Werte von morgen, heute erkannt: Kongress INKLUSION2025

Session 5: „Spieglein, Spieglein an der Wand …“ – Welches sind Zukunftswerte in diesem Land?

Diskussionsrunde um Andreas Hinz

Referierende:
Erik Albrecht, freier Journalist und Autor
Prof. Dr. Andreas Hinz, Professor für Allgemeine Rehabilitations- und Integrationspädagogik, Halle-Wittenberg
Ines Boban, Institut für Rehabilitations- und Integrationspädagogik, Universität Halle-Wittenberg

Moderatorin:
Barbara Brokamp, Montag Stiftung Jugend und Gesellschaft

Zusammen mit Klaus Hurrelmann hat Erik Albrecht das Buch „Die heimlichen Revolutionäre: Wie die Generation Y unsere Welt verändert“ (2014) geschrieben. In seinem Input gibt er einen kurzen Einblick, mit welcher Haltung und Einstellung die Generation der heute 15- bis 30-Jährigen auf das Thema Lebenswegplanung und Zukunft schaut.

Generation Y – Die Akteure von morgen

Diese junge Generation der 15- bis 30-Jährigen wird „Y“ – „why“ genannt, weil sie sich sehr bewusstmit dem „warum“ auseinandersetzt. Es ist eine Generation, die in vielen Lebensbereichen nach dem Sinn fragt und sucht. Es ist eine Generation, die in vielen Lebensbereichen nach dem Sinn fragt und diesen sucht. Als Ge-neration kann sie deswegen bezeichnet werden, da diese Jugendlichen in der gleichen Zeit aufwach-sen, die gleichen Eindrücke verarbeiten und selber in einer Phase sind, in der sie überlegen, was sie mit ihrem Leben machen wollen, und ihren Platz in der Gesellschaft suchen.
Die Generation Y hat bereits einige Krisen miterlebt, die globale, gesellschaftliche, wirtschaftliche wie auch politische Auswirkungen haben. Stichworte hierfür sind: 11. September, Finanzmarkt-/Eurokrise, Fukushima, Klimawandel, Generation Praktikum, Hartz IV, Zeitverträge, PISA-Studie, Beschäftigungsboom. Die Grundbotschaft dieser Ereignisse: Es ist nichts mehr richtig sicher, aber es geht irgendwie immer weiter.

Albrecht stellt als einen bezeichnenden Typus dieser Generation die sogenannten „Ego-Taktiker im Options-Dschungel“ vor. Viele Jugendliche haben heute bereits mehrere Zukunftspläne. Es gibt nicht nur Plan A, sondern sie gehen davon aus, dass einiges davon nicht funktionieren wird, und bereiten deshalb auch schon Plan B und C vor. Sie wissen um die Angst vor dem Abstieg und richten daher viele Variablen an der Entwicklung und Planung ihres Berufsweges aus. Was ist ihnen dabei wichtig?

Unsere Generation soll glücklich sein? Ich lache seeeehr. #zki2025 Generation Depression triffts eher. #Panel2

Kittie ‏@SKittieM

  • Es besteht der Wunsch sich in der Arbeit zu verwirklichen
  • Man weiß, dass man mit Aushilfsjobs nicht weit kommt, Erfolg im Job bring auch Akzeptanz in der Gesellschaft
  • Ohne Schulabschluss hat man zukünftig immer weniger Chancen

Dementsprechend lassen sich Teile der Generation Y auch als „Bildungsjunkies“ bezeichnen. Sie investieren viel in den eigenen Bildungsweg, Abschlüsse sind sehr wichtig, oftmals versucht man noch eine Qualifikation drauf zu setzen. Was ist ihnen wichtig?

  • Sie entscheiden selber über ihren Weg (wann investiere ich in Ausbildung, in Familie, etc.)
  • Je höher das Bildungsniveau, desto stärker ausgeprägt ist der Qualifikationsdruck
  • Es gibt viel Frustration in den unteren Schichten, in denen sich viele bewusst sind, dass nur wenige Optionen (oder gar keine) zur Verfügung stehen

In Bezug auf soziale Aspekte weist Albrecht auf das Thema gesellschaftliches Engagement hin. Dies wird von jungen Menschen als wichtig anerkannt und auch umgesetzt, jedoch nur bzw. vor allem dann, wenn das, was man arbeitet auch wirksam ist und anerkannt wird. Engagement dient oft auch als positiver Teilaspekt der Bildungsbiografie und wird dementsprechend dafür genutzt.

Fazit: Im Rahmen aller Zwänge, denen sie in der heutigen Zeit ausgesetzt sind, versuchen die jungen Menschen allen Herausforderungen zum Trotz ihren Weg zu gehen. Sie sind gestresst, arbeiten viel, stehen unter großem Druck – aber die Sinnfrage führt sie auch dabei, um ihren Weg zu finden, den sie leben möchten. An vielen Stellen decken sich die Aussagen aus dem Input von Albrecht mit den Ansichten des Publikums.

Andreas HInz beim Vortrag

Auswirkungen auf eine inklusive Bildungswelt von morgen

Prof. Dr. Andreas Hinz erweitert in seinem Input die Koordinaten und stellt sich der Frage, welche Auswirkungen die Erkenntnisse der vorangehenden Ausführungen – über die jungen Menschen als auch über das Bildungssystem – haben werden und was dies vor allem auch für das Thema Inklusion bedeutet.

Was sind unsere Fixpunkte der Inklusion? Und in welche Richtung geht es?

