"Sind wir alle Kanzlerin?" - Macht und Ohnmacht behinderter Frauen auf dem Arbeitsmarkt

Bericht zum Aktion Mensch Fachgespräch am 17.02.2016
Einleitung

Im Vorfeld des Internationalen Frauentages am 8. März hat sich eine Expertinnenrunde aus Frauen aus Verbänden, Forschung, Verwaltung und Vereinen bei Aktion Mensch zu einem Fachgespräch " ‘Sind wir alle Kanzlerin?’ - Macht und Ohnmacht behinderter Frauen auf dem Arbeitsmarkt" zusammengefunden. Der Grund: Frauen mit Behinderung sind noch immer sehr viel häufiger arbeitslos als Männer. Sie haben mit einer doppelten Diskriminierung durch ihr Geschlecht und zusätzlich durch ihre Behinderung zu kämpfen. In der Expertenrunde haben die Teilnehmerinnen die momentane Situation von Frauen mit Behinderung erörtert, über Möglichkeiten zur Verbesserung diskutiert und Handlungsempfehlungen entwickelt.

I. Zahlen und Daten

Lange Zeit gab es keine geschlechtsdifferenzierte Zahlen zu Menschen mit Behinderung auf dem Arbeitsmarkt. Mittlerweile existieren diese Daten zwar, doch werden sie nicht mit den Arbeitsmarktstatistiken des Bundesamtes oder der Arbeitsagentur veröffentlicht. „Es gibt diese Zahlen“, sagt Bettina Vaupel. „Wer bei den statistischen Ämtern und Abteilungen nachfragt, bekommt diese Zahlen. Bei meiner Recherche zur Arbeitsmarktintegration  in der Region Emscher-Lippe kam auch heraus, dass  der Verbleib eines großen Teils der Menschen im erwerbsfähigen Alter mit Behinderung nicht geklärt werden kann. Bei Frauen mit Behinderung liegt dieser Anteil bei etwa 60 Prozent. Die Daten, die erfasst werden, würden aber nicht öffentlich kommuniziert. „Ein anderes Problem ist, dass es keinerlei Differenzierung in der Behinderung gibt“, berichtet Mathilde Niehaus. „Wir haben im Rahmen einer Studie versucht herauszubekommen, wie die Arbeitsmarktlage von gehörlosen Menschen und Taub-Blinden-Menschen ist. Doch so eine Differenzierung ist unmöglich.“ Häufig geben die verschiedenen Ämter die Auskunft, dass solche Differenzierungen, auch geschlechtsdifferenzierte, nicht nötig seien. Da jedoch besonders Frauen mit Behinderung viel häufiger von Erwerbslosigkeit betroffen sind, wäre eine öffentliche Kommunikation solcher Zahlen durchaus sinnvoll. Da diese Zahlen in der Öffentlichkeit fehlen, kann auch kaum ein Bewusstsein für das Thema Frauen mit Behinderung am Arbeitsmarkt entstehen. „Die Antidiskriminierungsstelle des Bundes brachte in einem Jahr einen Bericht zur Geschlechtsdiskriminierung heraus, in einem anderen Jahr eine Expertise zum Arbeitsmarktzugang von Menschen mit Behinderungen“, berichtet Bettina Vaupel. „Schaut man sich den letzteren Bericht an, findet man nichts zum Thema Frauen mit Behinderung. Das sagt eine Menge darüber aus, wie wenig das Thema im Blick ist.“

II. Mehrfache Diskriminierung von Frauen mit Behinderung

S. Vukovic, D. Greskamp, I. Rosenberg, E. Boucault, B. Vaupel, S. Brinkmann, A. Dreyer, M. Niehaus, C. Marx, T. Straub v.l.n.r.

Elke Boucault berichtet aus ihrer Beratertätigkeit im Berufsförderungswerk Köln, dass sich viele Frauen gar nicht trauten, einen Schwerbehindertenausweis zu beantragen. „Sie fürchten oft, dass sie dann überhaupt keine Chancen mehr auf dem Arbeitsmarkt haben. Außerdem ist es für viele schwierig sich mit ihrer Behinderung - besonders bei psychischen Erkrankungen - auseinanderzusetzen und sie letztlich anzuerkennen.“ Zudem komme, dass besonders bei kleineren Betrieben die Angst sehr groß sei, dass Frauen mit Behinderung zu häufigen und längeren Ausfällen neigen. Kleinere Betriebe fürchten durch ihre dünne Personaldecke in Schwierigkeiten zu geraten, würden Mitarbeiter länger und häufiger ausfallen. „Um diese Angst zu überwinden, ist dringend Aufklärung über die Lebenswirklichkeiten der Menschen und besonders der Frauen mit Behinderung nötig.

