Schwer behindert und leicht bekloppt

Bernd Mann und Christian Kenk, der mit einer seltenen Muskelkrankheit lebt, wohnen zusammen in einer WG in Karlsruhe. Was als Freundschaft begann, ist heute auch ein äußerst ungewöhnliches Pflegemodell.

Ein normales Wohngebiet in Karlsruhe, eine weiße Doppelhaushälfte. Hier ist eine der ungewöhnlichsten WGs Deutschlands zu Hause. Die Bewohner: Bernd Mann (47), ein Verwaltungsfachwirt mit einem großen Herzen, mit seinen Adoptivsöhnen Noah (20) und Aaron (18). Und Christian Kenk (42), der beste Freund von Bernd Mann. Er lebt seit seiner Kindheit mit einer Dystonie, eine seltene Bewegungsstörung. Er kann sich kaum bewegen und braucht sehr viel Assistenz im Alltag.

Früher lebte Christian Kenk in Heimen, doch dort ging es ihm sehr schlecht. Deshalb hat Bernd Mann vor 20 Jahren beschlossen, Christian Kenk zu sich zu holen. Das brachte zwar viele Probleme mit sich. Aber Bernd Mann würde es immer wieder tun.

Die ungewöhnliche Freundschaft von Bernd Mann und Christian Kenk begann 1990 in einer Kinderklinik. Christian Kenk, damals 15 Jahre alt, war dort wegen seiner Krankheit. Bernd Mann, damals 20 Jahre alt, war Zivildienstleistender. Die beiden freundeten sich an, unternahmen Ausflüge, gingen auf Reisen, auch als Bernd Mann schon lange kein Zivi mehr war. „Ich habe gesehen, dass es ihm nicht gut geht“, sagt Bernd Mann. Er beschloss, den Freund zu fragen, ob sie zusammen leben wollen. Doch er unterschätzte zunächst den Aufwand. Bernd Mann beendete zwar sein Studium, aber er konnte nicht arbeiten gehen. Andere Menschen hätten an dieser Stelle vielleicht aufgegeben. Bernd Mann nicht. Er legte erst richtig los. Seine Idee: Er wollte Christian Kenk hauptberuflich betreuen.

Das Bundessozialhilfegesetz sagt, dass Menschen mit Behinderung, wenn möglich, „außerhalb von Anstalten“ leben sollten. Doch als Bernd Mann Hilfe beantragte, stellte sich das Sozialamt quer. Die Begründung: In einer Einrichtung wäre Christian Kenk günstiger untergebracht. „Günstiger“, sagt Bernd Mann. „Aber schlechter.“ Er zog vor Gericht – und gewann. Seither ist er der „Berufsbetreuer“, seines besten Freundes Christian. Unterstützt werden sie von weiteren Pflegekräften.

Bernd Mann hat seine Doppelhaushälfte für viel Geld umbauen lassen: Eine Rampe führt zur Eingangstür, die Türschwellen sind weg. Durch die Fenster fällt Licht in die große Wohnküche, ein Holzofen sorgt im Winter für Wärme. Dann zogen noch Noah und Aaron, die Adoptivsöhne von Bernd Mann, mit ein. Und so sind sie jetzt hier zu viert: Zwei ziemlich beste Freunde, zwei erwachsene Söhne – und ein paar Honorarkräfte, die täglich kommen und gehen.

Dass sie sich die beiden Freunde so gut verstehen, liegt sicher auch daran, dass sie so viel gemeinsam haben. Ins Kino gehen, reisen, in der Natur Vögel beobachten – das sind ihre Leidenschaften. Christian Kenk ist, wie er sagt, „nicht so der Shopping-Typ“. Auch das teilen die beiden: einen feinen, manchmal etwas schwarzen Humor. „Durch Christian habe ich die kleinen Momente schätzen gelernt“, sagt Bernd Mann. „Dank ihm gehe ich mit ganz anderen Augen durchs Leben.“ Die beiden haben ein Buch über ihre ungewöhnliche Freundschaft geschrieben. Der Titel zeugt von ihrem Humor: „Schwer behindert und leicht bekloppt.“

Aufgeschrieben von Mathias Becker

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