Future Fit: Bildung für die Zukunft - Aktion Mensch

Session 3: „Sieben auf einen Streich" – Future-Fit für eine Ausbildungswelt mit Anspruch

Diskussionsrunde um Margret Rasfeld

Referierende:
Margret Rasfeld, Schulleiterin und Mitbegründerin der Initiative „Schule im Aufbruch“
Schülerinnen und Schüler des Projekts „Schüler coachen Manager“ (Paulina, Ivy)
Dr. Imke Bona, Leiterin Personalentwicklung, DB ML AG

Moderatorin:
Barbara Brokamp, Montag Stiftung Jugend und Gesellschaft

Im Rahmen von Kooperationsprojekten erfreuen sich derzeit neue Formate für die Management- und Führungskräfteentwicklung wachsender Beliebtheit. Zu den Schwerpunktthemen gehören häufig das Thema Motivation, Wertschätzung sowie die Lösung großer Führungsfragen: Wie entsteht Kreativität? Wie lässt sich die Energie von Gruppen nutzen? Und was versteht man unter einer erfolgreichen Unternehmenskultur?

Perspektivwechsel und das Hinterfragen von Selbstverständlichkeiten

Ein innovatives Projekt von Margret Rasfeld, Vordenkerin und Schulleiterin einer Innovationsschule in Berlin, versucht, darauf Antworten zu finden. Bei „Schüler coachen Manager“ arbeiten junge Menschen mit Führungskräften zusammen und sammeln gegenseitig wertvolle Erfahrungen, die auf der Basis eines umfassenden Perspektivenwechsels beruhen und auf das Hinterfragen von scheinbaren Selbstverständlichkeiten abzielen. Speziell Führungskräfte kennen sich in ihren Arbeitsfeldern zwar gut aus, agieren in ihrer Führungsrolle selbstbewusst, haben aber häufig wenige Ansätze und Ideen, Zustände zu verbessern oder andere Mitarbeiter in ihrer Arbeit zu motivieren und teamorientiert zu fördern. Gerade in Bezug auf Kreativität können Manager von jungen Menschen sehr viel lernen.

Der Bedarf an neuen Fortbildungsformen ist auch von Unternehmen wie der Deutschen Bahn erkannt worden. Dr. Imke Bona, Leiterin Personalentwicklung in der Konzernleitung der Deutschen Bahn, bestätigt dies: Auch in ihrem Unternehmen wird vor dem Hintergrund von Digitalisierung und demografischem Wandel die Frage nach der Zukunftsfähigkeit großgeschrieben. Wie stellt sich ein Unternehmen auf die nächste Generation ein und wie können wir auch zukünftig am Markt erfolgreich sein?
Das Thema Kulturwandel innerhalb des Unternehmens ist in diesem Kontext ein wichtiges und großes Unterfangen. Um Haltungsänderungen herbeizuführen, braucht es, laut Bona, auch mal Irritation, die man am eigenen Leib erfährt. In interessanten methodischen Settings lässt sich dies nachhaltig veranschaulichen und lernen. Daher ist das Projekt „Schüler coachen Manager“ sehr wertvoll und ein wichtiger Impulsgeber für interne Prozesse.

Erfahrungen aus Schülerinnensicht

Paulina und Ivy, zwei Schülerinnen aus dem Projekt fassen ihre Erfahrungen aus den Workshops mit Führungskräften in folgenden Hauptaussagen zusammen:

  • Das Wissen der Manager ist oft sehr abstrakt, effizient orientiert und von vielen Fachwörtern geprägt.
  • Zu Beginn gibt es meistens viel Skepsis: was wissen Jugendliche schon, was Erwachsene noch besser machen können? Es herrscht viel Distanz und Vorsicht.
  • Es hat viele Führungskräfte irritiert, dass die Schülerinnen und Schüler an ihrer eigenen Schule kein Problem damit haben Lehrer und Coach in ein und derselben Rolle zu akzeptieren. Im Arbeitsleben wird das als kaum vorstellbar bezeichnet. Die Einsicht, dass sich darüber Zusammenarbeit ganz anders definieren lässt, wird als wichtiger Lernprozess festgehalten.
  • Je länger die Zusammenarbeit dauert, umso mehr haben sich vor allem die Erwachsenen geöffnet und eine andere Sicht auf ihr Verhalten zugelassen.
  • Lob aussprechen fällt Führungskräfte oft sehr schwer und sie wenden es im Alltag eher wenig an. Es bedarf verschiedener Übungen und eines Distanzabbaus, bevor auch die Erwachsenen sich öffnen, sind die Hemmungen abgebaut, wird es oft auch direkt persönlich. Daran sieht man, wie schnell sich gewohnte Strukturen (Distanzen) auflösen lassen. Das Anwenden einer bewussten Lobkultur löst bei Führungskräften viel Nachdenken aus.
  • Im kreativen Austausch beider Seiten finden sich immer wieder neue Ideen, die zuvor noch nicht mitgedacht worden sind (oft bezogen auf zielgerichtete Fragen, die bearbeitet worden sind), die Erweiterung der verschiedenen Perspektiven wird als sehr hilfreich und inspirierend empfunden (Methoden des design thinkings)

