Inklusion im Kollegium

Seinen Unterricht gestaltet Tobias Wolf mit Witz, Charme und Fantasie. Schüler und Kollegen wissen das zu schätzen. Der 32-Jährige ist (noch) Deutschlands erster Lehrer mit Down-Syndrom. Seit sechs Jahren arbeitet er als Teaching-Assistant im Fach Englisch an einer Montessori-Schule am Starnberger See.

"Hello boys and girls, today we repeat the song from last time!" Aus den Boxen des CD-Players tönt ein englischer Song. Tobias Wolf hält ein Mikrofon in der Hand und liefert eine Show ab, die einem Profi Musiker alle Ehre gemacht hätte. Seine Schüler wiegen sich im Takt der Musik. It‘s Showtime in der Klasse 3 an der Montessori-Schule Biberkor in Berg am Starnberger See. Statt der Fachlehrerin steht heute der Neigungsgruppenlehrer Tobias Wolf vor der Klasse. Seit sechs Jahren besetzt er diese Stelle für Lehrer, die auch ohne ein Pädagogikstudium absolviert zu haben, als Spezialisten auf ihrem Gebiet unterrichten dürfen.

"Ganz besonders und sehr schön"

"Everything grows and grows, sisters do, brothers do, everything grows, fi ngers and toes, hair on my head ... anyone knows, everything grows, that‘s how it goesverything grows and grows, sisters do, brothers do, everything grows, fi ngers and toes, hair on my head ... anyone knows, everything grows, that‘s how it goes" (Alles wächst, und wächst, Schwestern, Brüder, alles wächst, Finger und Zehen, das Haar auf meinem Kopf … jeder weiß, alles wächst, ja so ist das) singt Tobias Wolf und bewegt sich zum Rhythmus des Stücks. Dabei fährt er sich durchs Haar, deutet nach draußen auf die Wiese und macht Bewegungen, als würde er ein Baby wiegen. Seine Schüler singen erst zögernd, dann immer lauter mit. Als das Lied vorbei ist, verteilt Tobias Wolf die Textblätter. Dann wird der CD-Player wieder angestellt: "Everything grows and grows ..." Tobias Wolf ist in seinem Element, den Schülern gefällt's. "Ganz besonders und sehr schön", findet die neunjährige Lily den Unterricht, "ich mag vor allem, dass wir so viel singen." Und Klassenkamerad Ferdinand freut sich, wenn Tobias, wie ihn die Kinder nennen dürfen, den Unterricht leitet: "Mit ihm ist es immer lustig. Wir lernen gut, ich spreche sogar schon besser Englisch als meine ältere Schwester."

Bereicherung für die Schule

Dass er eines Tages als Lehrer vor einer Klasse stehen würde, hätte Tobias Wolf nicht gedacht. "Früher war mein Traumberuf Schreiner, weil ich die Pumuckl-Geschichten gehört hatte und auch gerne so einen kleinen Kobold haben wollte", erklärt der 32-Jährige lächelnd. Doch es kam anders. Die Mutter einer ehemaligen Klassenkameradin war Schulleiterin an der Montessori-Schule in Berg am Starnberger See. Sie konnte sich gut vorstellen, ihn im Unterricht einzusetzen. Diesem Angebot mochte Tobias Wolf nicht widerstehen: "Ich habe mich sehr darauf gefreut." Damals hatte er bereits in den USA erste Erfahrungen im Unterrichten gesammelt und auf diese Weise einige pädagogische Grundkniffe erlernt. Hemmungen, vor der Klasse zu stehen, hatte er nie. Die ehemalige Direktorin hat mittlerweile die Stelle gewechselt, Tobias Wolf aber ist geblieben und immer noch begeistert von seiner Arbeit: "Die Schüler machen sehr gut mit und auch die Zusammenarbeit mit den Lehrern macht mir viel Spaß." Katrein Wilms-Deindl, die pädagogische Leiterin der Schule, empfindet Tobias Wolfs Unterricht als Bereicherung: "Wir suchen Menschen, die für ihr Gebiet brennen, und das merkt man bei ihm.“" Inklusion sei eine wichtige Säule der Schule, für Schüler wie für das Kollegium sei die Arbeit mit Tobias Wolf vollkommen selbstverständlich. Gerne würde man den Neigungsgruppenlehrer häufiger im Unterricht einsetzen, doch die finanziellen Ressourcen der Schule lassen es leider nicht zu, ihm ein entsprechend höheres Gehalt zu zahlen.