Teresa Straub unterstreicht diese Ansicht: „Die Lebenswirklichkeit der Frauen ist entscheidend. Bei Frauen wird oft bei der Einstellung gedacht, dass sie häufiger krank werden, dann ist sie auch noch behindert, dann ist das noch schwieriger.“ Schlussendlich werde eine Frau mit Behinderung gar nicht erst zum Bewerbungsgespräch eingeladen. Vielen Betrieben fehle das Wissen, welche Kompetenzen und Fähigkeiten eine Frau mit Behinderung einbringen könne. „Sie werden häufig alleine an ihren Defiziten beurteilt“, so Straub. Die Differenzierung von angeborenen und im Laufe des Lebens erworbenen Behinderungen fehle auch, so Vaupel. „Denn die Lebenswirklichkeiten sind dadurch sehr verschieden, es stellen sich völlig andere Fragen.“ Frauen außerhalb des öffentlichen Dienstes, die wegen Kindererziehung ihre Arbeitszeit reduziert hatten, zeitweise komplett ausgetreten waren und dann auch noch eine Schwerbehinderung haben, seien dreifach benachteiligt und diskriminiert. Eine Differenzierung der verschiedenen Lebenswelten sei notwendig, um gezielt Maßnahmen ergreifen und Angebote anbieten zu können.

„Den frauenpolitischen Stellen bedarf es der Sensibilisierung, sagt Sabine Brinkmann, „da dort Themen wie Barrierefreiheit und Frauen mit Behinderung oftmals nicht explizit  in den Blick genommen werden..“ Diese Themen müssten mehr in die Öffentlichkeit. „Außerdem ist die Frage wichtig, ob wir mit unseren Angeboten Frauen mit Behinderung überhaupt richtig ansprechen, wenn es um Vereinbarkeit von Familie und Beruf geht, Zugang zu verschiedenen Berufen oder um Frauen in Führungspositionen.“ Frauen mit Behinderung sollten in anderen Bereichen wie bei Gleichstellungsstellen, Diversifikationsthemen, Vereinbarkeit von Familie und Beruf mit eingebunden werden. D.h. die Beratungsstellen für Frauen sollten auch Frauen mit Behinderung mit ihren spezifischen Belangen ins Blickfeld nehmen, damit  sich diese auch angesprochen fühlen.

„Für alle Frauen mit Behinderung, gleich welcher, ist es am Arbeitsmarkt sehr schwer“, sagt Teresa Straub. „Es sind nur andere Themen, die die jeweiligen Frauen bewegen.“ Es gebe auch verschiedene Rollen, die eine Frau mit Behinderung einnehmen müsse, die zu einem zwiespältigem Verhalten führten: Einerseits gebe es Situationen, wo sie versichern müsse, dass man ihre Behinderung kaum merke, sie voll arbeits- und leistungsfähig sei und andererseits müsse sie mit ihrem Behindertenstatus argumentieren und zeigen, dass sie stark eingeschränkt sei, gar nichts könne, um ihre Pflegestufe zu erhalten. „Wenn ich z.B. eine Rampe habe, um in ein Gebäude reinzukommen, einen Schreibtisch auf meiner Höhe, dann fühle ich mich nicht behindert. Dann werde ich ausschließlich als anerkannte Akademikerin gesehen, ohne Einschränkungen und nicht anhand von Defiziten bemessen. Ich möchte definieren können, wie behindert oder besser unbehindert fühle ich mich denn.“ Straub würde eine Verlaufskurve befürworten, wann und wo Behinderung negativ oder positiv gesehen wird. „Es fehlt vielen Unternehmen an Aufklärung“, sagt auch Alexa Dreyer. „Ich hatte mit einer Vertreterin in einem Unternehmen mit 100 Mitarbeitern telefoniert zum Thema Schwerbehinderung. Da sagte die Personalleitung, dass sie schwer Menschen mit Behinderung integrieren könnten, da die Arbeitsanforderungen dies leider nicht zuließen. da wusste sie aber noch gar nicht, um welche Behinderung es konkret ging.“ Der Begriff „Schwerbehinderung“ sei bei vielen Unternehmen sofort mit extremen Defiziten assoziiert. Viele denken bei dem Begriff sofort an einen körperlich und psychisch schwer behinderten Menschen. Bettina Vaupel merkt an, dass Inklusion für Betriebe schwierig sei. „Die meisten Unternehmen setzen sich mit dem Thema Menschen mit Behinderung erstmalig auseinander. Sie müssen sich Fragen stellen zu ihren Räumlichkeiten, das Arbeitsumfeld ggfs. anpassen und Informationen einholen zu den bestehenden Hilfsangeboten uvm. Das ist  für Unternehmen erst einmal ein zeitlicher und finanzieller Aufwand ohne direkt erkennbaren Nutzen. Diese Barriere  muss gesehen und klug überwunden werden.“ Oft hätten die Betriebe Berührungsängste. Sabine Brinkmann meint, dass das Thema Inklusion in den privatwirtschaftlichen Betrieben noch nicht angekommen sei. Dass dort aber durch Aufklärung viel erreicht werden könne.