Frau Rasfeld weist in diesem Zusammenhang darauf hin, dass viele der gemachten Erfahrungen auf „normalen“ Verhaltensweisen von Menschen gegenüber Machtsystemen beruhen. Ob in Schule oder Unternehmen, die Workshops verdeutlichen sehr gut, wie sehr Menschen es gewohnt sind in Hierarchien zu arbeiten und sich nach „oben“ zu orientieren. Die meisten bringen dadurch eine hohe Anpassungsbereitschaft mit, um in einem hierarchischen System zu existieren und das System auch zu bedienen. Diese Strukturen auf Augenhöhe zu bringen und zu reflektieren ist eines der wichtigsten Projektziele.

Eine Schule, die individuelle Förderung großschreibt

Hinter dem innovativen Kooperationsprojekt und seinen aktiven Schülerinnen und Schülern steht die Evangelische Schule Berlin Zentrum, die sich als Reform-Schule mit radikalem Wandel der Lernkultur beschäftigt. Als Schule in freier Trägerschaft will sie beispielgebend sein im Hinblick auf zukunftsfähige Entwicklungen. In einem kurzen Input erläutert die Schulleiterin Margret Rasfeld ihren Ansatz:
Die evangelische Schule Berlin Zentrum basiert auf einem eigens entwickelten, alternativen Schulkonzept. Der Mensch an sich steht dabei im Mittelpunkt, Schule wird als Ort für Sozialentfaltung verstanden. Schülerinnen und Schüler lernen von Beginn an themenorientiert (individualisierte Lernkonzepte), in heterogenen Gruppen, jahrgangsübergreifend. Jedes Kind beziehungsweise jede und jeder Jugendliche hat als festen Ansprechpartner oder -partnerin eine Lehrkraft an der Seite, die auch als Coach agiert (zwei bezahlte Stunden in der Woche). Es gibt außerdem ein sogenanntes „Buddy-System“, bei dem Schülerinnen und Schüler, die in einem Fach besonders gut sind, jemanden der nicht so gut ist, in diesem Fach coachen. Die Schulfächer heißen zum Beispiel „Verantwortung“, dort übernehmen Schülerinnen und Schüler eine verantwortungsvolle Rolle im Gemeinwesen. Ein weiteres Fach nennt sich „Herausforderung“, hier muss jede und jeder Jugendliche eine dreiwöchige persönliche Herausforderung außerhalb von Berlin annehmen – mit maximal 150 Euro Ausstattung.

Aufgrund der sich stetig verändernden Strukturen innerhalb der Schule (derzeit wird an einem neuen Konzept für die Oberstufe gearbeitet) bezeichnet Frau Rasfeld ihre Schülerinnen und Schüler als sogenannte „Wandelversteher“: Sie erleben mit, wie sich eine Institution fundamental wandeln kann und Haltungen sich ändern können.

Sie lernen in der Schule bereits Methoden des Coachings und Mentorings kennen. Sie wissen, wie Vertrauen entsteht (von innen her kommende Motivation, Spaß an sinnvoller Arbeit, guter Umgang untereinander), und haben den Vorteil, aus praktischen Erfahrungen zu berichten und nicht aus theoretisch Angelerntem.
Im Gespräch wird klar, dass es Schülerinnen und Schüler, die diese andere Art von Schulbildung nicht kennen, sicherlich schwerer fällt, diese Andersartigkeit zu antizipieren und Projekte wie „Schüler coachen Manager“ inhaltlich zu begleiten.

Junge Menschen sprechen aus dem Herzen und konstruieren keine Sätze, das ist auch das, was die eigentlich große Wirkung in diesem Projekt erzeugt.

Margret Rasfeld

Wie lässt sich eine Kultur des Vertrauens ermöglichen?

Im Austausch mit den Panelteilnehmenden wird anschließend erörtert, was eine Schule dazu beitragen kann, die Bedürfnisse von Kindern und Jugendlichen zum Ausdruck zu bringen? Das Ziel, dass Kinder und Jugendliche sich trauen, sich mitzuteilen und selbstbewusst auszuprobieren, kann man zu erreichen versuchen,

  • indem man für sie ansprechende und für sie passende Räume schafft,
  • indem genug Zeit für ihre Bedarfe und Ideen ist,
  • indem bestimmte Orientierungsstrukturen da sind,
  • indem Schule ein angstfreier Raum ist (Schule an sich ist oftmals angstbehaftet, ähnlich wie Unternehmen auch),
  • indem Strukturen angemessen aufgebrochen werden und Kulturwandel in den Schulen bewusst gestaltet wird.

Imke Bona merkt dazu an, dass es einfacher ist, einen Strukturwandel an jemanden zu spiegeln, der ihn schon hinter sich hat. So kann man sich selbst besser verorten und sieht eher, wohin die Reise gehen kann. Schule und Unternehmen haben an vielen Stellen große Ähnlichkeiten und können in diesem Prozess voneinander profitieren.

Welche Art von Auszubildenden brauchen Unternehmen zukünftig?

