Medienbildung als Chance: der Kongress INKLUSION2025

„Ene, mene, muh, und raus bist du“ – Was wollen wir wissen und was müssen wir lernen"

Referierende:
Jun.-Prof. Dr. Ingo Bosse, Fakultät für Rehabilitationswissenschaften, TU Dortmund
Norbert Schröder, Medienpädagoge, Gebärdensprachdolmetscher und systemischer Therapeut

Moderatorin:
Barbara Brokamp, Montag Stiftung Jugend und Gesellschaft
Als Einstieg gibt Dr. Siegfried H.X. Saerberg, Teilnehmer aus Session 1, einen Eindruck davon, wie sich das Erleben von Kunst für sehbehinderte Menschen darstellen lässt. In seiner Funktion als Kura-tor hat er mehrere große Ausstellungen konzeptioniert und durchgeführt. Er gibt den Teilnehmenden einen Eindruck, wie sich visuelle Bildhaftigkeit im Kontext von dazu komponierter Musik sowie audi-ogestützten Beschreibungen zu neuen Wahrnehmungsformen verdichtet. Speziell Menschen mit Beeinträchtigungen bieten diese Ansätze neue Möglichkeiten, sich speziell der Kunst zu nähern und zu rezipieren und damit auch künstlerische Ausdrucksformen erfahrbar zu machen. Weitere Erfah-rungen aus dem Publikum verdeutlichen, wie bereichernd solche Wahrnehmungsformen sind. In diesem Kontext ermöglicht auch der Einsatz von digitalen Medien neue Kommunikationswege und die Auseinandersetzung zwischen Kunstgegenstand, Betrachter und Künstler. Entsprechende digitale Angebote, die Kunst beziehungsweise Kultur barrierefrei im Netz vermitteln, schaffen zusätzliche Zugänge, die noch dazu orts- und zeitunabhängig sind.
Ausstellungen:
Blinde und Kunst e.V., "ART BLIND” - Eine Ausstellung internationaler blinder und sehbehinderter bildender KünstlerInnen, 2013 in Köln

Medienbildung als Voraussetzung für Mitgestaltung und Teilhabe

Im daran anschließenden Kurzvortrag verdeutlicht Prof. Dr. Ingo Bosse die Wichtigkeit von Medien-bildung für inklusive Bildungsprozesse. Bereits heute hat die Mediatisierung so gut wie alle Lebensbereiche durchdrungen, junge Generationen wachsen mit größter Selbstverständlichkeit darin auf, die kulturelle Sinnbildung verschränkt sich immer mehr mit Medien. Dies bedeutet, dass auch das Orientierungs- und Deutungswissen zunehmend von medialem Rezeptionsverhalten bestimmt wird; Medien vermitteln Wissen, aber oft stimmt dieses nicht mit der Realität überein (zum Beispiel Darstellung von Autisten als „Menschen mit Superbegabungen“ in Kinofilmen). Speziell der Zukunftstrend der Digitalisierung wird sich in den nächsten Jahrzehnten massiv auf unsere Gesellschaft auswirken und damit auch Wissensaneignung, Bildung und Lernen stark verändern. Barrierefreie Medienzugänge und -nutzung sind für Menschen mit Behinderung hierfür eine wichtige Basisvoraussetzung: Sie bedeuten Selbstverwirklichung, Mitgestaltung und Teilhabe an Bildung, Kultur, Freizeitangeboten und Arbeitsmarkt.
Buchhinweis:
Grenz, Tilo, Möll, Gerd (Hrsg.) Unter Mediatisierungsdruck – Änderungen und Neuerungen in heterogenen Handlungsfeldern, 2014

Inklusive Medienbildung steht noch am Anfang

Wie ein Abgleich mit verschiedenen offiziellen und aktuellen Veröffentlichungen von Bund und Län-dern zeigt, wird das Thema inklusive Medienbildung – obwohl Inklusion spätestens seit 2009 (BRK) ein Thema ist – entweder noch gar nicht oder nur ganz am Rande thematisiert. Als Beispiele verweist Bosse auf den Medienpass NRW, Medienkompass Rheinland-Pfalz sowie KMK-Beschluss „Medienbildung in der Schule“. Verlautbarungen, die das Thema zusammendenken, sind bei der UNESCO-Kommission sowie der Enquete-Kommission „Internet und digitale Gesellschaft“ des Deutschen Bundestages zu finden.
Medienbildung unterstützt inklusive Prozesse, da hierbei gemeinsame Handlungs- und Aktionsräume für alle geschafft werden können. Medienbildung vereint in sich sowohl Medienerziehung als auch Mediendidaktik, also das Lernen über Medien und das Lernen mit Medien. Medienbildung ist ein Prozess, der ein Leben lang anhält und vor dem Hintergrund umfassender Veränderungen auch diese stets kritisch hinterfragen muss. Ein wichtiges Thema ist heute schon Big Data, welches zukünftig sicherlich auch auf mediale Bildungsprozesse starken Einfluss nehmen wird.

Auf Basis einer Gesprächsrunde mit Lehrkräften werden folgende Leitfragen mit den Panelteilnehmenden erörtert und als ausgesprochen wichtig herausgestellt:

  • Wie kann der Einsatz von Informations- und Kommunikationstechnologien Inklusionsprozesse unterstützen?
  • Welche Kompetenzen brauchen Lehrkräfte in der Umsetzung von mediengestütztem Unterricht?
  • Welche Bedeutung hat die Zusammenarbeit mit Fachkräften, wie Medienpädagogen, Technikern?
  • Welche Schwierigkeiten bestehen nach wie vor in der Zugänglichkeit (Barrierefreiheit)
  • Welche Medien tragen zu einem kompetenzorientierten Fachunterricht bei?
  • Welche Modifikationen von Medien sind überhaupt realisierbar (Aufwand und Nutzen) und können die Nutzungswahrscheinlich erhöhen (Wartung)?