Für alle Frauen mit Behinderung, gleich welcher, ist es am Arbeitsmarkt sehr schwer. 

Teresa Straub

Alexa Dreyer, Competentia Köln und Prof. Dr. Mathilde Niehaus, Universität Köln v.l.n.r.

Es scheint auch so, als ob manche Frauen mit Behinderung eine Barriere im Kopf entwickeln. „Manche Studentinnen denken, dass sie gar keinen Nachteilsausgleich benötigen dürfen“, so Teresa Straub. „Andere bewerben sich nicht für ein Praktikum, weil sie wegen zu schmalen Türen nicht ins Gebäude kommen. Gerade bei Bewerbungen geht es darum zu zeigen, wer bin ich und was kann ich. Das kann allerdings nur gelingen, wenn eine Behinderung nicht per se mit einem Stigma verbunden ist.“ Sabine Brinkmann: „Es scheint vielen Frauen mit Behinderung - wie jedem anderen Menschen auch - schwer zu fallen, um Hilfe zu bitten, sich permanent rechtfertigen zu müssen.“ Der Schritt, gleich Zuhause zu bleiben, sich nicht zu bewerben und zu zeigen, ist dann ein naheliegender. Isabell Rosenberg merkt an, dass die Motivation sich einen Job zu suchen und arbeiten zu gehen noch zusätzlich sinke, wenn ein großer Teil des durch Arbeit erwirtschafteten Geldes wieder abgezogen werde.

Elke Boucault weiß aus Berufsberatungsgesprächen, dass es den Frauen im Allgemeinen viel schwerer falle ihre Fähigkeiten zu zeigen als Männern. Wenn dann noch eine Erkrankung dazu komme, wollen viele Frauen diese Einschränkung auf keinen Fall zeigen. „So ergeben sich für diese Frauen starke Einschränkungen auf dem Arbeitsmarkt, da sie sich nur auf Stellen bewerben möchten, wo es nicht auf ihre Behinderung ankommt.“ Dabei hätten diese Frauen sehr starke persönliche Kompetenzen, die sie einbringen könnten. Elke Boucault wünscht sich mehr Offenheit am Arbeitsmarkt, bei den Arbeitgebern, die oft nur auf die reine Leistungsfähigkeit schauen. „Bei Praktika, wenn sich die Arbeitgeber geöffnet haben, sehen sie erst, wie stark sie mit Kompetenzen und Fähigkeiten bereichert werden, wenn sie nicht ausschließlich nach der reinen Leistungsfähigkeit gehen.“ Die große Schwierigkeit liege darin, die Arbeitgeber von diesen Kompetenzen der Frauen zu überzeugen. Denn der Eintritt in ein Unternehmen sei eine der größten Hürden.

 

III. Förderung von Frauen mit Behinderung

Elke Boucault, Berufsförderungswerk Köln und Bettina Vaupel, Competentia Emscher-Lippe v.l.n.r.

