Selbstoptimierung: das Thema auf der INKLUSION2025

Session 3: Selbstoptimierung im Kontext von Körperdaten und Biopolitik

Shari Langemak

Referierende:
Prof. Dr. Stefan Selke, Professor für „Gesellschaftlichen Wandel“ an der Hochschule Furtwangen und Prodekan der Fakultät ‚Gesundheit, Sicherheit, Gesellschaft‘
Reinhard Heil, Mitarbeiter am Institut für Technikfolgenabschätzung und Systemanalyse (ITAS), Karlsruhe
Shari Langemak, Editorial Director für das Ärztemagazin „Medscape Deutschland“

Moderator:
Jürgen Wiebicke, freier Journalist, vor allem für den Hörfunk, zum Beispiel bei WDR 5, tätig

Der Soziologe Stefan Selke beschäftigt sich in seinem Impulsvortrag in Session 3 mit dem aktuellen Phänomen des „LifeLogging“, also der digitalen Selbstvermessung und Lebensprotokollierung mittels technischer Hilfsmittel. Befürworterinnen und Befürworter führten als Chance an, dass neue Wissenssorten erzeugt werden könnten – und zwar von Laiinnen und Laien. Dies bewirke eine Aufhebung von Deutungsmonopolen und somit eine Emanzipation vom sogenannten Expertenwissen.

Als Risiko nennt Selke den freiwilligen Verzicht auf Datenschutz mit dem Ziel der absoluten Vernetzung, um das „Leben aller zu verbessern“. Dieser Verzicht werde beispielsweise von Google gefordert.

Stefan Selke

Rationale Diskriminierung

Ein weiteres Risiko, das Selke in seinem Vortrag thematisiert, ist das der „rationalen Diskriminierung“, bei der ein Gesundheitsproletariat erzeugt werde, die „digitalen Versagerinnen und Versager“: Entscheidungsmaschinen und Algorithmen bestimmten zukünftig über richtiges und falsches Leben. Letztendlich komme es zu einer totalen Individualisierung und der Abkehr vom Solidarprinzip. Freiwillige Unterwerfung unter einen „Perfektions-Totalitarismus“ führe nicht zu Inklusion, sondern zu Exklusion.

In der anschließenden Diskussion geht es ebenfalls um die Frage, ob eine Bedrohung durch Datensammlung erkennbar ist. Hierzu Reinhard Heil vom Institut für Technikfolgenabschätzung in Karlsruhe: „Technik ist weder gut noch schlecht – aber eben auch nicht neutral. Wir verändern uns durch den Gebrauch von Technik.“ Die Frage sei, was eigentlich mit den eigenen Daten geschehe: „Was sind die Folgen meiner Techniknutzung?“ Problematisch sei ebenfalls die Intransparenz der Gewinnung und Verwertung von Daten. Deren Weiterverkauf stellte Heil als das allergrößte Problem dar. „Der Datenschatten verfolgt mich unter Umständen mein ganzes Leben.“

Gesundheit optimieren?

Weniger pessimistisch äußert sich die Medizin-Journalistin Shari Langemak: Es gebe Möglichkeiten, digitale Technologien zum Positiven zu nutzen. Wir brauchten tatsächlich weitere Programme, um unser Gesundheitsverhalten zu optimieren. In der Medizin sei (Selbst-)
Beobachtung häufig sinnvoll.

Soziologe Selke hierzu: „Ganz normale Menschen liefern freiwillig Daten (Fitness-Tracking) an Unternehmen. Dann stellt sich die Frage, ob wir Privatheit und Autonomie aufgeben wollen.“ Perspektivisch sei es wichtig, Kundinnen und Kunden zukünftig die Möglichkeit zu geben, sich beispielsweise für ein „vermessungsfreies Versicherungsunternehmen“ bewusst entscheiden zu können – und sich damit bewusst gegen die Rabatte zu entscheiden, die als Benefit für die „freiwillige Selbstauskunft“ angeboten werden.