Wie viel Mobilität braucht unsere Gesellschaft?

Session 2: Wie viel Mobilität braucht unsere Gesellschaft?

Referierende:
Dr. Gereon Uerz, Soziologe und Zukunftsforscher
Michael Schramek, Vorsitzender von NiMo Netzwerk intelligente Mobiliät
Prof. Dr. Andreas Knie, Professor für Soziologie an der TU Berlin und Geschäftsführer Innovationszentrum für Mobilität und gesellschaftlichen Wandel Berlin
Anna Courtpozanis, Sozialpädagogin

Moderatorin:
Katja Nellissen, freie Journalistin und Moderatorin

Bei der Frage „Wie könnte die Mobilität der Zukunft aussehen?“ gehen innerhalb der Session die Vorstellungen und Meinungen weit auseinander:

Vision 1:

... geht davon aus, dass wir auf dem Weg zu einer Gesellschaft sind, in der sich die Anzahl der Autos drastisch verringert und deren Nutzung sich komplett verändert – insbesondere in den Ballungsräumen. Öffentlicher Verkehr, Fernbusse, Fahrgemeinschaften oder Ähnliches werden laut dieser Vorhersage zunehmen und die Mobilität für Menschen mit Beeinträchtigung wird größer sein als heute. Barrierefreies Reisen für alle Gruppen wird dabei an Bedeutung gewinnen und unter ökonomischen, ökologischen und sozialen Gesichtspunkten als sinnvoll akzeptiert werden.

Da aber jetzt viele Menschen, nahezu alle in den Städten, das Verkehrsmittel wechseln wollen, haben wir das Thema ‚barrierefreie Mobilität‘ mitten in der Gesellschaft.

Prof. Dr. Andreas Knie

Vison 2:

... sieht voraus, dass sich im Hinblick auf die Mobilität eine Zwei- oder Mehr-Klassen-Gesellschaft bilden könnte, in der sich ein privilegierter Personenkreis in ICEs, Limousinen und anderen abgeschotteten Räumen, sehr schnell – vor allem in der Stadt – fortbewegen wird. Der andere, nicht privilegierte Teil der Gesellschaft wird mit den alltäglichen Mobilitätsbarrieren und -problemen zu kämpfen haben, sei es aufgrund der Kosten oder der Zugänglichkeit zu den Verkehrswegen oder -mitteln. Im Großen und Ganzen würde sich die Situation im Vergleich zum heutigen Stand nicht wesentlich ändern, selbst wenn hinsichtlich Barrierefreiheit und Technik einige Fortschritte zu verzeichnen sind.

Für Vision 1 spricht, dass heute schon in den Großstädten wie Berlin, Hamburg und München zwei Drittel der Bevölkerung zwischen verschiedenen Verkehrsmitteln wechseln, also kein einzelnes Hauptverkehrsmittel mehr haben. Der Übergang von einem Verkehrsmittel zum Nächsten gehört für einen Großteil der Bevölkerung somit zum Alltag. Je mehr Menschen bemerken, dass der Wechsel von Verkehrsmitteln ein Problem darstellt, desto mehr Aufmerksamkeit bekommt dieser Umstand. Der Druck auf die Anbieter, dies zu ändern, wächst. Experten zufolge spielt dies der Barrierefreiheit in die Hände.

Barrierefreies Denken hat Zukunft

Auch der demografische Wandel spielt bei der Barrierefreiheit eine Rolle, da die Gruppe der Menschen, die darauf angewiesen ist, immer größer wird. Für immer mehr Personen wird die Nutzung des öffentlichen Personennahverkehrs (ÖPNV) zum Problem – zum Beispiel das Ziehen einer Fahrkarte oder die Orientierung mithilfe von Fahrplänen. Diese Tatsache treibt die Veränderung hin zu mehr Barrierefreiheit und Zugänglichkeit an.
Grundsätzlich sollte die Gesellschaft lernen, barrierefrei zu denken und zu handeln. Auch der Gesetzgeber muss durch entsprechende Gesetze für mehr Barrierefreiheit eingreifen. Auch digitale Neuerungen wie Apps oder mobile Endgeräte können positive Auswirkungen haben, da sie Menschen mit Behinderung zum Beispiel das selbstbestimmte Reisen ermöglichen. Sinnvoll ist es auch hier, Menschen mit Behinderung als Experten in eigener Sache mit Mobilitätsanbietern und Produzenten, zum Beispiel der Autoindustrie, zusammenzubringen.
Neben technischen Veränderungen sollte es eine Sensibilisierung der Gesellschaft für diese Themen geben, die nicht nur von den klassischen Verbänden und Behindertenvertretungen ausgeht. Hierdurch könne der Druck erhöht und ein stärkeres Bewusstsein für den Veränderungsbedarf geschaffen werden.