Derzeit sind Unternehmen oft unzufrieden, was Schule heute leistet. Es gibt viele gute Auszubildende, aber auch viele, die erst zur Ausbildungsreife gebracht werden müssen. Es fehlt vor allem an persönlichen und sozialen Kompetenzen. Weitere Aspekte, die von Unternehmen geschätzt und erwartet werden, sind: Selbsteinschätzung, Feedback-Kultur, Wertschätzung, Kritikfähigkeit, Reflexionsvermögen – als Grundlage für eine Kultur des Miteinanders.

Zukünftig wird es immer weniger um Noten und Zeugnisse gehen, sondern darum, welche Kompetenzen potenzielle Auszubildende mitbringen und anwenden, welche Interessen sie haben und wo beziehungsweise in welcher Ausbildung sie voraussichtlich gut aufgehoben sind. Oftmals fehlt es Auszubildenden an Persönlichkeit, viele Kandidaten ähneln sich in ihren Profilen.
Es muss noch viel stärker darum gehen, junge Menschen dort einzusetzen, wo sie auch hinpassen. Hier sollte zukünftig noch viel perspektivischer agiert werden. Berufswege sollten langfristiger gedacht werden als heute. Der Übergang von Schule in den Beruf wird immer individueller, es muss an den Bedarfen junger Menschen angesetzt werden und nicht nur da, wo Schule oder Unternehmen sie verorten möchte.

Des Weiteren wird der Einsatz von Ausbildungsbegleitern, die junge Menschen während der Ausbil-dung unterstützen, immer wichtiger. Nicht nur in der Berufsschule, sondern auch im Unternehmen muss es Mentoren geben, die ihre Mitarbeiter im Unternehmen und auch auf ihrem Berufsweg persönlich begleiten. Diesen Entwicklungen müssen sich auch Hochschulen dringend öffnen.

zwei Schülerinnen bei der Diskussion

Miteinander und voneinander Lernen als Modell für Vielfalt

In Zuge der offenen Gesprächsrunde mit dem Publikum wird der Blick auch nochmal auf die Förderung von Individuen gelenkt. Es wird deutlich, dass es an vielen Stellen um die Wiederentdeckung des Selbstverständlichen geht: wie lernen Kinder eigentlich, bevor sie in die Schule kommen? Und wie können wir das erhalten und durch Schule so wenig wie möglich stören? Wir entdecken gerade wieder, dass es darum geht die angeborene Neugierde am Lernen zu erhalten und wie wichtig es ist in Beziehungen zu lernen und Dinge voneinander annehmen lernen.
Bedingungen für eine positive Lernerfahrung sind:

  • Reflexion (Schülern als auch von Lehrern)
  • Selbstmotivation (Lob)
  • Scheitern als Chance (nächstes Mal mach ich´s besser, weil ich verstehe, was nicht so gut war)

Immer wieder werden in dem Panelgespräch Bezüge zum Zukunftsmodell lokale Bildungslandschaf-ten geknüpft. In diesem Modell sehen Panelteilnehmende viel Potential, das vor allem gezielt im Verbund verschiedener Bildungseinrichtungen entwickelt werden kann. Dabei geht es aber vor allem auch um die allgemeine Haltung sich in diesem Verbund als Gemeinschaft zu verstehen, die für die Bildung aller Kinder verantwortlich ist. Wenn möglich in Systemen, die allen Kindern zur Verfügung stehen.

Partizipation junger Menschen an Bildungsprozessen fördern

Frau Rasfeld weist in diesem Zusammenhang auf die Langzeitstudie "Deutsche Zustände" des Pädagogikprofessors Wilhelm Heitmeyer hin (2011), die in der deutschen Gesellschaft eine deutliche Verringerung von Solidarität und Gemeinschaftssinn offen legt (vor allem auch im Bildungsbürgertum) und somit auch für das Thema Inklusion offene Fragen aufwirft.
Umso wichtiger wird es zukünftig sein, jungen Menschen positive und bewusste Erfahrungswerte beim Umgang und bei der Begegnung mit Vielfalt zu vermitteln. Vor allem muss das Miteinander zwischen Menschen gefördert werden, die sich sonst nicht begegneten (Menschen unterschiedlicher Kulturen, Altersstufen, mit und ohne Behinderung, verschiedener Religionen, Stadtteile etcetera).

Und nicht nur die Förderung des gesellschaftlichen Miteinanders wird für zukunftsfähiges Handeln von Bedeutung sein, auch die Einbeziehung von jungen Menschen in Bildungsprozesse sollte deutlich erhöht werden. Kinder und Jugendliche haben das Recht auf Mitwirkung an allen für sie relevanten Dingen (Agenda 21). Sie bringen andere Sichtweisen ein, kennen Sinnhaftigkeit und Bedarfe ihrer Generation und können mit Ideen vor allem auch Innovationsprozesse ernsthaft mitgestalten und unterstützen (siehe Beispiel: „Schüler coachen Manager“).
Für eine zukunftsfähige Gesellschaft brauchen wir an dieser Stelle einen entscheidenden Haltungswandel bei Erwachsenen.