Kriterien für inklusive Medienbildung

Gemeinsam werden in der Diskussion mit den Panelteilnehmenden danach Grundvoraussetzungen/Kriterium gesammelt, um inklusive Medienbildung umsetzen zu können:

  • barrierefreies Webdesign / Universal Design,
  • Angemessenheit von Text und Sprache (Zwei-Sinnes-Prinzip muss gewährleistet sein),
  • individualisierte Umsetzung, personalisierte Lernzugänge auf mindestens drei Differenzierungs-stufen (am besten auf fünf),
  • Lernen am gemeinsamen Gegenstand sollte möglich bleiben (keine Sonderlösungen, weil diese Exklusion fördern),
  • Feedbackkultur ist wichtig: Feedback, das die Lernenden selber bekommen durch Material und Pädagogen / andere Lernende,
  • strukturiertes kollaboratives und kooperatives Lernen, Lernpotenziale gemeinsamen Lernens nutzen und ermöglichen,
  • Lerninhalte so gestalten, dass sie an die Realitäten der Lernenden anknüpfen und deren Lebenswirklichkeit entsprechen,
  1. inklusive Medienbildung als Pflichtfach in der Schule einführen (Kulturtechnik der Zukunft).

Tablets als inklusives Arbeits- und Gestaltungsmedium

Im Anschluss gibt Norbert Schröder einen Einblick in seine Berufspraxis als Medienpädagoge und Lehrer am Berufsbildungswerk in Neuwied. Dort stehen 500 Ausbildungsplätze und 600 Schulplätze für junge Menschen mit einer Beeinträchtigung zur Verfügung. Die Gruppen setzen sich heterogen zusammen, über alle Behinderungsformen und -grade hinweg: psychische Behinderungen ebenso wie Körperbehinderungen, Lernbehinderungen, Verhaltensauffälligkeiten, Seh-und Hörbehinderungen etcetera.
Im Bereich neuer Innovationsfelder werden für mediengestützte Arbeiten mittlerweile durchgehend Tablet-PCs eingesetzt (iPads), die sich durch ihren beinah kompletten Grad an Barrierefreiheit optimal für inklusive Medienarbeit eignen.
In einem der Hauptprojekte geht es vor allem um die Arbeit mit Bewegtbild: Schülerinnen und Schüler drehen in ihren Arbeits- und Ausbildungskontexten selbstständig Tutorials, in denen bestimmte Arbeitsprozesse gezeigt und erklärt werden. Teile der Videos werden zusätzlich in andere Lernmedien weiterverarbeitet, zum Beispiel als App oder E-Book. So können auch andere Lernende das Wissen nutzen.

Inhaltlich werden über diese Form von Medienprojekten folgende Lern- und Bildungsprozesse unterstützt und miteinander verbunden:

  • Darstellung von Arbeitsprozessen (Ausbildungswissen),
  • Softskills und soziale Kompetenzen (Gruppenarbeit bei der Erstellung des Videos, vier bis fünf Personen),
  • Wissen über Medienproduktion (Videodreh, Videoschnitt, Postproduktion),
  • Barrierefreiheit (Untertitel, leichte, verständliche Sprache etc.),
  • strukturiertes Arbeiten (sehr genaue Arbeit vor der Kamera, konzentriertes und gut vorbereitetes Arbeiten hinter der Kamera),
  • ergebnisorientiertes Arbeiten (Ziel),
  • Dokumentation des eigenen Handelns (Stolz auf die eigene Arbeit),
  • Form des Service-Learnings „Wissen weitergeben“ (Nachhaltigkeit),
  • enthalten auch Fehler, Optimierungsbedarf und Reflexion durch anders Lernende.

Im weiteren Gespräch reflektieren die Panelteilnehmenden, wie sehr sich die Rollen von Medienrezipient und Menschenproduzent durch die Entwicklung von Social Media schon heute annähern. YouTube ist hierfür ein anschauliches Beispiel. Aufbereitungsart und Präsentationsform sorgen für Aufmerksamkeit in jungen Zielgruppen, Wissen wird selbstbewusst und unterhaltsam präsentiert, der Austausch mit der Community schafft Nähe und Akzeptanz. Dies wird zukünftig vor allem für das Bildungsmaterial interessant werden, das zwangläufig nicht mehr von Schulbuchverlagen kommen muss beziehungsweise wird. Hier zeigen sich bereits Tendenzen einer Verlagerung von Monopolen. So können (und werden) digitale Formate durch ihr Potenzial an Aktualität, Barrierefreiheit und individueller Anpassungsoption das klassische Schulbuch möglicherweise stark verändern beziehungsweise vielleicht sogar überflüssig machen.

Eine finnische Pädagogin aus dem Publikum weist auf die interessante Tatsache hin, dass in Finnland das „Online-Lernen“ gerade als Teil der regulären Schulbildung mit Unterstützung des Bildungsministeriums eingeführt wird. Dies gilt für alle Schulformen und auch für Universitäten. Die Ansätze für Inklusion liegen auf der Hand. Barrierefreiheit wird dabei bewusst mitgedacht und -gestaltet (Gebärdensprache, Leichte Sprache, Inhalte werden bedarfsorientiert angepasst).