Englisch lernen mit Kinderliedern

Auf die Idee, den Schülern Englisch mit Hilfe von Kinderliedern beizubringen, kam Tobias Wolf, weil er die Sprache selbst über die Musik gelernt hat. 1986 reiste er das erste Mal in die USA, sein Vater pendelte aus beruflichen Gründen zwischen den Kontinenten. Die Familie verbrachte viele Sommer auf der Insel Vashon in der Nähe von Seattle und hat noch heute einen Wohnsitz dort. Wie selbstverständlich trägt Tobias Wolf eine Uhr mit beiden Zeitzonen. 1998 zogen er und seine Mutter für zwei Jahre nach Vashon. Dort besuchte er die örtliche Highschool und machte sein Diplom. In den USA war man damals viel weiter was Inklusion anging. Der Schulaufenthalt in den USA war definitiv ein Glücksfall für die Entwicklung ihres Sohnes, meint Frau Wolf, aber noch wichtiger sei sein vorangegangener zehnjähriger Besuch einer Montessori-Schule in München gewesen, eine der ersten Integrationsschulen Deutschlands. Um ihrem jüngsten Sohn den Besuch dieser Schule zu ermöglichen, lebte die Familie fünf Jahre lang in München, in einer Studenten-WG mit Kommilitonen der beiden älteren Söhne. Die Wolfs haben sich immer bemüht, Tobias bestmöglich zu fördern. Unter Druck gesetzt haben sie ihn nie. In der Schule galt Tobias Wolfs Interesse vor allem der Geschichte. Der Fall der Berliner Mauer? Der Untergang der Titanic? Hat er alles im Kopf. Heute ist seine größte Leidenschaft die Musik, vor allem Oldies, Songs aus den 60er Jahren von den Beach Boys oder 80er Jahre-Lieder von den Village People. Er macht auch selbst Musik. In den USA trommelte er in einer Schulband. Vielleicht ist er darum heute so selbstsicher, wenn er vor andere Menschen tritt. "Ich habe noch nie Lampenfieber gehabt", erklärt der 32-Jährige ohne Zögern.

Lehrplangerechte Stunden mit Unterstützung

Die Begeisterung für die Musik ist es auch, die Tobias Wolf neben dem Lehrerdasein ein zweites berufliches Standbein verschafft hat: "Tobis Business Agency", sein Musikprojekt. Während eines USA-Aufenthaltes traf er bei einem Konzert den kanadischen Musiker Raffi Cavoukian, der kindgerechte Musik zu Themen wie Umweltschutz und globaler Erwärmung macht. Jahre später kam Tobias Wolf und seiner Mutter die Idee, mit Raffi Kontakt aufzunehmen. Die Wolfs erwerben die Lizenz für die Lieder, zahlen Gema-Gebühren und dürfen seitdem Raffi s Songs für den Unterricht benutzen und sogar verkaufen. Zusammen mit seiner Mutter fertigt Tobias Wolf Unterrichtsmaterialien an, in deren Mittelpunkt Raffis Musik steht. Dazu erarbeiten sie Memory-Karten mit Wörtern und Bildern sowie verschiedene Arbeits- und Aufgabenblätter. Was ihm mehr Spaß macht, die Musik oder das Unterrichten, da will Tobias Wolf sich nicht wirklich festlegen: "Ich mag beides!" Jede der zweiten und dritten Grundschulklassen hat etwa vier Mal im Jahr Unterricht bei Tobias Wolf. Mit Unterstützung seiner Mutter bereitet er jede Stunde entsprechend dem Lehrplan genau vor.

Spielend lernen mit Musik

Englischlehrerin Iris Schorn-Wisznewski, die Tobias Wolf während des Unterrichts beratend zur Seite steht, ist mit der Arbeit ihres Assistant-Teachers sehr zufrieden: "Die Struktur, mit der Tobias den Unterricht gestaltet, hilft den Kindern beim Lernen der Sprache sehr." Erst gibt es einen Song, dann werden einzelne Wörter laut vorgelesen und anschließend werden die deutschen den englischen Begriffen auf einem Lernblatt zugeordnet. Nacheinander kommen die Schüler nach vorne: "the sun, die Sonne", "the tree, der Baum". "Nice, thank you! Next one!" Tobias Wolf lobt viel und gerne, aber er scheut sich auch nicht, zu korrigieren, wenn eine Antwort falsch ist.

"Ich bin ein guter Lehrer"

Gegen Ende der Stunde kommt das, worauf alle zwölf Schüler schon voller Vorfreude gewartet haben. Frau Wisznewski rollt einen kleinen Teppich aus, Lehrer und Schüler lassen sich auf dem Boden nieder. Es ist Zeit für Memory. Das kommt an bei den Schülern. Lily findet die Memory-Karten von Tobias Wolf "cool". Alle sind hochkonzentriert. "Da, den Baum, den hatten wir schon mal!" Aufgeregt rufen die Schüler durcheinander. "It‘s your turn, pretty woman your turn, pretty woman", sagt Tobias Wolf sanft zu Josephine, die neben ihm sitzt und ein bisschen träumt. "Thank you very much for listening and working! Enjoy your day!" Für heute ist die Unterrichtsstunde beendet, Tobias Wolf entlässt die Kinder in ihre Pause. Für ihn geht es weiter zur nächsten Stunde. Im Nachbargebäude wartet die zwölfjährige Antonia, die ebenfalls das Down-Syndrom hat, auf ihre Förderstunde in Englisch. Um ihren Wortschatz zu vergrößern, nutzt Tobias ein Computerprogramm, das er aus den USA mitgebracht hat. "Letztes Mal habe ich 98 von 100 Punkten erreicht", erklärt Antonia stolz. "Manchmal schafft sie aber auch die volle Punktzahl", ergänzt Tobias Wolf und seine Schülerin freut sich über das Lob. Ist Tobias ein guter Lehrer? "Natürlich!" bestätigt Antonia und er nickt: "Ja, ich bin ein guter Lehrer". Dann muss er ein bisschen über sich selbst lachen, ehe er und Antonia sich wieder über das Arbeitsblatt beugen.

Text: Marie Maas, 2012
Fotos: Rainer Kwiotek

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