Das Land im Wandel: Chancen und Risiken - Aktion Mensch

Session 2: Deutschland verändert sich – mit Risiken und Nebenwirkungen

Referierende:
Prof. Martin zur Nedden, wissenschaftlicher Direktor und Geschäftsführer des Deutschen Instituts für Urbanistik gGmbH
Dr. Mark Terkessidis, Redakteur und freier Autor in Berlin
Christiane Schwager, Journalistin, Beraterin und Vorstand eines regionalen Demografie-Netzwerks

Demografische Entwicklung als treibender Faktor

In dieser Session entwickeln drei Teilnehmende im Kontext von demografischem Wandel, Migration und Stadtentwicklung verschiedene Thesen und Herausforderungen für ein Gelingen von Inklusion. Die demografische Entwicklung führt aktuell zu einem „goldenen Zeitalter der Rentner“ mit guter Gesundheit, einer hohen Lebenserwartung und einem vergleichsweise guten Einkommen. Diese kaufkräftige Gruppe hat die Wirtschaft insoweit beeinflusst, dass Produkte (universal design), Wohnangebote und Dienstleistungen im Laufe weniger Jahre kundengerecht angepasst worden sind. Die demografische Entwicklung führt zukünftig dazu, dass Menschen länger und anders arbeiten werden (müssen) mit einer größeren technischen Unterstützung. Durch die Anpassung von Technik und Design konnte die Teilhabequalität von Senioren bereits extrem verbessert werden. Auch die Gruppe der Älteren ist zunehmend divers mit unterschiedlichen Interessen und einem erweiterten Aktionsradius und damit Spiegel einer vielfältigen Gesellschaft. Die Anpassungen für die Menschen 65+ könnten als Wegbereiter einer inklusiven, vor allem barrierefreien Gesellschaft gesehen werden.

Das Thema Migration bleibt wichtig

Auch die Migrationsdebatte lässt sich nicht isoliert betrachten. Inklusion kommt nicht obendrauf und ist kein vorübergehendes Trendthema, sondern eine zentrale gesellschaftliche Herausforderung. Es gibt keine sinnvolle getrennte Betrachtung von Normalität, Inklusion, Migration etc. Deutschland ist ein Einwanderungsland mit einer sehr gemischten Bevölkerung. In größeren Städten wie Frankfurt sind mehr als die Hälfte der Erstklässler Kinder mit Migrationshintergrund, stellen also rein statistisch die „Norm“ dar. Deshalb muss sich die Diskussion vom Defizit- und Abweichungsmodell hin zum Kompetenzmodell entwickeln, 20 Prozent Schulabbrecher bedeuten auch, dass 80 Prozent es schaffen. Die deutschen Institutionen sind aber noch auf Sondermodelle und Abweichungen ausgerichtet. Die Parallelgesellschaften befinden sich in den Lehrerzimmern und Verwaltungen, die häufig „männlich, weiß, deutsch“ besetzt sind. Technische und gesellschaftliche Barrierefreiheit/Zugänglichkeit könnte der Begriff sein, der Inklusion, Gender und Migration miteinander verbindet, weil es darum im Kern geht.

Begegnung muss weiter gefördert werden

Urbanisierung ist ein Trend, der zum Anwachsen von Städten und zum Schrumpfen der Bevölkerung in ländlichen Gebieten führt. Neben Anforderungen an eine neue Umwelt- und Verkehrspolitik gilt es, der durch die Bevölkerungsverschiebungen verschärften Trennung nach „armen“ und „reichen“ Stadteilen zu begegnen. Lebenswerte Räume – auch für die Begegnung unterschiedlicher Bevölkerungsgruppen – müssen geschaffen, zentrale Angebote in der Nahversorgung aufrechterhalten werden. Die Digitalisierung bietet hier Chancen und Risiken. Zum einen kann vieles, auch Arbeit sowie Handel und Behördengänge, online erledigt werden, zum anderen führt dies nicht zu mehr Teilhabe im Sozialraum. Für den ländlichen Raum ist die technische Entwicklung in jedem Fall eine große Chance, auch für neue Mobilitätskonzepte.

Im Gespräch mit den Sessionteilnehmenden wird deutlich, dass der Fokus auf integrierten Konzepten für die Quartiersentwicklung liegen sollte. Das bedeutet, dass Sozialplanung, Bauplanung, Gesundheitsplanung etc. gemeinsam und integriert erfolgen müssen. Das stellt auch neue Anforderungen an die Bürgerbeteiligung, ohne die eine Quartiersentwicklung nicht gelingen kann. Es gibt in Deutschland kein Erkenntnisdefizit, sondern ein Umsetzungsdefizit. Weitere Gelingensfaktoren für Inklusion sind die Einbeziehung von Expertise und der Know-how-Transfer an die Praxis sowie eine konsequente finanzielle Ausstattung des Inklusionsprozesses.