Elke Boucault denkt, dass es sinnvoll sei Coachings anzubieten, die darauf zielen, dass sich Frauen besser ihrer Stärken bewusst werden. Doch dazu fehle es im Moment an Ressourcen. Sabine Brinkmann entgegnet, dass es nach ihrer Erfahrung schon viele und gute Angebote gebe: Integrationsfachdienste oder Inklusionsberater der Kammern kümmerten sich sehr gut und individuell um Frauen, die sich dort beraten lassen. Sie habe die Erfahrung gemacht, dass es Unternehmen mit Angeboten gebe, die händeringend nach Teilnehmerinnen suchen. „Wir werben bei Netzwerktreffen immer wieder für Angebote, doch an der Schnittstelle, zwischen Betrieb mit dem Angebot, den Beratern und Menschen mit Behinderung scheitert es oft.“

Bettina Vaupel findet, dass es auch an Kampagnen fehle, die explizit Frauen mit Schwerbehindertenstatus am Arbeitsplatz zeigen. Dass beispielsweise Frauen mit chronischen Erkrankungen in bestimmten Berufen ohne Einschränkungen arbeiten könnten. „Zudem ist es wichtig den Frauen mit Behinderung aufzuzeigen, dass viele Nachteilsausgleiche an die Erwerbstätigkeit gebunden sind und dass deswegen die Erwerbstätigkeit enorm wichtig und lohnenswert ist.“

In den Stellenausschreibungen steht oft, dass Bewerbungen von Schwerbehinderten bevorzugt würden, dann rufe ich dort an und bekomme die Information, dass ich nicht barrierefrei in das Gebäude komme.

Isabell Rosenberg

Mathilde Niehaus würde Kampagnen für wirkungsvoll halten, die die betrieblichen Akteure auf dem Arbeitsmarkt einbinden, wie etwa die Gewerkschafts-, Frauen-, Schwerbehindertenbeauftragten oder Beauftragte im Gesundheits- und Präventionsmanagement. „Denn der größte Teil der beschäftigten Menschen mit Schwerbehinderung wird innerhalb des Betriebs rekrutiert. Wenn die Beschäftigung von Menschen mit Schwerbehinderung innerbetrieblich gut läuft, dann sind die Arbeitgeber auch eher bereit von außen Menschen einzustellen.“ Allerdings sei die Glaubwürdigkeit sehr wichtig, wirft Bettina Vaupel ein. Denn es gebe viele, politisch korrekte Kampagnen und Beispiele, die einfach nicht glaubwürdig sind.“ Deswegen sei die Video-Kampagne „Begegnungen“ der Aktion Mensch so gut. Diese Castings seien sehr glaubwürdig. Auch glaube sie, dass Kampagnen auch Empowerment-Elemente bieten müssen, um zielführend zu sein. Elke Boucault wünscht sich auch mehr positive Beispiele, die Mut machen und Berührungsängste abbauen. Außerdem sollten die Kampagnen einfach rezipierbar sein, wie etwa die Begegnungsvideos und nicht in einem Ratgeberkatalog von 100 Seiten. Auch hier fehle die Differenzierung: Entweder seien die Menschen mit Behinderung „ganz arm dran“ oder sie kraxeln auf den Himalaja. Es fehle an Beispielen die jeden betreffen, zum Beispiel, dass auch eine Frau mit Behinderung Stress mit den Kindern hat, im Job Erfolge erreicht, beim Einkaufen zeigt. Das schaffe Gemeinsamkeiten.

Isabell Rosenberg findet, dass es auch an einfachsten Informationen fehle, wie etwa ob der Betrieb eine Rollstuhlrampe habe. „In den Stellenausschreibungen steht oft, dass Bewerbungen von Schwerbehinderten bevorzugt würden, dann rufe ich dort an und bekomme die Information, dass ich nicht barrierefrei in das Gebäude komme.“ Sie wünscht sich Stellen, die Informationen geben, ob dort meine Bewerbung überhaupt eine Chance hat, wenn ich etwa eine Rollstuhlfahrerin bin. Bei all ihren Praktika musste sie Toiletten extern aufsuchen und deswegen ihre Mittagspausen verlängern. Es fehlen genauere Informationen bei den Ausschreibungen, für welche Art der Schwerbehinderung der Betrieb geeignet sei. Eine Umfrage bei Unternehmen, ob Menschen mit Behinderung überhaupt in ihr Unternehmen reinkommen, es dort eine behindertengerechte Toilette gibt, wäre sehr gewinnbringend. Barrierefreiheit sei immer noch ein sehr gefragtes Thema, da bei Veranstaltungen und Arbeitgebern oft nicht daran gedacht werde.

Schlusswort

Die Aktion Mensch wird sich weiterhin intensiv um die Verbesserung der Situation von Frauen mit Behinderung auf dem Arbeitsmarkt beschäftigen, um die sehr hohe Arbeitslosigkeit und die mehrfache Diskriminierung zu mindern. Bei einem weiteren Treffen wollen wir auch betriebliche Akteure mit an den Tisch holen, um sie aktiv miteinzubinden.

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