Hinz sieht hierfür drei wichtige Grundentwicklungen:

  • Es gibt deutliche Tendenzen zur Unterwerfung gegenüber den Prinzipien der kapitalistischen Wirtschaft
  • Es gibt einen stärkeren Bezug auf die Menschenrechte, mit unterschiedlichen Konkretisierungen und Ergänzungen durch verschiedene Konventionen (nicht nur BRK)
  • Die subjektive Wahrnehmung von Unsicherheit (gesellschaftlich, wirtschaftlich, politisch, global) nimmt zu; die Unklarheit über die komplexen Zusammenhänge und deren Auswirkungen auf die eigene Biografie schafft Orientierungsprobleme

Wenn das tatsächlich so ist, dann gibt es für Hinz einen zentralen Wert beziehungsweise Punkt, der für die Zukunft der Bildung besonders wichtig ist: dafür zu sorgen, dass wir Gleichwertigkeit anerkennen und Respekt für Vielfalt entwickeln.

Konsequenzen für inklusive Bildung

Die dargestellten Entwicklungen beinhalten mehrere Aspekte und fordert ernsthafte Konsequenzen:

  • Jeder Mensch muss als Individuum anerkannt werden; es geht um seine Stärken und darum, ihn als Person wahrzunehmen und nicht nur über die Leistung, die jemand erbringt. Es geht um persönliche Potenziale.
  • Gleichzeitig muss sichergestellt werden, dass jeder Mensch immer auch Mitglied einer Gruppe ist, in einer freiwilligen Gemeinschaft oder Zwangsgemeinschaft (Schule), in der verschiedenen Akteure ein Interesse daran haben, den jungen Menschen etwas zu vermitteln.
  • Jeder Mensch ist außerdem Subjekt des eigenen Lernens und zwar innerhalb eines sozialen Kontextes.
  • Es braucht eine Auseinandersetzung damit, wie weit Autonomie gehen kann und muss –

und welche Verordnungen es gibt, die diese Autonomie einschränken. Was jemand wann, wo, mit wem, in welcher Form und auf welchen Wegen lernen will beziehungsweise kann.

Schaut man sich die institutionalisierten Bedingungen von Bildung an, dann werden die Widersprüche sofort deutlich. Denn gerade im Bereich der formalen Bildung haben wir es am heftigsten mit Vorgaben zu tun (Anwesenheitspflicht, Curricula, Abschlüsse). Die Möglichkeiten eines Subjekts, in Eigenregie zu lernen und dieses Lernen selber zu gestalten, sind massiv und werden durch Bedingungen und Vorschriften stark eingeschränkt.

Boban: "stellen sie sich eine Schule vor, die nicht zur Platzierung von Menschen durch Rankings führen" #zki2025

回 れ毛のメ ナぬエボ 回 ‏@NeoXtrim

Daraus ergeben sich viele wichtige Anschlussfragen:

  • Wie weit wollen Bildungseinrichtungen für eine Kultur der Partizipation gehen?
  • Wie weit können Menschen in diesen Einrichtungen die Erfahrung machen, etwas beeinflussen zu können (Mitbestimmung von Ausstattung, Mitgestaltung von Inhalten oder Konzepten)?
  • =>In diesem Aspekt liegt eine zentrale Erfahrung, die einen präventiven Ansatz gegen gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit darstellen kann (Wilhelm Heitmeyer, Studie „Deutsche Zustände“ (2011))
  • Wie weit existiert in einer Einrichtung eine „Kultur des Mutes und der Ehrlichkeit“? Welche Wertschätzung wird einer Meinung entgegengebracht, auch wenn sie eine andere ist als die Mehrheitsmeinung?
  • Wie weit haben wir eine Kultur des Vertrauens? Vor allem das Vertrauen darin, dass Lernende tatsächlich auch lernen wollen?
  • => Die Entwicklung von Kulturen ist eine große Herausforderung, vor allem wenn bestehende Kulturen geändert werden sollen. Werte lassen sich nicht in einer Präambel fixieren. Werte an sich bringen noch keine Kulturveränderung.

Auseinandersetzung mit gesellschaftlicher Gesamtsituation ist wichtig

Die Verbindung zwischen Werteorientierung und alltäglichem Handeln ist die zentrale Brücke, die es in Zukunft gemeinsam noch stärker zu überdenken und zu kultivieren gilt. Im Gespräch mit Panelteilnehmenden gerät das Thema Vergleichbarkeit noch mal in den Fokus. Die Tendenzen und Entwicklungen sowohl in Schule als auch in Ausbildung, alles auf Standards, Vergleichsarbeiten und Abschlüsse hin zu fixieren, wird als kardinaler, zentraler Aspekt in der Umsetzung von inklusiver Bildung definiert.

Auch ist es wichtig, sich möglichst schnell von den verschiedenen Behinderungsbegriffen zu verabschieden. So darf die Bezeichnung „I-Kind“ (für Inklusionskind) keine Zukunft haben. Jeder Mensch sollte als Individuum anerkannt und nicht in Schubladen gepackt werden. Ines Boban weist zudem auf die Herausforderung hin, die digitalen und technischen Innovationen nicht als Lösung für inklusive Prozesse zu sehen. Sie können eine gute und wichtige Unterstützung sein, sollten aber nicht als Anpassungslösung für eine schwierige Gesamtsituation dienen, ohne diese nicht auch grundsätzlich zu hinterfragen und zu kritisieren. Es braucht auch die Auseinandersetzung mit der harten und schwierigen gesellschaftlichen Wirklichkeit. Für Boban sind daher die Wiederentdeckung der eigenen Neugierde, das In-Beziehung-und-Dialog-Treten verschiedener Menschen und Akteure, das Miteinander-Wege-Definieren-und-gemeinsam-Lösen, ganz zentrale Aspekte auf dem Weg zu mehr inklusiver Bildung.