Neue Formen des Lernens - das Thema bei INKLUSION2025

Neue Formen des Lernens

Session 2: „Die guten ins Kröpfchen, die schlechten ins Töpfchen“ – neue Formen des Lernens

Alia Ciobanu, Barbara Brokamp und ....

Selbst organisierte Abiturvorbereitung statt Schule

Alia Ciobanu hat im Rahmen ihrer Schul- und Lernbiografie Erfahrungen gemacht, die für viele Schülerinnen und Schüler kaum vorstellbar sind: Sie hat für sich in der 11. Klasse entschieden, die Schule freiwillig zu verlassen und die Abiturvorbereitung in eigener Regie zu organisieren. In einem kurzen Input skizziert sie ihr Alternativmodell sowie ihre Erfahrungen.
Der freiwillige Schulaustritt hatte persönliche Gründe. Im Vordergrund stand die Kritik gegenüber dem Schulsystem mit seinem sehr rezeptiven und passiven Konsumlernen sowie dem starken hierarchischen Gefälle zwischen Schülerinnen und Schülern sowie Lehrkräften. Statt in die Klasse 12 zu wechseln, schloss sich Ciobanu mit mehreren Schülerinnen und Schülern zusammen und gründete die Schülerinitiative methodos e.V..
In der Umsetzung organisierte sich die Schülergruppe selbst, suchte sich eigene Räume, stellte eigene Lehrkräfte ein und entwickelte ein Konzept, das die Planung und Finanzierung sowie das Klären rechtlicher Aspekte beinhaltete. Die täglichen Lernsettings waren geprägt von der Selbstorganisation in Kleingruppen, die zu Teilen von Pädagogen zu bestimmten Themen und Fächern moderiert wurden. Die fachlichen Inputs wurden fast ausschließlich von den Schülerinnen und Schülern selber übernommen, die Lehrkräfte unterstützten eher in beratender Tätigkeit. Das Prüfungsszenario gestaltete sich deutlich umfangreicher, da insgesamt zwölf Prüfungen zu bewältigen waren, der endgültige Abiturnotendurchschnitt der Schülergruppe lag im Durchschnitt des Bundeslandes (Baden-Württemberg).

Erfahrungen in Lerngemeinschaften

Die Erfahrungswerte in dieser "anderen" Art von Lernstruktur beschreibt Ciobanu als vielfältig und fasst die folgenden als wichtigste Erkenntnis zusammen:

  • Es bedarf eines umfassenden Lernprozesses, sich vom passiven Lernen hin zu einem Lernen aus Neugierde zu entwickeln.
  • Die Einsicht, dass man die Verantwortung für sein eigenes Lernen (und Wissen) alleine trägt, lässt neue Formen von Motivation entstehen: weniger Ehrgeiz und Konkurrenz (Schule), und mehr Wissensdrang und Interesse.
  • Durch den hohen Grad an Selbstorganisation und Reflexion geht der Wissenserwerb weit über das angelernte Abiturwissen hinaus, vor allem persönliche und soziale Kompetenzen werden geübt und ausgebaut.
  • Die Rolle des sozialen Miteinanders bekommt eine wichtige Bedeutung: In der Lerngruppe ist jeder auf den anderen angewiesen. Man lernt schnell, dass Kommunikation und basisdemokratisches Verhalten wichtige Säulen von echter Teamarbeit sind.
  • Soziale Kontakte und Beziehungen unterscheiden sich von denen in der "normalen" Schule dadurch, dass es meistens weniger sind, sie sich durch die engere Zusammenarbeit aber auch intensiver und verlässlicher gestalten.
  • Der methodische Austausch mit Supervisoren hat die Schülerinnen und Schüler enorm voran gebracht. Themen wie Reflexion und Peer-to-peer-coaching eröffnen neue Erfahrungsebenen, die in Schule so gut wie war nicht angewendet werden.

Wie sich für Ciobanu in ihrer weiteren Lernbiografie gezeigt hat, setzt sich das System der passiven Wissensvermittlung an der Universität direkt fort. Ihr angefangenes Philosophiestudium hat sie konsequenterweise nach einer Weile ebenfalls abgebrochen und eine „freie Universität“ gegründet. Ihr Weg ist dabei das Ziel, „denn wir wissen noch nicht genau, wie sie aussehen soll. Wir haben uns auf den Weg gemacht, den Weg zu suchen, wie eine solche Art von Universität aussehen könnte.“

Oft hat man ja auch ein Gefühl dafür, wie es besser sein könnte. Darauf zu hören und den Mut zu haben, das auch umzusetzen, darauf kommt es an - auch wenn vieles vielleicht erst mal dagegen spricht.

Alia Ciobanu

Im Anschluss diskutieren die Teilnehmenden des Panels das Potenzial dieses Lernansatzes für das Thema Inklusion. Einerseits bieten solche selbstbestimmten Lerngemeinschaften viel Flexibilität in den Ausgestaltungsmöglichkeiten – Diversität und Vielfalt für individuelle Bildungswege und -prozesse können berücksichtigt und miteinbezogen werden. Andererseits liegt es nahe, dass die Intention solcher Lerngemeinschaften oftmals eher darin besteht, sich mit „ähnlich Gesinnten“ bezie-hungsweise Menschen mit ähnlichem Wissensstand oder -ziel zusammenzufinden. Der hohe Grad an Selbstorganisation bedarf des Weiteren eines hohen Maßes an Unterstützung und Know-how, was einerseits kostenintensiv sein oder auch überfordern könnte.
Ciobanu weist darauf hin, dass die Entscheidung, sich aus dem festen, vertrauten System Schule herauszulösen, nicht einfach gewesen ist. Das „Herausfallen“ aus dem als „sicher“ propagierten und von allen akzeptierten System war für alle ein großer Schritt.

