Transformation sozialer Sicherung und sozialer Arbeit

Session 3: Transformation sozialer Sicherung und sozialer Arbeit

Michael Löher in der Session

Referierende:
Michael Löher, Vorstand Deutscher Verein für öffentliche und private Fürsorge e.V.
Friedhelm Peiffer, Bereichsleiter Förderung der Aktion Mensch

Moderatorin:
Anke Bruns, freiberufliche Fernsehautorin und Moderatorin aus Köln

Eigeninitiative und politischer Wille

Die deutsche Gesellschaft ist mit ihren sozialen Sicherungssystemen derzeit sehr auf die Reparatur und den Ausgleich von Schwächen und Schäden ihrer Bürgerinnen und Bürger ausgerichtet. Ein präventives Handeln wäre in vielen Fällen sinnvoller und wahrscheinlich mittelfristig auch kostengünstiger. Systeme wie die Pflegeversicherung oder die Kinder- und Jugendhilfe müssten Inklusion als Querschnittthema schon beinhalten. Bei der Ratifikation der UN-Behindertenrechtskonvention 2009 sah die Bundesregierung kaum Handlungsbedarf für Deutschland in Fragen der gesetzlichen Ausgestaltung.

Schon an den Begriffen von Behinderung und Pflegebedürftigkeit sitzt aber mittlerweile die 5. Kommission. Hauptproblem ist derzeit, dass die Behindertenhilfe/Eingliederungshilfe im Sozialgesetzbuch 12 Bundessozialhilfegesetz verankert ist. Damit ist sie nachrangig und vermögensabhängig. Ein Rechtsanspruch darf aber nicht nachrangig sein. Deshalb wird an einem Teilhabegesetz gearbeitet, in dem Selbstständigkeit und Selbstbestimmung im Mittelpunkt stehen. Die Diskussion dazu läuft bereits acht bis neun Jahre. Mit jedem Wahlkampf wird der Prozess wieder unterbrochen.

Michael Löher: „Wir müssen unsere Systeme so verändern, dass die Regelsysteme gestärkt werden, dass die Regelsysteme Inklusion beinhalten.“

Föderalismus als Hemmschuh

Deutschland ist ein Land mit Hang zur Perfektion und zu perfekt ausdifferenzierten Sonderwelten. Der Föderalismus erschwert schnelle Anpassungen und Änderungen. Das Kooperationsverbot von Bund und Ländern müsste abgeschafft werden, um reformfähiger zu werden. Da dieser Prozess lang sein wird, müssen Menschen gestärkt werden, für ihre Rechte einzutreten (Empowerment).

Wir müssen unsere Systeme so verändern, dass die Regelsysteme gestärkt werden, dass die Regelsysteme Inklusion beinhalten.

Michael Löher

Wichtig sind Transparenz und Kenntnis der Materie in Expertenhand, aber auch eine Unterstützung von Menschen mit Behinderung in ihrem Handeln und Leben. Ziel muss eine Wunsch- und Wahlfreiheit in wichtigen Fragen der Lebensgestaltung für alle sein – und nicht ein Dogma Inklusion. Denn Inklusion ist ein Prozess und Inklusion kann es nicht als Verb geben, niemand wird aktiv oder passiv inkludiert.

Neben den Systemfragen ist das Haupthindernis einer inklusiven Gesellschaft immer noch die Frage der Haltung. Fehlende Begegnung im Alltag zieht Probleme und Desinteresse nach sich. Oft wird immer noch über Menschen mit Behinderung gesprochen und nicht mit ihnen. Der Blick sollte dem Menschen gelten und nicht dem System. Ein inklusiver Sozialraum meint alle, nicht nur Menschen mit Beeinträchtigungen. Nur wenn sich die Haltung ändert, ändert sich die Praxis.

Inspiration durch Leuchttürme und gute Beispiele

Wünschenswert wäre ein Land der Initiativen – Positivbilder zu zeigen und Realitäten zu schaffen. Hier kann die Gesellschaft nicht auf einen regulierenden Staat warten. Von unten müssen die Aktivitäten ausgehen und von oben kommt der politische Wille. Die Aktion Mensch hat bereits Korrekturen in ihrer Förderpolitik vorgenommen, um Impulse zu schaffen und den Wandel zu unterstützen. Menschen für Inklusion zu begeistern funktioniert über gute Beispiele und Vorbilder, in der Regel nicht über Forderungskataloge oder Systemfragen. Denn es handeln die Menschen, nicht die Systeme.