Barrierefreie Stadtplanung

Die Stadt ist unsere Wohnung

Gut soll sie aussehen und gut zugänglich soll sie sein: unsere städtische Umgebung. Um das zu erreichen, ist auch die Mithilfe der Bürger nötig.

Dass eine Wohnung oder ein Haus so anpassungsfähig wie möglich sein sollte, um auch Bewohnern mit eingeschränkter Mobilität ein gutes Leben zu ermöglichen, gehört seit vielen Jahren zu den Allgemeinplätzen architektonischer Planung. Umsichtige Architekten verwenden mittlerweile flache Schwellen, breite Türen, Einstiegshilfen im Badezimmer und niedrige Fensterbrüstungen. Der erweiterte Lebensraum – die Straße, das Quartier und die Stadt insgesamt – werden bislang allerdings nicht mit der gleichen Intensität und Sorgfalt behandelt. Erst allmählich macht sich mit der Verbreitung des Inklusionsgedankens und der angestrebten Teilhabe aller am öffentlichen Leben ein Bewusstsein für die Bedeutung von Stadtgestaltung bemerkbar: Wir haben angefangen, die Stadt als unsere "Wohnung" zu begreifen. Bei dieser neuen Sensibilität für die Bedürfnisse der Menschen geht es nicht mehr allein um die Ausweisung von Behindertenparkplätzen oder um die Aufstellung von Ampeln mit Taktgeber und Vibrationsalarm. Vielmehr ist die Barrierefreiheit – zumindest im erweiterten Verständnis des einschlägigen Paragraphen des Behindertengleichstellungsgesetzes von 2002 – nicht nur für Menschen mit Behinderungen wichtig. In einer umfassenden Checkliste für barrierefreies Bauen, die der Arbeitskreis für Behindertenkoordinatoren und -beauftragte in Nordrhein-Westfalen für Düsseldorf erarbeitet hat, heben die Autoren hervor, dass eine erhöhte Sensibilität bei der Gestaltung der Städte vielen unterschiedlichen Menschen zugute kommt. So sind auch Eltern mit Kinderwagen, kleine Kinder, korpulente Menschen, gepäckbeschwerte Touristen und Senioren oft mit der Bewältigung des Alltags im öffentlichen Raum überfordert und – zumindest kurzfristig – auf eine gewisse Barrierefreiheit angewiesen. "Alle diese Menschen haben eines gemeinsam: Sie wollen ein eigenständiges, möglichst ‚normales' Leben führen", sagt Doris Rüter vom Sozialamt Münster. Der Architekt Tobias Reinhard, Stiftungsrat der Schweizerischen Fachstelle für behindertengerechtes Bauen, ergänzt: "Der Zustand der Behinderung muss bei der Planung vom Sonder- zum Normalfall werden."

Stadtrundgänge in Gebärdensprache

In Düsseldorf, wo alljährlich die REHACARE als Fachmesse für Rehabilitation, Integration, Pflege und Prävention ausgerichtet wird, geht man den eingeschlagenen Weg konsequent weiter: Eine detaillierte Broschüre, wie sie inzwischen eine Reihe von Städten vorgelegt haben, informiert über die zahlreichen frei erreichbaren Denkmäler, Museen und Einkaufsmöglichkeiten der Stadt. Die Düsseldorf Marketing & Tourismus GmbH (DMT) bietet Stadtrundgänge in deutscher Gebärdensprache sowie für blinde, gehbehinderte und auf den Rollstuhl angewiesene Teilnehmer an. Einige der dortigen Kaufhäuser stellen Begleitungen für Blinde zur Verfügung. Und auch die Mitarbeiter der stufenlos erreichbaren Tourist-Informationen am Düsseldorfer Hauptbahnhof und in der Altstadt kennen sich mit den Bedürfnissen gehandicapter Stadtbesucher aus.

Wunsch nach Ästhetik

Schon Ende der 1990er Jahre haben die Behindertenverbände international einen Forderungskatalog erarbeitet, der auf eine selbstverständliche Teilhabe am öffentlichen Leben angelegt ist. Unter dem Motto "Access for all" (Zugang für alle) stehen seitdem unter anderem die gleichberechtigte Nutzung des öffentlichen Raums, aber auch die gleichberechtigte Sinneserfahrung für Geist und Körper auf der Agenda. Nicht zuletzt die Erklärung von Stockholm, die das European Institute for Design and Disability (Europäisches Institut für Gestaltung und Behinderung) 2004 verabschiedete, hat diesem neuen Selbstverständnis Ausdruck verliehen. Ihr Kernsatz "Good design enables, bad design disables" (Gutes Design befähigt, schlechtes Design behindert), lässt sich auf fast alle Bereiche des alltäglichen Lebens beziehen. Die Forderung nach einem "Stadtraum für alle" enthält auch den Wunsch nach der Befriedigung ästhetischer, also letztlich psychischer Bedürfnisse: Denn unser geistiges und damit auch körperliches Wohl hängt unmittelbar mit unserer Umgebung zusammen: In einem gut gestalteten (städtischen) Raum – das haben wissenschaftliche Untersuchungen längst ergeben – halten wir uns lieber auf als in einer unfreundlich und unharmonisch wirkenden Umgebung.

