Potenzial erkennen und fördern - Kongress Aktion Mensch

Session 6: „Ich sehe was in dir, das du nicht siehst“: Erkennung und Förderung individueller Potentiale

Referierende:
Prof. Dr. Olaf-Axel Burow, Professor am Institut für Erziehungswissenschaft, Universität Kassel
Jeannine Novitzki, Studentin
Max Kreul, Schüler
Justus Schlaffge, Schüler

Moderatorin:
Barbara Brokamp, Montag Stiftung Jugend und Gesellschaft

Das eigene „Element“ finden
Professor Burow skizziert in seinem Kurzvortrag den Anspruch an die Schule der Zukunft: eine Lernumgebung zu schaffen, in der jeder junge Mensch individuell gefördert werden kann. Wie sich von Howard Garner ableiten lässt, gibt es acht (und eine halbe) grundlegende Kompetenzen, die einen Einfluss auf die Bildung eines Menschen nehmen:

  • Sprachliche Intelligenz
  • Logisch-mathematische Intelligenz
  • Musikalisch-rhythmische Intelligenz
  • Bildlich-räumliche Intelligenz
  • Körperlich-bewegliche Intelligenz
  • Naturalistische Intelligenz
  • Interpersonelle Intelligenz
  • Intrapersonelle Intelligenz
  • Existenzielle/spirituelle Intelligenz
Junge Menschen haben viele gute Ideen, sie werden aber nicht wirklich ernst darin genommen, was vor allem an der Haltung der Pädagogen liegt – das müssen wir endlich ändern

Prof. Dr. Olaf Axel Burow

Kompetenzen gibt es nie in Reinkultur, sondern sie summieren sich in jedem Menschen in einer spezifischen Mischung. In einer heterogenen Klasse wird dies im heutigen Schulsystem zu einer kaum zu überwindenden Herausforderung.
Was zeichnet erfolgreiche Menschen aus? Laut einer Publikation von Keith Robinson haben solche Menschen bereits in ihrer frühen Kindheit ihr „Element“ gefunden. Unter „Element“ versteht Robinson das, was eine Person innerlich berührt, was ihr liegt, wofür sie Leidenschaft entwickelt und zu der man sie nicht zwingen muss. Wie sich zeigt, sind Menschen mit erfolgreicher Bildungsbiografie oftmals „Sampler“, die viel ausprobiert haben, bevor sie herausgefunden haben, was zu ihnen passt.

Zuhörer in der Session

Ohne individuelle Förderung wird es zukünftig nicht gehen

Im aktuellen Schulsystem können junge Menschen laut Burow jedoch kaum sampeln: Sie müssen ein Standardprogramm absolvieren und vorgegebene Rahmenbedingungen erfüllen. Individuelle Leistungsförderung findet so gut wie nicht statt. Schaut man sich heutige Bildungsstände innerhalb von Schulklassen an, so bestehen bereits in der Grundschule Leistungsunterschiede von bis zu drei Schuljahren. Die „Jahrgangsklasse“ als Bezeichnung ist reine Fiktion und den kommenden Entwicklungen nicht mehr angemessen.

Burow plädiert daher für eine inklusive Begabtenförderung. Jedes Kind hat einen besonderen Förderbedarf, junge Menschen mit Beeinträchtigung wie auch Hochbegabte – und alle müssen in ihren Stärken und Schwächen individuell unterstützt werden. Wenn jemand etwas nicht gut kann, werden andere darauf aufmerksam – und das enthält Potenziale. Denn auch Defizite beinhalten die Möglichkeit, Synergien zu nutzen, indem Kinder mit unterschiedlichen Fähigkeiten und Schwächen sich produktiv ergänzen. Anstatt sich auf den Einzelnen zu fixieren, sollten Bildungseinrichtungen viel stärker die Chance ergreifen, Kinder mit unterschiedlichen Fähigkeiten in Teams zusammen lernen zu lassen. So werden Stärken gemeinsam genutzt und Schwächen gemeinsam unterstützt. Zudem haben viele Kinder Fähigkeiten, die die Schule von heute gar nicht abfragt.

Wichtige Grundlagen für die inklusive Schule von morgen

Burow stellt die sogenannten „3x3 Prinzipien“ vor, die eine wichtige Grundlage für eine inklusive Schule von morgen darstellen:

  • Alles muss verstehbar, bedeutsam und handhabbar sein.
  • Der Raum für Selbstbestimmung (-erfahrung) muss alters- und fähigkeitsgemäß erweitert werden (Element finden), Kompetenz- und Sinnerleben sowie das Erleben von Zugehörigkeit muss möglich sein.
  • Es braucht einen wertschätzenden Umgang; Vielfalt muss als Chance begriffen werden und es müssen ein gemeinsames Zukunftsbild sowie ein Umsetzungsplan („Wie will man dort hinkommen?“) erstellt werden.

Aus dem Publikum kommt der Hinweis, dass Inklusion auch bedeuten kann, einen eigenen Lernraum für sich haben zu können. Nicht jede und jeder lernt gerne und gut in Gruppen und auch für diese Haltung braucht es innerhalb des Miteinanders Akzeptanz: Das Menschenrecht zur Partizipation sollte nicht in eine Pflicht umgedeutet werden.

