Die Berührbaren

Wo sich Lust und Liebe nicht von selbst ergeben, kann nachgeholfen werden. Zum Beispiel mit Sexualbegleitern für Menschen mit Behinderung.
 

Im australischen Dokumentarfilm "Rachels Weg" vermittelt die Sexulassistentin Rachel ihrem Kunden Mark nicht nur Sex, sondern auch Wärme und Zärtlickeit.

Wenn Manuela und Luisa* sich treffen, schließt Manuela immer zuerst die Zimmertür ab. Dann legt sie ein erotisches Hörbuch auf. Luisa schaut ihr vom Liegerollstuhl aus zu. Sie wartet, bis Manuela sich zu ihr setzt. „Dann schließt sie die Augen, sagt mir, was sie sich wünscht, und genießt“, erzählt Manuela. Sie und Luisa sind kein Paar. Die schmale Frau, helle Augen und hellbraunes Haar, arbeitet als Sexualbegleiterin für Frauen und Männer mit Behinderung. Sie nimmt sich Zeit für sie. Sie redet, streichelt und stimuliert. Manchmal schläft sie mit ihren Klienten.

Kennengelernt haben sich die beiden Frauen auf einem Erotikwochenende des „Instituts zur Selbst-Bestimmung Behinderter“ (ISBB) in Trebel. Luisa, deren Arme und Beine spastisch gelähmt sind, war damals 23 Jahre alt. Sie wollte endlich mit ihrem Freund schlafen. Manuela assistierte dem Paar. Luisa merkte, dass sie generell unzufrieden war mit ihrem Sexualleben: „Als Manuela mir irgendwann von Selbstbefriedigung erzählte, sagte ich: Das habe ich zwar noch nie gemacht. Aber mit deiner Hilfe würde ich es gerne ausprobieren.“

Eine junge Frau ist auf der Suche nach Sexualität, nach Erfüllung, nach Zuneigung und Geborgenheit. Eigentlich etwas ganz Natürliches. Doch Sexualität von Frauen und Männern mit Behinderung ist immer noch ein Tabuthema. Um Selbstbestimmung müssen viele nach wie vor kämpfen. Allerdings gibt es bereits eine lockere Szene aus Angebot und Nachfrage: Zum Beispiel Partys und Kontaktbörsen für Menschen mit Behinderung. Oder therapeutische Erotikworkshops, Sexualbegleiter und Bordelle, die ihr Angebot auf Freier mit Körperbehinderung ausgerichtet haben.

Szene aus dem Dokumentatarfilm "Rachels Weg" (2011)

Scarlet Road, MENSCHEN. das magazin

Lothar Sandfort ist Leiter des ISBB und bildet Sexualberater und -begleiter aus. Eines ist ihm besonders wichtig: „Wir stellen das Modell von Prostitution in Frage, wenn der Profit von Zuhältern dabei im Vordergrund steht“, sagt er. Die Sexualbegleiter am ISBB schließen keine Handlung kategorisch aus. „Es gibt aber auch keinen Leistungskatalog, bei dem nach Modulen bezahlt wird“. Ziel ist es, Sexualität als erotische Erfahrung zu erleben, so Sandfort.

Viele Menschen mit Behinderung erzählen, dass es ihnen beim Kontakt zu einem Mann oder einer Frau um mehr geht als um Sex: Es geht auch um Liebe und Zuneigung, die nicht von den Eltern kommt. Und es geht um Selbstbestimmung. Zwar gibt es inzwischen schon mehr Informationen und Aufklärung zum Thema. Broschüren in Leichter Sprache geben Tipps, und erklären auch, wie man sich vor Missbrauch schützen kann. Es existieren Beratungs- und Fortbildungsangebote. Und selbst auf die Kinoleinwand hat es das Thema Sexualität von Menschen mit Behinderung geschafft. Zum Beispiel mit den Filmen "(K)ein besonderes Bedürfnis" und "Dora oder die sexuellen Neurosen unserer Eltern". Doch der Prozess des Umdenkens wird andauern. Denn dazu ist vor allem eines nötig: Eine Gesellschaft, die sich darauf einlässt.

*Namen geändert

Aufgeschrieben von Sarah Sophie Ehrmann

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