Ihre Meinung... Professor Hinz

„Wir können uns nicht mehr aussuchen, ob wir Inklusion umsetzen – wir müssen es“

Der Inklusions-Experte Prof. Dr. Andreas Hinz ist sich sicher: Schulische Inklusion in Deutschland ist keine Illusion sondern machbar. Doch um der Pflicht der inklusiven Bildung nachzukommen, muss insbesondere die Politik aktiv werden. Im Interview verrät Prof. Dr. Hinz seine Idealvorstellung von inklusiver Bildung – und wie Deutschland dieser ein Stück näher kommen kann.

Zu Beginn: Wie lautet ihr Plädoyer für Inklusion im Bildungsbereich?

Inklusion stellt vor allem die Frage nach den Unterschieden und danach, wie menschlich wir mit Unterschieden umgehen: Welche Chancen geben wir Menschen, denen etwas zugeschrieben wird, was nicht für "normal" gehalten wird? Hier sehe ich großes Potenzial von Inklusion in der Bildung: Menschen in Bildungseinrichtungen die Möglichkeit zu geben, anerkannt zu werden und an der Gesellschaft teilzuhaben. Wie und dass es gelingt, habe ich ganz praktisch in inklusiven Klassen erfahren, die ich jahrelang begleitet habe. Die Schule muss zu einem Ort werden, wo wir gemeinsam darüber nachdenken können, warum sich jemand anders verhält. Letztlich hat auch das jahrelange "Wegstecken" in Sonder- und Förderschulen dazu geführt, dass Kinder mit besonderem Förderbedarf als so wahnsinnig anders wahrgenommen werden.

Vor welchen Herausforderungen steht das deutsche Bildungssystem bei der Aufgabe, Inklusion umzusetzen?

Es geht los bei den Lehrerinnen und Lehrern, die traditionell gewohnt sind, alleine für eine Lerngruppe verantwortlich zu sein und die Klassentür geschlossen zu halten. So ist Inklusion längerfristig nicht denkbar. Inklusion braucht Teamstrukturen, Teamarbeit und Prozesse des sich miteinander Beratens. Im Alltag passiert es oft, dass Inklusion mit bestehenden Hierarchien in Konflikt kommt. Nämlich dann, wenn von oben nach unten entschieden wird und die, die weiter unten stehen, keine Möglichkeit zur Partizipation haben. Dieses Spannungsverhältnis von Hierarchie und inklusivem Aushandeln finden wir sowohl in den einzelnen Schulen als auch in den einzelnen Kultusministerien. Zur praktischen Umsetzung von Inklusion gehört auch, Kinder in die Schulentwicklung mit einzubinden. In der Zusammenarbeit mit sieben Schulen in Sachsen-Anhalt haben wir mit Hilfe des "Index für Inklusion" über drei Jahre lang Kinder aktiv in den Prozess der Schulentwicklung miteinbezogen. Das hat sehr gut funktioniert. Und es funktioniert umso besser, je mehr Erwachsene die Bedürfnisse der Kinder wirklich ernst nehmen – egal, in welcher Altersgruppe.

Wie kann der Veränderungsprozess von der Politik konstruktiv unterstützt werden?

Auch wenn das noch nicht bei allen angekommen ist: Wir können uns nicht mehr aussuchen, ob wir Inklusion umsetzen – wir müssen es. Der Prozess kann aber nur produktiv sein, wenn man den Menschen Unterstützung an die Hand gibt und sie in den Veränderungsprozess einbezieht. Dazu gehören das Denken in Prozessen, eine begleitende Fortbildung und Zeit, die alle Beteiligten für ihre Standortbestimmung, für den gemeinsamen Diskurs und das weitere Vorgehen benötigen. Weiter wäre viel gewonnen, wenn Kultusministerien oder Schulverwaltungen überprüfen würden, welche Regelungen im Widerspruch zur Inklusion stehen. Ein extrem wichtiger Schritt wäre, die Ansprüche an Lehrerinnen und Lehrer zu Gunsten von Inklusion und Heterogenität zu verändern. Extrem wichtig ist ebenfalls, den Inklusionsdiskurs nicht auf den Aspekt der Behinderung zu reduzieren. Damit wäre das Inklusionspotenzial verschenkt, denn man könnte die Aufgabe leicht an Sonderpädagogen delegieren. Ist das Thema aber Heterogenität insgesamt, ist es automatisch ein Thema der Schulpädagogik und somit jeder Schule, denn mit Schulpädagogik haben alle zu tun. Diese ganzen Herausforderungen insgesamt ernst zu nehmen, dazu ist jede Landesregierung verpflichtet.

Kommunen und Länder klagen über leere Kassen. Welche Ressourcen müssten Ihrer Meinung nach bereitgestellt werden, um Inklusion umzusetzen?

Es ist ein Mythos, dass Inklusion wahnsinnig teuer wäre. Das Teuerste, was man überhaupt in einem Bildungssystem haben kann, ist ein voll ausgestattetes sonderpädagogisches System plus einen Gemeinsamen Unterricht. Ein einheitliches System mit weniger unterschiedlichen Schultypen ist deshalb tendenziell immer kostengünstiger, zumal im sonderpädagogischen Förderbereich Fahrdienste, Internatsaufenthalte und andere Dienstleistungen massiv zu Buche schlagen. Kostenintensiv dürfte die Phase der Umstellung werden. Hier kommen verschiedene Bedarfe auf die allgemeinen Schulen zu, die bislang noch nicht notwendig waren.

Wie sieht für Sie ein ideales inklusives Bildungssystem aus?

Den inklusiven Schulstrukturen sehr nah kommt die kanadische Provinz New Brunswick, die etwa so groß wie Bayern ist. Dort gibt es weder unterschiedliche Schulformen noch Förderschulen. Jedes Kind geht in die Ganztagsschule, in deren Einzugsbereich es wohnt. Jede Schule hat ein innerschulisches Unterstützungssystem, ein Team von sich jede Woche miteinander beratenden Expertinnen und Experten, zu dem auch ein Vertreter vom Schulamt gehört – bei uns in Deutschland unvorstellbar. Das Team arbeitet wie ein Gremium für ständige Lernprozesse an der Schule: Es überlegt und entscheidet gemeinsam über Themen und bestmögliche Lösungen im individuellen Fall. Dadurch kann vieles an Herausforderungen schon zu Beginn abgefangen werden – es gibt also deutliche präventive Effekte.

Zur Person
Prof. Dr. Andreas Hinz ist Mitglied im Expertenkreis der UNESCO-Kommission und lehrt an der Universität Halle-Wittenberg Allgemeine Rehabilitations- und Integrationspädagogik. Der 54-Jährige hat sich schon früh mit dem Thema Inklusion und der Frage nach dem Umgang mit Unterschieden befasst: Auf einem Stiftungsgelände für gemischtes Wohnen in Hamburg groß geworden, widmete er sich als Zivildienstleistender gezielt Kindern mit schwerstmehrfacher Behinderung und sehr hohem Pflegebedarf. Nach verschiedenen internationalen Forschungsprojekten zur praktischen Umsetzung von Inklusion hat er den "Index für Inklusion" in Deutschland eingeführt – ein Instrument für die inklusive Schulentwicklung. Derzeit ist Prof. Dr. Hinz im Fachbeirat der Montag-Stiftung Jugend und Gesellschaft und entwickelt mit dieser zusammen den "Kommunalen Index für Inklusion".
Mehr Informationen unter www.inklusionspaedagogik.de

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