Inklusive Lernorte von morgen - Kongress INKLUSION2025

Referierende:
Prof. Dr. Gerhard de Haan
Dr. Karl-Heinz Imhäuser
Dr. Siegfried H.X. Saerberg

Moderation:
Barbara Brokamp

Bisher wenig Erfahrung mit inklusiven Raumkonzepten

Ansprechende Bildungsorte und -räume sind wichtige Voraussetzungen für motiviertes und inklusives Lernen. Dr. Karl-Heinz Imhäuser zeigt am Bildungsort Schule auf, wie sich das Denken heutiger Generationen von Lehrkräften und Bildungsverantwortlichen nach wie vor an der „Flurschule“ als Bildungsort ausrichten. Da sie selber in dieser „klassischen“ Schulumgebung aufgewachsen sind, hat diese Erfahrung den Umgang mit dieser Art von Bildungsräumen stark geprägt. Da jeder Mensch Räume über seine eigenen Sinneswahrnehmungen konstruiert und aus ihnen räumliche Konstruktionen ableitet, wird daraus irgendwann eine Gewohnheit – der „Habitus“. Über unbewusstes Akzeptieren stellen wir die Gegebenheiten nicht mehr infrage und agieren nur noch mit dem Vorhandenen.

Fazit: Uns allen fehlen bisher eigene Erfahrungswerte mit alternativen, inklusiven Raumkonzepten, die uns dazu bringen, unseren „Habitus“ wieder neu auszurichten beziehungsweise zu verändern.

Über den Input von Dr. Siegfried H.X. Saerberg wird zusätzlich deutlich, dass nicht nur die „klassische“ Raumprägung ein Hindernis ist, sondern auch die Wahrnehmung innerhalb von Räumen. Die Konstruktion von Räumen über Sinneswahrnehmungen ist oftmals einseitig, denn sie ist visuell geprägt und deckt andere Navigationsfelder wie zum Beispiel Seh- oder Hörbeeinträchtigungen nicht ab. Er veranschaulicht das über eigene Erfahrungswerte als blinder Mensch, der sich in privaten wie auch sozialen Räumen über seine „eigene“ Art der Wahrnehmung zurechtfinden muss. Angewiesen auf sinnhafte Beschreibungen („da vorne rechts“ hilft nicht weiter), braucht es akustische oder andere sensitive Fixpunkte, die ihm bei der Raumkonstruktion helfen. Daher ist es bei der Gestaltung inklusiver Lernorte unabdingbar, die verschiedenen Bedarfsgruppen frühzeitig in die Planung einzubeziehen. Räume müssen von vornherein partizipativ gestaltet werden, Theorie und Praxis müssen eng zusammenarbeiten.

Diskussionsteilnehmer

Welche Kriterien müssen inklusive Lernräume erfüllen?

Ausgangspunkt für eine solche Überlegung sind Ganztagsumfelder, in denen altersübergreifend gelernt wird. In einem gemeinsamen Diskurs werden im Panel folgende Kriterien gesammelt:

  • Integrative Räume für Begegnung, Austausch und Teamarbeit,
  • Rückzugsräume für Einzelarbeit und Ruhezonen (besondere Ausstattung),
  • Spielräume,
  • runde Räume,
  • mobiles Inventar, das für alle nutzbar ist,
  • gute Licht und Luftverhältnisse,
  • Farben,
  • Akustik (Geräuschreduzierung),
  • Barrierefreiheit,
  • technische Ausstattung.

Eine inklusive Raumumgebung geht nicht nur auf einzelne Bedürfnisse ein, sondern ermöglicht auch eine freiere Entscheidungswahl, wie Individuen Räume für sich entdecken und nutzen wollen. Sie spiegelt außerdem Haltung wider, wie beispielsweise Wertschätzung, die in Räumen über Licht, Farben, Details etc. sichtbar wird und Einfluss auf Lernprozesse hat.
Imhäuser appelliert vor diesem Hintergrund an Bildungsakteure und betont die Notwendigkeit, den eigenen „Habitus“ und die eigenen Denkmuster immer wieder zu hinterfragen. Bei einer Prozesspla-nung für inklusive Schulgestaltung geht es vor allem um die Selbstreflexion eigener Vorstellungen, das Infragestellen des eigenen Tuns und die Anreicherung des Blickwinkels durch andere (neue) Perspektiven.

Was können Lernorte zukünftig überhaupt leisten?

Neben der Frage nach inklusiven Raumkonzepten stellt sich für die Bildungsorte der Zukunft vor allem auch die wichtige Frage nach ihrer Bedeutung. Wer soll was, wie, an welchen Orten zukünftig lernen? Prof. Dr. Gerhard de Haan weist in diesem Kontext darauf hin, wie stark gerade der formelle Bildungsort Schule mit dieser Frage bereits heute überlastet ist. Viele wichtige Fragen können derzeit nicht geklärt werden und verunsichern Schule hochgradig. Allen voran steht die Frage, was der Bildungsort Schule in einer Gesellschaft zukünftig überhaupt leisten kann und welche Art von Schule gebraucht wird, um den komplexen Anforderungen gerecht zu werden: Fachwissen und Allgemeinwissen vermitteln, soziale und personale Kompetenzen stärken, (soziale) Defizite ausgleichen, lebenslanges Lernen lehren, Chancengleichheit und Inklusion sichern, Medienkompetenz fördern, gesellschaftliche Kohärenz herstellen usw.

