allem die Neuorientierung der Behindertenhilfe in Richtung Sozialraum nachhaltig unterstützen. Das Projekt sucht nach Antworten auf die Frage, was beachtet werden muss, wenn man neue, inklusive Wohn- und Unterstützungsangebote entwickeln will, damit alle gut in der Gemeinde leben und an der Gesellschaft teilnehmen können. Der Index möchte programmatische und praktikable Anregungen geben, indem er – unabhängig vom momentanen Stand der Inklusionsentwicklung – zielführende Fragen stellt und damit Schritte in Richtung Inklusion aufzeigt. Ziel des Indexes ist die Entwicklung und Anwendung eines praxiserprobten Instruments zur inklusiven Entwicklung von Wohn- und Unterstützungsangeboten der Behindertenhilfe, zur Öffnung in die Gemeinde und zur Gestaltung eines inklusiven Gemeinwesens. Er soll für die Einrichtungen und Dienste der Behindertenhilfe als praxistaugliches Instrument zur Verfügung stehen, das geeignet ist, Inklusionsprozesse zu initiieren und nachhaltig zu verankern.

Barrierefreiheit von Anfang an mitdenken

Für ein selbstbestimmtes Leben im Sozialraum ist eine zugängliche Umgebung wichtig. Bisher ist diese aber nur in einem gewissen Grad gegeben. Dies liegt vor allem daran, dass die entwerfenden Disziplinen wie Architektur, Stadtplanung etc. nicht von Anfang an Barrierefreiheit mitdenken. Um dies zu ändern, muss sie in Zukunft als Pflicht in den Ausbildungsgängen eingeführt werden. Denn Barrierefreiheit ist, wenn sie von vornherein bedacht wird, nicht teurer, wenn die Gelder zielgerichtet und gut geplant in sinnvolle Projekte und Bahnen fließen und zudem die Bewusstseinsbildung vorangetrieben wird.