Selbstbestimmung und ihre Grenzen

Autonom ist man nie allein

Wie führt man eigentlich ein selbstbestimmtes Leben? Und welche Grenzen hat die Autonomie?

Wenn wir Autonomie genauer beschreiben wollen, können wir zunächst einmal sagen, dass eine Person dann über sich selbst bestimmt, wenn sie sich die Frage stellen kann, wie sie leben will und wie sie leben soll. Ein erster Schritt zur Selbstbestimmung bedeutet, darüber nachzudenken, ob das Leben, das ich lebe, wirklich das Leben ist, das ich selbst für gut und richtig halte – unabhängig von den Meinungen anderer, von Bedingungen und Konventionen, die mein Leben scheinbar von außen bestimmen müssen. Selbstbestimmung ist deshalb die Konkretisierung von Freiheit: Wenn Freiheit bedeutet, dass man zwischen verschiedenen Möglichkeiten wählen kann, dann geht Selbstbestimmung noch einen Schritt weiter, weil eine autonome Person auch noch darüber nachdenkt, was sie selbst eigentlich will, welche Möglichkeit für sie selbst die beste und die angemessenste ist.

Respektieren und Grenzen anerkennen

Wenn ich mich etwa für den Lehrerberuf entscheide, nur weil meine Eltern auch Lehrer sind, könnte man sagen, dass dies eine freie Wahl, aber keine besonders autonome ist. In einem zweiten Schritt sehen wir, dass zu einem selbstbestimmten Leben immer andere Menschen notwendig sind: Autonom sind wir nie allein. In familiären Beziehungen lernen wir idealerweise, was es heißt, sich selbst und andere zu respektieren, die eigenen Wünsche und Ziele, ebenso wie die der anderen; und auch, was es heißt, die Grenzen der eigenen Autonomie auszuloten. Wir lernen Pflichten und Rücksichtnahmen gegenüber anderen kennen und wir lernen, was es heißen kann, Kompromisse zwischen solchen Pflichten und eigenen Zielen zu schließen. Aber wir lernen auch, dass wir uns gegebenenfalls gegen andere entscheiden können, gegen ihre Normen und Ziele, dass wir das Recht und die Freiheit haben, uns von der eigenen Familie, der eigenen Kultur zu lösen. Wir können uns zum Beispiel die Freiheit nehmen, uns von der Religion unserer Eltern loszusagen oder einen Partner zu wählen, der den Eltern nicht "passt". All dies gehört zu einem selbstbestimmten Leben dazu.