De Haan skizziert hierzu drei mögliche Szenarien, die für die Weiterentwicklung des Bildungssystems relevant sein könnten:

Szenario 1: Die Weiterführung des bürokratischen Systems

Schule ist ein robustes, bürokratisches und konservatives System, das in seiner Form bereits seit mehreren Jahrhunderten existiert. In diesem System, wie es auch heute besteht, werden sich Ansprüche wie Chancengerechtigkeit und -gleichheit auch in Zukunft nicht umsetzen lassen. Prognose: Dieses System mit seinen getrennten Schulformen bleibt auch zukünftig stark überfordert und Lösungswege werden nur in Ansätzen greifen.

Statt Verbesserungen werden sich Ausweichmodelle und -taktiken etablieren. So wird zum Beispiel die Entwicklung freier Schulen weiter zunehmen und einen großen Zulauf verzeichnen können. Daneben werden sich weitere Lernformen und Nachhilfeformate außerhalb von Schule formieren – ein wachsender Sektor, mit dem sich zukünftig viel Geld verdienen lässt (Bildungsbürgertum). Aufgrund von Selektion und Separation werden die Chancen für Inklusion und Chancengerechtigkeit in diesem Szenario begrenzt sein.

Zukünftig geht es nicht mehr um die Frage welche Funktion ein Lernraum bzw. ein Bildungsort hat, sondern wie sie Kinder, Jugendlicher, Erwachsene in ihrer Lernbiografie gut und erfolgreich unterstützen kann.

Prof. Dr. Gerhard de Haan

Szenario 2: Die Entwicklung lokaler Bildungslandschaften

Stark angestoßen durch die Kommunen, öffnet sich der formale Bildungsort Schule in diesem Sze-nario in den Sozialraum. Schulen werden zu Bildungsorten, die ein Interesse haben, vor Ort mitzuwirken und mitzugestalten, da Angebote von Land und Bund oft nicht zu den Bedingungen vor Ort passen und ausdifferenzierende Problemlagen vor Ort anders gelöst werden müssen (Schulen in sozialen Brennpunkten).

Im besten Falle bedeutet es, dass sich eine Schule zu einer Bildungseinrichtung entwickelt, die beispielsweise Räumlichkeiten mit einem angrenzenden Seniorenheim gemeinsam nutzt (Mensa), in der die Stadtteilbibliothek räumlich ebenso integriert ist wie die Kulturbühne für Veranstaltungen im Viertel. Weitere Räumlichkeiten können von Bewohnern des Quartiers für private Anlässe gebucht werden etc.

Prof. De Haan: Wenn wir über Änderungen am Bildungssystem für #Inklusion reden, reden wir von einem Zeitraum v 30 Jahren! #zki2025 #Panel2

Inklusion_HH ‏@InklusionHH

Dieser Ansatz arbeitet nicht mehr mit der Frage, welche Funktion die Bildungseinrichtung Schule hat, sondern fragt danach, was die Bewohner eines Quartiers brauchen, was jedes Kind, jede und jeder Jugendliche, jede und jeder Erwachsene für eine erfolgreiche Lernbiografie und ein zufriedenes Leben benötigt. Auf Seiten der Akteurinnen und Akteure bedeutet dies die Einbindung von Familie, Jugendhilfe, Volkshochschule, Kulturverein, Unternehmen, Lehrerschaft, Gesundheitseinrichtungen entsprechend der Bedarfe und der Lebens- beziehungsweise Entwicklungsphasen. Die Rolle von Lehrkräften würde sich wandeln und viel höhere Anteile an Moderation und Beratung voraussetzen. Kooperation, Kommunikation, Vermittlung und Austausch im Netzwerk würden eine wichtige Säule darstellen.
Da Entscheidungen vom Individuum selbst getroffen werden, liegen die Chancen für Inklusion in diesem Szenario deutlich höher. Die Qualität einer solchen Bildungsregion könnte allerdings auch stark von den entsprechenden Partnern im lokalen Netzwerk abhängen. Hat eine Kommune viel Geld und starke Partner, wird auch die Qualität von Bildung eine andere sein als in eher struktur-schwachen Regionen. Bundesweit würden starke Konkurrenzsituationen entstehen, reiche Regionen wären Vorbild, was wiederum zu einer Chancenungerechtigkeit führen könnte.

Szenario 3: Selbst organisierende Lerngemeinschaften

Möglicherweise wird Schule durch die immer weiter wachsende Digitalisierung aller Lebensbereiche zukünftig als lokaler Bildungsort sogar an Bedeutung verlieren, da die Zugänge zu Wissen und Bildung über vielfältige Kanäle auch außerhalb von Schule zur Verfügung stehen. So könnten sich frei organisierte Lerngemeinschaften bilden, die jenseits von festen Bildungsorten agieren und sich offline, aber vor allem auch online in Lernportalen und -gruppen zusammenfinden. Dabei werden sich eher Gruppen mit ähnlichen Interessen oder Zielen bilden. Bereits heute gibt es hierzu hohe dynamische Entwicklungen im Bereich der „Massive Open Online Courses“ (vor allem in USA), die sich parallel auch in kleinere Lerngemeinschaften organisieren, um ein bestimmtes, selbst gestecktes (Lern-)Ziel zu erreichen. Einzelne Zertifikate werden nicht mehr entscheidend sein, sondern es geht eher um ein Gesamtportfolio und den Nachweis bestimmter Kompetenzen. Die Rolle der Lehrkraft würde sich in diesem Szenario weitestgehend aufheben.

Ein hoher Grad an Exklusivität und Exklusion ist auch hier ein Nachteil. Das Szenario setzt klar voraus, dass Selbstorganisation und Disziplin als Kompetenzen stark ausgeprägt sind, was sich für bestimmte Milieus auch zukünftig nicht voraussetzen lässt. Für Inklusionsprozesse wäre dieser Ansatz eher kontraproduktiv.