Inklusion als Chance für Unternehmen? Aktion Mensch

Session 6: Zu allem fähig: Wie sich Inklusion und Unternehmensziele verbinden lassen

Regula Dietsche und Nils Jent

Referierende:
Prof. Dr. Nils Jent
Dr. Albert E. Frieder
Dr. Regula Dietsche
Alle vom Center for Disability and Integration an der Universität St. Gallen (Schweiz)

Moderator:
Stefan Burkhardt, freier Berater und Projektleiter, SozialManagementBeratung

Ability Management und komparative Kompetenz
Prof. Dr. Nils Jent, Dr. Albert E. Frieder und Dr. Regula Dietsche vom Center for Disability and Integration in St. Gallen erläutern ihr Konzept des Ability Management, dessen zentraler Ansatzpunkt der von Jent geprägte Begriff der „Kompetenz“ ist.

Bisher ist die Unternehmenskultur in Deutschland eher von einem defizitären Blick auf die Angestellten geprägt. Ability Management hingegen heißt, nicht nach den Defiziten eines Menschen zu fragen, sondern nach seinen Fähigkeiten. Das Center for Disability and Integration beschäftigt sich mit konkreten Ansätzen für ein Management, das die brachliegenden Kompetenzen und Fähigkeiten der Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen entdeckt und fördert.

Albert E. Frieder

Jeder Mensch hat sogenannte komparative Kompetenzen, die durch soziale Umstände wie Geschlecht, Alter, Behinderung etc. geprägt werden. Prof. Jent zum Beispiel kann aufgrund seiner Sehbehinderung sehr gut Menschen anhand ihrer Stimme einschätzen, was etwa im Einstellungs-Prozess für neue Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter eine hilfreiche Eigenschaft sein kann.

In der traditionellen Ökonomie existieren jedoch nur die anerkannten Muss-Kompetenzen. Fokussiert man ausschließlich auf diese „Standardkriterien“, schneidet zum Beispiel ein Mensch mit einer Behinderung oft defizitär ab und kommt für eine Einstellung nicht in Betracht. Es wird nicht erkannt, inwieweit spezifische Kompetenzen dieser Person dem Unternehmen helfen können.

Es gilt also, den betriebswirtschaftlichen Nutzen des Ability-orientierten Ansatzes zu erkennen und in den Unternehmen zu verankern. Die Stiftung MyHandicap, deren Geschäftsführer Albert Frieder ist, hat zu diesem Zweck eine Datenbank für Arbeitssuchende entwickelt, die Ability-fokussiert arbeitet.

Arbeitspartnerschaften

Als noch wichtiger empfindet Jent das Modell der Arbeitspartnerschaft, in dem bewusst heterogene Teams aus möglichst unterschiedlichen Menschen gebildet werden. Nils Jent und seine Kollegin Regula Dietsche sind ein gutes Beispiel dafür: In ihrem Team vereinen sich Kompetenzen aus den Erfahrungsbereichen Geschlecht (Mann/Frau), Alter (älter/jünger) und Ability (Behinderung/keine Behinderung).

In einer solchen Arbeitspartnerschaft müssen alle Beteiligten ihre Sichtweisen ständig auf den Prüfstand stellen. Dietsche betont, dass Inklusion nur gelingen kann, wenn jeder bei sich selbst anfängt. Führungskräfte sollten einen Blick in den Spiegel werfen und ihre Stereotypen hinterfragen.

Vorbild Schweiz

Die Schweiz kann in dieser Hinsicht als Vorbild dienen, weil sich ein anderes Sozialsystem entwickelt hat, so Frieder. Jede und jeder Einzelne ist eher in der Position des Unternehmers und entscheidet selbst, was sie oder er tut und mit wem. Dementsprechend sind Unternehmerinnen und Unternehmer in der Schweiz eher geneigt, sich bei der Suche nach Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern auf spezifische Fähigkeiten zu konzentrieren, da diese für den Erfolg der eigenen Firma relevant sind.

Deutschen Unternehmen rät Frieder, Fähigkeiten und Flexibilität ihrer Belegschaft stärker zu fokussieren und zu fördern. Man sollte Möglichkeiten schaffen, im Unternehmen erfolgreich zu arbeiten. Dies steigere auch den betriebswirtschaftlichen Erfolg der Firma.

Laut Frieder ist der demografische Wandel für die Veränderung unserer Erwerbsgesellschaft hilfreich, da er die Notwendigkeit mit sich bringt, die Fähigkeiten aller Menschen zu erkennen und zu nutzen.