Inzwischen ist der Rollstuhl Nebensache

Für die Kleinen ist sie eine Gefährtin, für die Großen eine Vertraute und für ihre Chefin eine wichtige Stütze: Seit vier Jahren arbeitet die Sozialpädagogin Miriam Kell in einem Mutter-Kind-Haus im niederbayerischen Arnstorf. Das verdankt die Rollstuhlfahrerin nicht zuletzt ihrem Können, ihrem Kampfgeist und ihrem Enthusiasmus.

Ulrike Frömel

Eigentlich möchte Miriam Kell nicht im Mittelpunkt stehen. Für diese Reportage lässt sie sich vor allem aus einem Grund begleiten: „Ich will Menschen mit einer Körperbehinderung Mut machen.“ Andere Menschen in schwierigen Situationen zu stärken ist ihre Leidenschaft. Seit fast fünf Jahren arbeitet Miriam als Sozialpädagogin in einem Mutter-Kind-Haus im niederbayerischen Arnstorf. Dort steht sie Frauen aus schwierigen Verhältnissen und deren Kindern zur Seite. Es ist der Beruf, von dem die 30-Jährige immer geträumt hat. Dass sie ihn wirklich einmal ausüben würde, daran hatte sie manchmal ihre Zweifel.

Weil die Signale ihres Gehirns nicht an ihren Beinmuskeln ankommen, benötigt Miriam einen Rollstuhl – und Menschen, die sie im Alltag unterstützen. Als sie sich nach ihrem Studium arbeitssuchend meldet, meint ihre Beraterin: „Wer will Sie denn einstellen?“ Dennoch sucht sie im Internet nach Stellenausschreibungen und findet eine Annonce des Mutter-Kind-Hauses in Arnstorf, nur 30 Autominuten von ihrem Heimatort Landau an der Isar entfernt. Als Miriam anruft, ist Leiterin Ela Kattinger gleich interessiert. Miriam hat gerade ihr Studium abgeschlossen und wirkt motiviert. Nur die Sache mit dem Rollstuhl bereitet Ela Kattinger zunächst Kopfzerbrechen. Schließlich ist ihr dreigeschossiges Haus nicht barrierefrei. Außerdem fürchtet sie, dass sich ihre Mitarbeiterinnen nun zusätzlich um eine Kollegin kümmern müssen, die selbst Unterstützung braucht. Doch beim Vorstellungsgespräch kann Miriam ihre zukünftige Chefin überzeugen.

Inzwischen betreut sie die Kleinen, hilft den Müttern im Umgang mit ihren Kindern sowie bei Behördengängen und schreibt Entwicklungsberichte fürs Jugendamt. Bei manchen Aktivitäten im Haus benötigt Miriam Unterstützung – etwa wenn sie zum Telefon greifen will, das hoch an der Wand hängt. Oder beim Treppensteigen, das sie mit stützendem Arm sogar selbst kann. Dank eingespieltem Teamwork ist ihr Rollstuhl aber inzwischen zur Nebensache geworden. Für die Organisation im Haus ist Miriam mittlerweile unentbehrlich. Denn längst hat sie sich den Ruf eines wandelnden Kalenders erarbeitet.

Bis neue Mütter Miriam als Expertin und Respektsperson akzeptieren, kann es manchmal ein wenig dauern. „Weil ich selbst keine Kinder habe und einige Handgriffe nicht allein durchführen kann, tun sich manche Frauen anfangs schwer mit mir“, sagt sie. In der Regel verschwindet die Skepsis aber schnell. Wenn eine neue Mutter kommt, machen ihr die übrigen klar, dass sie Miriam vertrauen kann. Die Kinder zeigen von Anfang an keine Scheu vor Miriams Handicap. Noch nie hat sie eines gefragt, warum sie im Rollstuhl sitzt. Aus Sicht der Kleinen gehört der einfach zu ihr.

Nach ihrem Start im Mutter-Kind-Haus musste Miriam lernen, sich durchzusetzen. In den ersten Wochen war sie noch sehr darauf bedacht, niemandem zur Last zu fallen. Damals räumte sie nach dem Abendessen schon mal alleine die Küche auf. Heute kann sie darauf bestehen, dass die Mütter, die Küchendienst haben, dies übernehmen. Miriam hat bei ihrer Arbeit nicht nur vielen Müttern und Kindern geholfen. Sie ist auch selbst noch stärker geworden – sogar im körperlichen Sinn. Früher war ihre Muskelkraft in den Armen recht schwach. Mittlerweile hebt sie wie selbstverständlich Kleinkinder auf ihren Schoß.

Wenn die Frauen auf Veranlassung des Jugendamts ins Haus einziehen, empfinden sie ihre Situation oft als ausweglos. Viele haben Erfahrungen mit Gewalt und Drogen. Im Mutter-Kind-Haus helfen ihnen die Mitarbeiterinnen, darunter drei festangestellte Erzieherinnen und neben Miriam eine weitere Sozialpädagogin, den Weg in ein geregeltes Leben zu finden. Sie unterstützen die Frauen in ihrer Ausbildung, bei der Jobsuche und im Alltag. Vor allem stehen sie ihnen bei der Betreuung ihrer Kinder zur Seite. Sobald die Frauen in der Lage sind, für sich und ihre Kinder zu sorgen – und das Jugendamt zustimmt – können sie wieder ausziehen. Manche schaffen das schon nach einem Jahr, andere benötigen zwei Jahre und länger. Miriam mit ihrem Lebensmut und ihrer guten Laune gilt so manchen von ihnen als Vorbild. Ihr Beispiel zeigt: Es lohnt sich, das eigene Schicksal in die Hand zu nehmen.

Aufgeschrieben von David Meyer

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