Schulverweigerung als Konsequenz und Chance

Im zweiten Session-Input stellt Stefan Schwall die Arbeit seines gemeinnützigen Vereins apeiros e.V. vor. Schwall hat lange als Erzieher und Lehrer gearbeitet und schaut sehr kritisch auf das bestehende Bildungssystem Schule. Vor allem in der systematischen Benachteiligung bestimmter Gruppen junger Menschen sieht er viel Ungerechtigkeit und hat ein Handlungskonzept zur Schulverweigerung von jungen Menschen entwickelt. Dieses Konzept bildet mittlerweile die Grundlage für die Arbeit von apeiros e.V. (aus dem Griechischen kommend, mit der Bedeutung „noch nicht geformt“, „sich noch entwickelnd“). Hauptzielgruppe sind vor allem Kinder und Jugendliche, die aus den unterschiedlichsten Gründen die Schule verweigern. Die Hauptfrage, die sich Schwall in seinem Projektansatz stellt, ist nicht: „Warum gehen diese jungen Menschen nicht zur Schule?“, sondern „Wie machen sie das?“ (phänotypische Herangehensweise).

Neben dem fehlenden Abschluss geht es dabei vor allem auch um die Habitualisierung (zum Beispiel Selbstorganisation, Pünktlichkeit, Schulräume betreten, Konzentration, Präsentation etc.).
Oftmals haben diese Kinder und Jugendlichen keine Motivation mehr, sich für etwas einzusetzen und sich um etwas zu bemühen, das für sie keinen Sinn ergibt oder keinen Wert darstellt. Ziel jedes Begleitprozesses ist es, dem Kind beziehungsweise dem Jugendlichen ein Selbstwertgefühl zu vermitteln, bei dem er für sich erkennt: „Ich entscheide selber über das, was ich tue, und übernehme die Verantwortung für den Lernprozess – und die [gemeint sind Organisationen wie apeiros] zeigen mir, wie das geht und unterstützen mich dabei.“
In der Umsetzung sieht das so aus, dass es eine Anwesenheitspflicht gibt. Die Entscheidung, ob und was gelernt werden soll, liegt beim Jugendlichen selber. Die Erfahrungen zeigen, dass Kinder und Jugendliche unter Schulverweigerung sehr leiden, da ihnen bewusst ist, dass sie aus der Norm herausfallen. Dementsprechend versuchen sie, die Schuld abzugeben, unter anderem an die Eltern, das Fach, die Schule, Lehrkräfte etc. Wenn jemand lernen möchte, bekommt er beziehungsweise sie bei apeiros e.V. alles, was dafür nötig und gewünscht ist. In der Regel betreut eine Erwachsene oder ein Erwachsener zwei Jugendliche.
Am Ende des Betreuungsprozesses steht die Rückführung in das System Schule, wo er oder sie seine beziehungsweise ihre Bildungsbiografie fortsetzen kann. Besonders in Haupt- und Gesamtschulen gestalten sich solche Rückführungen aber oft problematisch.

Neue Wege denken und den Mut haben, sie erlebbar zu machen

Das Publikum und die Referierenden zeigen reges Interesse an dem apeiros-Modell. Es wird überlegt, welche Alternativen es geben könnte, sodass eine Rückführung in das System Schule unnötig wird. Hier wird das Model der lokalen Bildungslandschaften wieder aufgegriffen: Könnte es hier aktive und attraktive Mitstreiterinnen und Mitstreiter geben, die alternative Angebote für Lerngemeinschaften entwickeln und diesen Prozess nachhaltig begleiten beziehungsweise auch im Verbund möglicherweise übernehmen könnten? Auch das Thema Kontrolle wird unter den Teilnehmenden erläutert. Wie viel Kontrolle braucht ein Schulsystem, brauchen Kinder und Jugendliche? Das Problem von Lehrkräften, Kontrolle abzugeben, wird als wichtiger Punkt mehrfach genannt.
Die Frage, wo man ansetzen müsse, führt sehr klar zum Thema Haltung: Jede und jeder muss bei sich ansetzen und überlegen, in welcher Lernumgebung er oder sie selber gerne lernen würde. Die Ansätze der beiden Referierenden haben Möglichkeiten aufgezeigt, mit dem System Schule alternativ umzugehen. Ihr Appell liegt in dem Impuls, neue Wege zu denken und sich zu trauen, diese im Kleinen wie im Großen in die Tat umzusetzen. Erst dann wird man herausfinden, was daran gut ist und was noch verbessert werden kann – erst wenn jede und jeder das für sich beherzigt, entsteht die Grundlage für Vielfalt, die wir in jedem zukünftigen Bildungssystem brauchen werden.