Buchhinweis: Olaf-Axel Burow: Positive Pädagogik: Sieben Wege zu Lernfreude und Schulglück, 2011

Junge Bildungsbiografien

Die drei jungen Panelgäste Jeannine Novitzki, Justus Schlaffge und Max Kreul erzählen von ihren bisherigen Bildungsbiografien und reflektieren über ihre bisherigen Erfahrungen. Ob sie bereits ihr Element gefunden haben, lässt sich von allen Dreien noch schwer einordnen. Schlaffge glaubt schon: Nach einigen Überlegungen hat er sich gegen Abitur und Architekturstudium und für eine Ausbildung mit sozialen Anteilen entschieden. Er merkt an, dass sich so etwas eher im Nachhinein bewerten lässt.

Aus seiner Sicht hat die Schule selber nicht sehr viel zu seiner „Element-Findung“ beigetragen. Kreul kann wegen seiner Behinderung seinen Wunsch, Pilot zu werden, nicht realisieren. Er musste für sich einen Kompromiss finden. Der Wechsel von der weiterführenden Schule auf ein Berufskolleg hat ihn stark motiviert, da vieles dort interessengesteuert und praktischer ausgerichtet ist. Er kann sich vorstellen, Orthopädietechnik zu studieren.

Novitzki hatte sich erst für ein Grundschulstudium an der Uni eingeschrieben und bereits im Praktikum gemerkt, dass dies noch nicht der richtige Rahmen ist. Letztlich wechselte sie in den Studiengang „Sonderpädagogische Förderung“ und fühlt sich deutlich wohler, da ihr die Formen der Wissensvermittlung dort sehr viel mehr Spaß machen.

Als junge Frau mit einer Körperbehinderung kritisiert sie außerdem die Wahrnehmung und Einordnung von Behinderung im derzeitigen Bildungssystem: Wer keine sichtbare Behinderung hat und sich nicht als „Behinderte“ ausweisen kann, steht dem Thema individuelle Unterstützung und Förderung so gut wie immer hilflos gegenüber. Ohne offizielle Nachweise fällt man aus dem deutschen Bildungssystem recht schnell raus, da es keine Maßstäbe beziehungsweise nur Standard-Maßstäbe gibt, die nur für wenige passen. Weitere Panelteilnehmende unterstützen dies durch die Schilderung eigener Erfahrungen.

Vertrauensbildung als Grundhaltung für inklusive Bildungskontexte

Um bei Kindern und Jugendlichen eine Förderung des „persönlichen Elements“ zu unterstützen, braucht es von Seiten der pädagogischen Akteure eine bewusste Kultur des Vertrauens. Gemeinsam mit der Moderatorin überlegen die Panel-Teilnehmenden, wie sich diese vielfach angesprochene und für so wichtig befundene Vertrauensbildung ermöglichen lässt. Woran lässt sich eine Kultur des Vertrauens erkennen? Gibt es Ansätze, die sich ausbauen lassen?

  • Raum zum eigenen Ausprobieren erhalten (kreatives Feld)
  • Leistungsgedanken an die Seite legen und das würdigen, was der junge Mensch anbietet, selber in Erfahrung zu bringen und was er bereit ist, zu wagen. Solche neuen Formen müssen erst gelernt werden. Bisher herrscht die Gewohnheit vor, das zu erfüllen, was vorgegeben und erwartet wird. Es bedarf durchdachter Konzepte und engagierter Pädagogen (Team), um solche Formen mit Kindern und Jugendlichen gemeinsam umzusetzen.
  • Denk- und Gesprächsformen zwischen jungem Mensch und Pädagoge anbieten, in denen über Dinge (gemeinsam) reflektiert werden kann (Erwachsener, der an der Persönlichkeit eines jungen Menschen interessiert ist, und dessen Fragen, Probleme, Gedanken und Vorlieben ernst nimmt).
  • Freiräume ermöglichen, um sich langweilen zu dürfen – denn nur dann kommt man auf Din-ge, die einen interessieren. Es bietet sich die Chance, sich nicht an dem zu orientieren, was schon da ist, sondern an dem, was noch fehlt.
  • Ein „Lernen um des Lernens willen“ unterstützen – das Verstehen und Begreifen von Dingen, die junge Menschen umgeben und auf die sie neugierig sind.

Albrecht merkt an, dass die Generation Y durch ihre „Suche nach dem Sinn“ dafür eigentlich schon prädestiniert ist, denn die Frage „wozu und warum“ ist für sie sehr wichtig – selbstständiges Lernen und Arbeiten sowie Eigenmotivation sind hierfür wichtige Voraussetzungen.
Auf breite Zustimmung im Publikum trifft ein weiterer Hinweis: Für die positive Erfahrung bezüglich Vertrauenskultur bietet die außerschulische Jugendbildung wichtige und gute Anknüpfungspunkte. Das Erleben der Wirksamkeit, etwas (gemeinsam) schaffen zu können, ist gerade für junge Menschen eine wichtige Erfahrung, nach der auch gesucht wird. Hier müssen sich Schule und außerschulische Jugendarbeit noch viel stärker miteinander verzahnen und gemeinsam agieren.