Ohne Worte

Wie versteht man einen Menschen, der sich kaum mitteilen kann? Wir haben
den sechsjährigen Simon und seinen Pfleger Andy begleitet.
 

© Anna Thut

Es ist Nachmittag. Simon hat sein Nickerchen gemacht und sitzt am Kaffeetisch. Es gibt Obst und Milchschnitte. Aber Simon wird das Essen nicht einfach verputzen können, wie Kinder es gern tun. Auch mit fremder Hilfe ist ihm kaum möglich, was für andere Sechsjährige normal ist.

Seit seiner Geburt liegt Simon im Wachkoma: Er kann nicht essen, nicht gehen, nicht sprechen, nicht alleine atmen. Niemand weiß genau, was er von der Welt um sich herum wahrnimmt.

Zuerst war alles neu für Andy

Sein Pfleger Andy war es, der Simon nach der Mittagsruhe angezogen und ihm die Haare gekämmt hat. Er hat Simons Beatmungsgerät umgestöpselt, um ihn behutsam aus dem Bett in den Rollstuhl zu heben und in den Aufenthaltsraum zu schieben: Seit Simon vier Jahre alt ist, wohnt er in der Wohngemeinschaft des Intensivpflegedienstes „Kristallkinder“ in Brandenburg. Pfleger Andy ist es auch, der Simon jetzt die pürierte Milchschnitte über einen dünnen Schlauch direkt in den Magen gibt. Simon kann nicht kauen und nicht schlucken.

Andy, 37 Jahre alt, ist ein Mann mit freundlichem Lächeln und breitem Rücken. Er hat auf dem Bau gearbeitet und ist dann Pfleger geworden. Gleich nach der Ausbildung hat er bei den „Kristallkindern“ angefangen. Sieben Kinder mit Behinderungen leben in der Wohngemeinschaft.

Andy erinnert sich, dass am Anfang alles hier neu für ihn war. Vor allem Simon, dieser stille Junge, der meist wirkt, als würde er schlafen. Mit dem Andy redete und redete, obwohl nichts von Simon zurückzukommen schien.

© Anna Thut

Simons Herzschlag zeigt, wie es ihm geht

Sechs Monate dauerte es, bis Andy das Gefühl hatte, Simons Sprache zu verstehen. Ein Bildschirm spielt dabei die Hauptrolle. Er zeigt Simons wichtigstes Ausdrucksmittel:

den Herzschlag. Mit seiner Hilfe und Simons Gesichtsausdruck kann Andy einschätzen, ob es ihm gut oder schlecht geht. Das Herz schlägt schneller, wenn Simon Hunger oder Schmerzen hat. Es schlägt langsamer, wenn er satt und zufrieden ist. Simon besucht seit Kurzem eine Schule für Kinder mit Behinderung. Sein Herzschlag steigt sofort, wenn er seine Klassenkameraden hört, wenn sie ihn ansprechen oder berühren. Pfleger Andy ist sich sicher: Simons Herz schlägt höher, weil er sich über die Kinder freut.

Pfleger Andy hat auch herausgefunden, dass Simon keine Aufregung mag. Er hat es lieber, wenn man ruhig mit ihm umgeht, so wie Andy es tut. Anfangs raste Simons Herz noch vor Angst, wenn Andy ihn beim Umsetzen in den Rollstuhl kurz von der Beatmung abstöpseln musste. Inzwischen bleibt sein Herzschlag dabei normal: Er vertraut Andy.

Manchmal drückt Simon Andys Hand

Andy hat Simon zurück in sein Zimmer geschoben. „Schau doch mal her“, sagt er und legt seine Hand auf das Knie des Jungen. Da öffnet Simon tatsächlich die Augen.

Fast jede Nacht ist Simon längere Zeit wach. Dann kann er plötzlich die Glieder bewegen, verzieht sein Gesicht und reißt die Augen auf. Manchmal drückt er sogar Andys Hand und bewegt das linke oder rechte Bein, wenn Andy ihn darum bittet.

„Vielleicht war das immer Zufall“, sagt Andy. Doch sein Gefühl sagt ihm: war es nicht.

Aufgeschrieben von: Sarah Schelp

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