Renaissance der Prothetik? Der Kongress INKLUSION2025

Session 1: Smartphones, Apps und Exoskelette – Renaissance der Prothetik?

Enno Park

Referierende:
Prof. Dr. Robert Riener, Department of Health Sciences and Technology an der ETH Zürich
Enno Park, Autor und Vorsitzender des Vereins cyborg e.V.
Rebecca Maskos, Journalistin mit den Schwerpunkten Disability Studies und Aktivistin der Selbstbestimmt-Leben-Bewegung
Katja Fischer, Dozentin für Kultur, Gemeinschaft und Sprache der Gebärdensprachgemeinschaft (Deaf Studies)

Moderator:
Jürgen Wiebicke, freier Journalist, vor allem für den Hörfunk, zum Beispiel bei WDR 5, tätig

Körper und Technik verschmelzen

In seinem Impulsvortrag stellt Robert Riener, Professor am Department of Health Sciences and Technology an der ETH Zürich, den aktuellen Stand der Robotik vor: Neben Industrie- und Haushaltsrobotern geht es um die Möglichkeiten des Einsatzes von Robotern in Medizin, Kranken- und Altenpflege, Rehabilitation und Assistenz und es werden Szenarien durchgespielt, die es beispielsweise Querschnittsgelähmten mittels Exoskeletten (Stützstrukturen für das Skelett) und Prothesen zukünftig erlauben könnten, zum Beispiel beim Einkaufen „auf Augenhöhe mit den Verkäuferinnen und Verkäufern zu interagieren“. Dabei ermöglichen die technischen Hilfsmittel ein Aufrichten und Stehen und somit die Chance auf ein „autonomes Leben ohne Assistenz“.

Enno Park, Journalist, Autor und Vorsitzender des Vereins cyborg e.V., geht während der Session noch weiter: Er betont das Potenzial neuer Schnittstellen zwischen Körper und Technik und beschreibt die Nutzerinnen und Nutzer solcher Technologien als erste Generation technologisch optimierter Cyborgs: Behinderte Menschen seien bereits jetzt Avantgarde, da sie sehr früh Technik in ihr Leben integrieren müssten. Technik zum Beispiel in Form des Cochlea-Implantats (Prothese, die die Funktion eines geschädigten Innenohrs ersetzt; CI) – so Park – sei für ihn ein Geschenk, weil dieses technische Hilfsmittel für ihn, als Spätertaubtem, Hindernisse aus dem Weg räume und Freiheit schenke.

Technologie sei in den Körper vieler Menschen – nicht nur behinderter Menschen – bereits eingebaut. Es werde von behinderten Menschen jedoch erwartet, dass sie diese Form der Selbstvervollkommnung „auf jeden Fall“ nutzen und sich der „Normalvorstellung“ von Körper und Fähigkeit anpassen sollten, während Nichtbehinderte diese Vorstellung der Perfektionierung vielfach „gruselig“ finden und ablehnen, so Park.

Allgemeine Ratlosigkeit: Niemand kennt die Gebärde für "Cyborg" und die DGS-Dolmetscherin fragt mich. #zki2025

Enno Park ‏@ennomane

Rebecca Maskos und Enno Park

Kultur in Gefahr?

Aus der Warte gehörloser Menschen hebt auch Katja Fischer, Dozentin für Kultur, Gemeinschaft und Sprache der Gebärdensprachgemeinschaft (Deaf Studies), den gesellschaftlichen Zwang hervor. Sie beteiligt sich in Deutscher Gebärdensprache (DGS) an der Diskussion und betont, dass es fast so etwas wie eine Verpflichtung gäbe, alle technischen Möglichkeiten zu nutzen, also ein Cochlea-Implantat einsetzen zu lassen. Für Menschen, die von Geburt an gehörlos sind, sei ein solcher Zwang jedoch fatal und falsch, da er der Gehörlosenkultur schade und deren vollwertige Sprache – die Gebärdensprache – zurückdränge. Sie fordert, Kindern beide Optionen zu lassen und sie bilingual zu schulen: sowohl in Gebärdensprache als auch in Schrift-/Lautsprache, sodass sich die Heranwachsenden später selbst entscheiden können. Außerdem müssten die (oftmals hörenden) Eltern, die die Entscheidung für ihre Kinder zunächst treffen, besser über die Gebärdensprache und die Gehörlosenkultur informiert und aufgeklärt werden: Sie sollten wissen, was ihre Entscheidung letztendlich für das Kind bedeutet und unterschiedliche Wege im Sinne einer informierten Mitbestimmung kennen.

Behinderung als soziales Phänomen

Für Rebecca Maskos, Journalistin mit den Schwerpunkten Disability Studies und Aktivistin der Selbstbestimmt-Leben-Bewegung, greift die Betrachtung von Behinderung als rein medizinisches und körperliches Phänomen zu kurz. Im Rückgriff auf die Disability Studies solle Behinderung insbesondere als soziales Phänomen betrachtet werden: Wenn wir Behinderung „körperlich beheben“, individualisieren wir ein soziales Problem, so Maskos. Technik sei zwar sinnvoll, wenn sie das Leben erleichtern oder verbessern kann. Das könne aber nicht alles sein, weil gerade beim Thema Behinderung danach gefragt werden müsse, wie man gesellschaftlich mit Behinderung umgehen soll. Auf diese Frage gebe die Robotik / Prothetik keine Antwort. „Das ist für mich keine Inklusion!“, so Maskos. Wichtiger sei die Frage nach Barrierefreiheit als Garantin für gelebte Inklusion: „Warum wird nicht an Dingen geforscht, die viel praktischer sind und Barrierefreiheit herstellen und somit letztlich allen Menschen zugutekommen würden?“

Im Spannungsfeld zwischen Freiheit und Technik wird – seitens des Publikums – zuletzt angemerkt, welche Freiheit denn gemeint sei, wenn man sich durch technische Gerätschaften ein Leben lang an Institutionen und Firmen binde, ihnen erlaube zu kontrollieren und zu warten, zu versorgen und gleichzeitig auch Daten für weitere Forschungen zu erheben.