Gleiche Freiheiten für alle

Eine wichtige Voraussetzung um ein selbstbestimmtes Leben zu führen, ist, sich selbst ernst zu nehmen. Wenn ich mich selbst nicht als wichtig erachte oder mich selbst nicht respektiere, brauche ich auch nicht darüber nachzudenken, was ich selbst will – das wäre dann nämlich relativ belanglos. Zudem sollten Menschen schon im frühen Kindesalter lernen, andere Menschen zu respektieren, unabhängig davon, welchen religiösen, sozialen oder kulturellen Hintergrund, welche körperlichen oder geistigen Einschränkungen sie haben. Und sie sollten lernen, dass sie in unserer Gesellschaft bürgerliche Rechte und Freiheiten besitzen, die es ihnen erlauben, ihr Leben so zu leben, wie sie es leben wollen. Wir können diese soziale Gebundenheit eines selbstbestimmten Lebens noch genauer verstehen, wenn wir nicht nur das persönliche Umfeld, sondern auch den gesellschaftlichen Rahmen in den Blick nehmen. Dann sehen wir, dass unsere Gesellschaft qua Gesetz und Selbstverständnis gleiche Freiheiten für alle Bürger und Bürgerinnen fordert. Wenn Selbstbestimmung die Konkretisierung von Freiheit ist, muss es auch darum gehen, allen Menschen in gleicher Weise ein selbstbestimmtes Leben zu ermöglichen. Woraus die Forderung abzuleiten wäre, dass der soziale oder kulturelle Hintergrund das Leben der Bürger nicht bestimmen und festlegen darf und dass Freiheit für alle Personen den gleichen Wert haben muss.
Grenzen von Autonomie
Tatsächlich kann sich Selbstbestimmung in konkreten Lebenszusammenhängen jedoch immer nur begrenzt verwirklichen – und damit kommen wir zum dritten Schritt, zur Frage nach den Grenzen von Autonomie. Zu den massivsten Bedrohungen unserer Autonomie gehört neben autoritären religiösen oder kulturellen Traditionen immer noch eine schlechte ökonomische Situation. Je unzureichender die finanziellen Verhältnisse, in denen Menschen leben, desto geringer ist ihr gesellschaftlicher Bewegungsspielraum. In Armut zu leben, ohne Aussicht auf gesellschaftliche Anerkennung und Selbstständigkeit, ist eine Zumutung, die eine sozial gerechte Gesellschaft nicht akzeptieren kann, weil sie die Freiheitsspielräume von Personen, und damit die Möglichkeit eines selbstbestimmten Lebens auf massive und ungerechte Weise einschränkt.
Auch Arbeit kann die Möglichkeit von Selbstbestimmung einschränken: Der Soziologe Richard Sennett hat in seinem Buch „Der flexible Mensch“ beschrieben, wie die flexibilisierte Arbeit den Einzelnen zwingt, sein Familienleben und sein soziales Leben, dem Erwerbsleben unterzuordnen. Neu ist das geforderte Maß an Flexibilität in der globalisierten Wirtschaft. Wenn keine Mitbestimmung bei den Formen und Inhalten von Arbeit möglich ist, wird der Mensch von den Arbeitsstrukturen instrumentalisiert: Und auch dies verletzt seine Autonomie.

Ständige Auseinandersetzung

Wie wichtig ist die Freiheit, ein selbstbestimmtes Leben führen zu können? Und wo genau verläuft die Trennlinie zwischen einem selbstbestimmten und einem zu Unrecht fremdbestimmten Leben? Das ist in liberalen Demokratien bekanntlich umstritten: Wie viel muss der Staat tun, damit Kinder mit einem Migrationshintergrund den Weg an die Universitäten finden? Oder Frauen in die guten Jobs der Wirtschaft? Oder Menschen mit Behinderung auf den ersten Arbeitsmarkt? Wie flexibel darf Arbeit sein? Die am besten zu begründende Position ist meiner Ansicht nach diejenige, die dem Staat eine wichtige Rolle in der Sicherung des gleichen Werts der Freiheit für alle zuschreibt. Unterschiedlich beantwortet werden die oben genannten Fragen deshalb, weil unterschiedliche Interessen im Spiel sind, weil unterschiedliche Wert-Prioritäten im Hintergrund stehen. Deshalb zeigt die Realität, dass in einer Demokratie häufig Mehrheitsverhältnisse den Ausschlag geben, die der eigenen Position entgegenstehen. Das gilt auch für andere Probleme: Greift es zu sehr in die Autonomie von Personen ein, wenn der Staat ein Rauchverbot in öffentlichen Räumen verkündet? Oder dient es der Autonomie der Nichtraucher? Werden die Bürger durch eine Krankenversicherungspflicht entmündigt (wie es von vielen etwa in den USA gesehen wird) oder dient diese Versicherung gerade der Selbstbestimmung, weil uns das Solidarprinzip die Sicherheit gibt, auch als armer Mensch behandelt und bei Krankheit nicht in Armut gestürzt zu werden? Dass man autonom nur gemeinsam mit anderen ist, zeigt sich eben auch darin, dass man sich über die Interpretation dessen, was es heißt, in unserer Gesellschaft ein selbstbestimmtes Leben zu führen, ständig mit anderen Menschen auseinandersetzen muss.

Text: Beate Rössler, 2013.
Prof. Beate Rössler lehrt praktische Philosophie an der Universität Amsterdam. Sie beschäftigt sich unter anderem mit theoretischen und praktischen Problemen der Autonomie.
Illustration: Sarah von der Heide

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