Mitgestaltung der Gesellschaft: Kongress Aktion Mensch

Session 1: Neue Formen gesellschaftlicher Partizipation und Mitgestaltung

Teilnehmer der Session halten sich an den Händen

Referierende:
Jeannette Gusko, Communications Director bei Change.org jean
Günther Friesinger, Philosoph, Künstler, Kurator und Produzent
Prof. Dr. Berit Sandberg, Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin
Sarah Maria Lubs, Absolventin des Bachelor-Studiengangs "Public Management" an der Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin und Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin.

Moderatorin:
Anke Bruns, freiberufliche Fernsehautorin und Moderatorin

Jeanette Gusko von change.org Deutschland stellt die Petitionsplattform gleichen Namens als Beispiel von aktiver Bürgerbeteiligung und Themensetting vor. Im Zentrum steht eine oft persönliche Geschichte. Drei Millionen Deutsche sind hier aktiv. Mit dieser Methode kann der Fokus auch auf Randthemen und „Einzelschicksale“ gelenkt werden, was sonst in der medialen Landschaft schwierig ist. Ist die Aufmerksamkeit durch die Petition gewonnen, startet die eigentliche Mobilisierungsphase. Dafür muss der Absender Botschaft, Frage und Ziel für sich klar definiert haben. Die Aufforderung zur Unterstützung eines Themas beziehungsweise das Ergebnis der Petition muss an die richtigen Stellen, an die Entscheiderinnen und Entscheider adressiert werden.

Eine Petition kann deshalb immer nur der erste Schritt sein. Kritisch wird gesehen, dass die Beteiligung per Klick nicht nachhaltig, teilweise sogar leichtfertig sein kann und oft schnell verebbt. Oder auch, dass der Erfolg nur auf dem Mitleid mit besonders rührenden Einzelschicksalen beruht. Jede Kampagne benötigt deshalb eine durchdachte Strategie, das Ziel und mögliche Unterstützerinnen und Unterstützer auf dem Weg dahin sind zu definieren.

Nach dem Aktivieren einer größeren Gruppe – etwa durch eine Petition – erfolgt die eigentliche Mobilisierung, die auf einen nachhaltigeren Effekt abzielt.

Auch der Aktionskünstler und „Vernetzer“ Günther Friesinger aus Wien sieht ein taktisches und planvolles Vorgehen bei allen unorthodoxen Aktionen als zentrales Element. Basis für den Erfolg einer Aktion ist es, sich ein Netzwerk aufzubauen, bei dem sich Engagement nicht in „Likes“ und „Klicks“ erschöpft. Das Ziel muss es sein, eine Geschichte in den richtigen Kanal zu geben und dort zu irritieren oder zu überraschen. „Kontexthacking“ meint, Dinge in unorthodoxe Zusammenhänge zu stellen und gewohnte Denkmuster zu verlassen. Das ist nicht leicht, da auch die Werbung sich heute zunehmend subversiver Methoden bedient.

Teilnehmer der Session bilden einen Kreis und legen alle die Hände aufeinander

Engagement von und durch Menschen mit (geistiger) Behinderung

Im Anschluss diskutieren die Panelteilnehmenden die Frage, ob es eine Kategorisierung nach Engagement-Typen und -Motiven von Menschen mit Behinderung in Abgrenzung zu Menschen ohne Behinderung geben muss und wie selbstverständlich inklusives bürgerschaftliches Engagement bereits ist. Derzeit sind die Ehrenamts-Strukturen noch nicht offen und es gibt Unsicherheiten im Umgang miteinander. Erfolgreich sind Peer-Modelle sowie Best-Practice-Beispiele zur Veranschaulichung – wie die Volunteers mit Behinderung bei der Frauen-Fußball-WM. Sportaktivitäten und Arbeit in der Kirchengemeinde sind „Einfallstore“ für neue Engagierte über die eigenen Selbsthilfeaktivitäten der „Behindertenszene“ hinaus. Gut funktioniert außerdem das sogenannte Exin-Konzept: Erfahrene Expertinnen und Experten geben dabei ihr Wissen an Multiplikatorinnen und Multiplikatoren weiter. Auch interessant ist die Durchlässigkeit von Ehrenamt und Professionalität im Hinblick auf eine mögliche berufliche Tätigkeit von Menschen mit Behinderung.