Mehr als Ratgeber und Checklisten

Wenn man allerdings die Pläne zum Abbau von Barrieren begutachtet, muss man feststellen, dass solche Überlegungen fehlen. So ist etwa die Düsseldorfer "Checkliste zum Barrierefreien Bauen" ein bloß technischer Leitfaden, der Normen und Standards für Gehwege, Plätze, Ampeln, Haltestellen, Parkplätze, Grünanlagen, Spielplätze, Brücken, Baustellen und Telefonzellen festlegt. Im Ratgeber "barrierefrei bauen" der Stadt Salzburg, die unlängst den "Access City Award" 2012 als behindertenfreundlichste Stadt Europas bekam, zeigt man zusätzlich zu den Planungshinweisen, Berechnungsformeln und Maßangaben immerhin noch einige mehr oder minder gelungene Praxisbeispiele.

Bürgerschaftliches Engagement nutzen

Allerdings erscheint die Vielzahl und maßgenaue Beschreibung der empfohlenen Umbauten kaum auf jede Stadt übertragbar. Es sei denn, wir wollten in einem Stadtraum leben, dessen Gestaltung rein technischen Kriterien folgt. Angesichts allerorts leerer Kassen der Städte ist die Chance einer Verwirklichung ganzer "Maßnahmebündel" jedoch ohnehin äußerst gering. Viel gewonnen wäre aber schon, wenn einige grundsätzliche Verbesserungen umgesetzt würden. Die Absenkung von Bürgersteigen wäre beispielsweise ohne weiteren Planungsaufwand bei minimalen Kosten flächendeckend zu verwirklichen: Unsere belgischen Nachbarn haben dies vielerorts vorgeführt. Aber: Jede fachlich richtig argumentierende Planungshilfe ist nur dann zweckmäßig, wenn sie neben technischen Standards und Normen Hinweise auf die Qualität der Gestaltung enthält. So sinnvoll es ist, sich über die Zugänglichkeit des öffentlichen Raums Gedanken zu machen, so unerlässlich ist es, zugleich seine ästhetische Wirkung mitzubedenken. Kriterien guter formaler und räumlicher Gestaltung sind jedoch im Feld der Barrierefreiheit bislang weder bedacht noch beschrieben worden. Schwierig an solchen Festlegungen: Eigentlich verlangt jede Stadt, jedes Quartier, jede Situation eine ortsspezifische Lösung. Was sich für den Umbau der denkmalbewehrten Altstadt Salzburgs als tourismusförderlich erweist, erzeugt woanders vielleicht ein Bündel von Problemen. Statt vermeintlich allgemeingültigen Maßnahmen zu folgen, sollten vielmehr jene Bürger befragt werden, die am Ort des geplanten Geschehens wohnen. Ein gutes Beispiel für bürgerschaftliches Engagement in Sachen Wohn- und Städteplanung ist der Gladbecker Ortsteil Zweckel. Hier erwirkte eine engagierte Seniorenvertretung erhebliche Verbesserungen des Wohnumfelds. Die Senioren konnten die dortige Wohnungsbaugesellschaft davon überzeugen, ihre Wohnungen so umzubauen, dass sie nicht nur barrierefrei sind, sondern sich darüber hinaus für ganz unterschiedliche Wohnmodelle vom Singlehaushalt bis zur Wohngemeinschaft eignen und so eine soziale Mischung ermöglichen. Jüngste Errungenschaft im Viertel ist ein Internet-Café, das von alten und jungen Bewohnern genutzt wird. "Was die Lebensqualität älterer Menschen steigert, das ist auch gut für die nachfolgenden Generationen", sagt Dietmar Köster vom Fogera-Institut, das die Initiative in Zweckel begleitet. Dies gilt auch für Menschen mit Behinderung. Der Erfolg zeigt, dass bürgerschaftliches Engagement durchaus einiges bewirken und auch die gestalterische Verantwortung für unsere Städte entscheidend beeinflussen kann.

Barrieren im Planungsprozess

Bei den gesetzlich vorgeschriebenen Beteiligungsverfahren erweist sich jedoch häufig die Abschottung der Fachplanung als größte Barriere. Die Praxis heutiger Bürgerbeteiligung, die im besten Fall in Form öffentlicher Anhörungen stattfindet, verläuft allzu oft frustrierend, weil Einzelinteressen von der Verwaltung meist nicht berücksichtigt werden. "Man wehrt sich gegen die Heraushebung einer einzelnen Gruppe als bestimmenden Einflussfaktor einer Planung: Die Folge ist, dass oft gar nichts passiert", meint Barbara Eifert vom Institut für Gerontologie der TU Dortmund, die die nordrheinwestfälische Landesseniorenvertretung wissenschaftlich berät. So bleiben Kenntnisse und Erfahrungshorizonte der Bürger häufig unberücksichtigt, und es entstehen Planungen, die manchmal mehr verhindern als ermöglichen.

Mehr Bürgerbeteiligung

Wenn die Teilhabe aller am gesellschaftlichen Leben gelingen soll, muss zuallererst über die Verfahren nachgedacht werden, in denen sich die Bürger an der guten Gestaltung ihrer Stadt beteiligen können. Gerade das in den letzten Jahren spürbar stärker werdende bürgerschaftliche Engagement wird sich unweigerlich in anderen, wirksameren Formen der Teilhabe niederschlagen müssen. Diese könnten bedeutend intensivere und angemessenere Planungen – bis ins Detail – ermöglichen: eine Aufgabe für flexible Architekten, die jenseits bürokratischer Regelungen unterschiedliche Vorschläge zu klugen Lösungen zusammenbringen können.

Text: Andreas Denk, 2012

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