Die Utopie einer inklusiven Gesellschaft: INKLUSION2025

Session 4: Utopie inklusive Gesellschaft – was wollen wir, wenn alles möglich ist?

Referierende:
Rahel Szalai und David Jahr, Lehrkräfte im Bereich Heterogenität und Inklusion, Universität Halle-Wittenberg
Udo Sierck, Autor und Aktivist der emanzipatorisch-politischen Behindertenbewegung
Dr. Rainer Kreuzer, Sozialpädagoge an der Universität Hamburg

Moderatorin:
Anke Bruns, freiberufliche Fernsehautorin und Moderatorin aus Köln

Heutige Zustände

Fünf Jahre Inklusion in den Medien haben Exklusion in der Realität aufgedeckt. Immer mehr Sonderfälle und Zonen werden identifiziert.

Die Zahl der von Eingliederungshilfe abhängigen Personen hat sich von Anfang der 2000er Jahre bis heute von 320.000 auf 830.000 erhöht und damit mehr als verdoppelt. Auch die Träger der Behindertenhilfe sind Teil eines sich wandelnden Systems.

Inklusion ist für mich eine Utopie. Eine Utopie, bei der jeder und jede das Recht hat, das eigene Anderssein auszuleben und akzeptiert zu werden, so wie die einzelnen Menschen sind.

Udo Sierck

Die Sozialwirtschaft ist ein nicht unerheblicher Wirtschaftszweig mit vielen Beschäftigten. Rund 360.000 Menschen sind in Werkstätten für Menschen mit Behinderung beschäftigt. Auch hier ist der Anteil im oben genannten Zeitraum um fast 50 Prozent angestiegen.

Sogenannte Sonderwirtschaftszonen sind teilweise auch für die Träger lukrativ. Deshalb fordern Dr. Rainer Kreuzer und Udo Sierck: Niemand darf an Behinderung verdienen. Es darf keine neuen Werkstattplätze geben. Die Aktion Mensch sollte keine Träger fördern, die Werkstätten betreiben. Ein Problem bei der Realisierung von Inklusion ist, dass ein gleichberechtigtes und als gerecht empfundenes gesellschaftliches Verhältnis von Geben und Nehmen nicht realisiert werden kann.

"Werkstätten für Menschen mit Behinderung betreiben keine Inklusion" Dr. Rainer Kreuzer #zki2025

allesanderealsdown ‏@kleinesextra

Manche Menschen werden nie etwas zurückgeben können. Das muss eine Gesellschaft wollen und mittragen.

Wichtigste Kriterien auf dem Weg zur Utopie Inklusion:

  • Ehrlichkeit in der Debatte
  • Gerechtigkeitsverständnis aufbrechen (es gibt Nehmer ohne Gegenleistung)
  • Definition von Normalität, Hinterfragung der Leistungsgesellschaft und der „Zurichtung“ auf Perfektion und Schönheit
  • Institutionen wie die Aktion Mensch werden überflüssig. Zuvor werden sie in etwa zehn bis elf Jahren von Menschen mit Behinderung geleitet.

„Wenn die Entwicklung so weitergeht, wie bisher, braucht es etwa noch 200 Jahre bis zu einer inklusiven Gesellschaft.“

Wer ist drinnen, wer ist draußen? Zukunftswerkstatt Inklusion

Voraussetzungen für Teilhabe sind soziale Räume und soziale Anerkennung. Das läuft in Deutschland insbesondere über Ausbildung, Beruf und Arbeitsplatz. Soziale Netze mit Menschen in gleichen Situationen können tragen, aber auch zu Parallelgesellschaften führen. Fehlende Beteiligung und Barrierefreiheit führen auch zum Ausschluss aus der Warenwirtschaft, von Dienstleistungen und Freizeit/Kulturleistungen. Die sogenannte Hyperindustrialisierung und Digitalisierung oder auch Facebookisierung erscheint erst einmal für alle zugänglich, ist aber auch exklusiv für eine schnelle Informationselite.

Gruppe oder Individuum?

Sollten wir überhaupt einzelne gesellschaftliche Gruppen benennen und unterscheiden? Nicht Gruppen, sondern Individuen sollten im Mittelpunkt stehen. Um Menschen zu befähigen und zu stärken, müssen wir sie aber auch benennen und adressieren. Im Panel wird das bedingungslose Grundeinkommen als Instrument der Selbstbestimmung diskutiert. Aber auch der Staat verabschiedet sich damit unter Umständen aus der Verantwortung und überlässt die Lebensgestaltung dem Einzelnen.