Meine Mutter ist gehörlos

Hörende und Gehörlose verstehen sich nicht? Stimmt nicht, finden Lisa Ulrich und ihre gehörlose Mutter Susanne Bindernagel. Sie erzählen, was ihre Familie anderen voraushat.
 

Als Susanne Bindernagel (48) erfuhr, dass ihre Tochter Lisa hörend ist, war das kein Problem für sie. Ganz selbstverständlich wuchs ihr Kind zweisprachig auf: "Wenn ich mit ihr alleine war, habe ich gebärdet. Sie hat dann von sich aus damit begonnen. Ich habe auch laut gesprochen, denn ich selbst musste als Kind Lautsprache lernen." Dass sie diese Fähigkeit besitzt, hat Susanne Bindernagel damals teuer bezahlt: "Unsere Lehrer haben den Eltern gesagt, sie sollten auch zu Hause nur Lautsprache verwenden. Das war sehr anstrengend für mich."

Lisa profitiert doppelt

Lisa Ulrich (25) profitiert davon, dass sie zweisprachig aufgewachsen ist. Erstens, weil sie ihre Fähigkeiten als Gebärdensprachdolmetscherin auch beruflich nutzen kann. Und zweitens, weil sie die Vorzüge beider Sprachen zu schätzen weiß: "Gebärdensprache ist eine sehr liebevolle Sprache. Man hat mehr Augenkontakt, im Gesicht passiert mehr als bei Hörenden. Dadurch kann man viel mehr Gefühle weitergeben. Man ist intensiver miteinander. Gehörlose sind Augenmenschen. Sie schauen immer, wie es dem anderen geht. Durch das Gebärden sind wir in der Familie eng verbunden." Gleichzeitig waren Lisa Ulrich das Hören und die Musik immer sehr wichtig: "Als Kind habe ich viel getanzt und die Musik dann mitgebärdet. Es war schön für meine Mutter zu sehen, was die Musik für mich bedeutet."

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Durch ihre Tochter hat auch Susanne Bindernagel mehr von der Welt der Hörenden entdecken können. "Musik zum Beispiel oder Sprichwörter, die gibt es in der Gebärdenwelt ja nicht. Und manchmal war es sehr hilfreich, dass Lisa hört: Wenn mal etwas umfiel, hat sie mich darauf aufmerksam gemacht." Auch die Kommunikation mit Lehrern und anderen Eltern hat immer funktioniert, erzählt die kaufmännische Angestellte. "Ich habe immer klargemacht, dass ich gehörlos bin und dass mein Gegenüber langsam sprechen soll. Bei Gesprächen unter vier Augen ging das gut. In größerer Runde wie Elternabende habe ich eben einen Dolmetscher mitgenommen. Lisas Vater und ich hatten immer Kontakt zu hörenden Eltern. Wir waren immer voll akzeptiert und sind eingeladen worden zu Ausflügen und Aufführungen."

Anderen Mut machen

So viel Selbstverständlichkeit ist noch keine Normalität, so Lisa Ulrich: "Ich erinnere mich, dass wir in der Schule einmal über Menschen mit Behinderung gesprochen haben. Die Lehrerin zählte Behinderungen auf, und darunter war auch Gehörlosigkeit. Da war ich total aufgebracht und dachte: Meine Eltern behindert?!? Auf keinen Fall! Meine Eltern sind doch ganz normal!"

Ihre Mutter Susanne Bindernagel möchte Hörenden wie Gehörlosen Mut machen: "Auch Hörende, die ein gehörloses Kind bekommen, müssen keine Angst haben. Es gibt gute Unterstützung. Es ist wichtig, dass man Kontakt sucht, sich mit den Augen trifft. Mit Lisa habe ich immer guten Kontakt gehabt. Es ist wunderbar, was wir uns aufgebaut haben. Ein schönes Leben.“

Aufgeschrieben von Beate Schwarz

 

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