Petrolfarbener Hintergrund. Darauf sind weiße Fragezeichen und Ausrufezeichen platzier.

Fragen und Antworten

Was zeichnet inklusive Arbeit aus? Wie können inklusive Themen angegangen werden? Und wo gibt es Anregungen aus der Praxis, Infomaterialien und Fortbildungen? All dies und vieles mehr verraten Ihnen hier Experten und Praktiker.

Ich würde mir gerne mal anschauen, wie inklusive Schulen tatsächlich arbeiten. Wo finde ich gute Beispiele? Wie gehe ich bei einem Besuch am besten vor?

Die Expertin Barbara Brokamp.

Preisgekrönte Schulen des Jakob Muth-Preises oder des Deutschen Schulpreises sind einen Besuch wert. Etliche Portale der Länder (Bezirksregierungen, Schulämter, Inklusionsbeauftragte) und auch Kommunen, die häufig stolz auf ihre inklusiven Schulen sind und sie offensiv unterstützen (wie z.B. Oldenburg oder Bremen), haben aktuelle Informationen, die man dort gezielt erfragen kann. Ferner bieten Elternverbände wie z.B. „Mittendrin e.V.“ oder „Gemeinsam Leben gemeinsam Lernen“ Listen mit Schulen, die in Frage kommen können. Und auch die Zentren für Lehrerbildung kennen sich gut aus und können angefragt werden.

Wichtig ist zudem die Frage, WIE schaue ich mir die Schulen eigentlich an? Was sehe ich und was sehe ich nicht? Und wie kann ich gewährleisten, dass ich offen an die neuen Erfahrungen herangehe? Und dass ich wirklich erleben kann, wie es allen Beteiligten in der Schule geht? Bewährt haben sich kleine Hospitationsgruppen, die den Besuch gemeinsam vor- und nachbereiten, um später über die Erfahrungen in der eigenen Schule zu berichten.

Und noch etwas: Fragen Sie sich doch mal: WO entdecke ich eigentlich auch inklusive Momente an meiner eigenen Schule oder an der Schule meiner Kinder? Oder an der Nachbarschule? Und wie kann ich diese Situationen und Beispiele ausweiten, diese Momentbewegung unterstützen?

Mehr über Barbara Brokamp erfahren


Ich bin Leiter einer Kinder- und Jugendfreizeit und möchte mein Angebot für junge Leute mit Behinderungen öffnen, da es bereits Interessenten gibt. Das stellt mich vor echte Herausforderungen: Wie soll ich vorgehen?

Experte Simon Maier.

Aus meiner eigenen Erfahrung mit Kinder- und Jugendfreizeiten weiß ich: Das Wichtigste ist die eigene Haltung. Beim Thema Inklusion spielen Offenheit, Mut und Begegnung eine sehr wichtige Rolle. Schon in die Ausschreibung und bei der Bewerbung des Angebots sollte man explizit schreiben „für Menschen mit und ohne Behinderung“, weil sich die erstgenannte Personengruppe sonst nicht automatisch angesprochen fühlt. Es ist nämlich leider noch immer nicht die Regel, dass alle gemeint sind.

Bei der Planung ist die erste Frage „Wer gehört zum Team?“. Unsere erste inklusive Freizeit führte uns 2009 nach München. Ich, selbst Rollstuhlfahrer, gehörte damals zum Leitungsteam. Damals bin ich vorab nach München gefahren und habe mir die Gegebenheiten der Jugendherberge vor Ort angeschaut um sicher zu gehen, dass sie barrierefrei ist. Bei der Vorbereitung sollten wirklich alle in die Planung einbezogen werden – also Teilnehmer, Team, Begleitpersonen sowie Eltern.

Elternarbeit spielt beim Thema Inklusion eine sehr wichtige Rolle, denn die Eltern kennen ihre Kinder am besten. Gerade wenn Kinder oder Jugendliche zum ersten Mal ohne ihre Eltern unterwegs sind, gibt es einiges zu klären und von den Erfahrungen der Eltern zu lernen. Deshalb war es uns wichtig, die Eltern während der Vorbereitung zu treffen, sie gemeinsam mit ihren Kindern nach Bedürfnissen zu befragen und so ihre Sorgen und Nöte ernst zu nehmen. Bei uns gab es im Vorfeld viele Gespräche und mehrere Vorbereitungstreffen, bei denen bereits Kontakte geknüpft und Telefonnummern ausgetauscht wurden.

Jeder der Teilnehmer übernahm eine Aufgabe, also auch die Teilnehmer mit Behinderung. Zudem hatten wir auch Mitarbeiter für die Pflege von einem Träger der Behindertenhilfe dabei. Falls es nicht schon Kontakte zu anderen Partnern vor Ort und in der Region gibt, ist es eine gute Idee, spätestens jetzt den Kontakt zu suchen und sich Kooperationspartner zum Beispiel aus der Behindertenhilfe und -selbsthilfe zu suchen.

Bei der Durchführung unserer Freizeit hat dann alles gut geklappt: Jeder brachte sich vor Ort nach seinen Möglichkeiten ein. Das Team der Freizeit hatte sich im Vorfeld viel überlegt, was man denn besteuern müsste damit die Freizeit auch wirklich inklusiv würde. Vieles von dem haben wir gar nicht gebraucht, weil sich die Teilnehmer tagsüber im Rahmen ihrer Möglichkeiten gegenseitig unterstützten und abends zum Beispiel gemeinsam Gesellschaftsspiele machten. Dennoch ist es sinnvoll, mögliche Szenarien vorab zu durchdenken.

Ein Nachtreffen ist bei einer inklusiven Freizeit auch sehr wichtig. Hier können alle Beteiligten das Erlebte „revuepassieren lassen“ und sagen, was sie gut und was sie weniger gut fanden. Die Ergebnisse des Nachtreffens haben wir dann in die Planung weiterer Freizeiten einbezogen und sind so immer besser geworden. Außerdem konnten neu hinzugekommene Mitarbeiter von den Erfahrungen profitieren und waren weniger ängstlich bei späteren Aktivitäten.

Und damit auch andere etwas von unseren Erfahrungen mit inklusiven Kinder- und Jugendfreizeiten haben, haben wir vom Kreisjugendring Rems-Murr an der Tagung „Auftrag Inklusion – Perspektiven für eine neue Offenheit in der Kinder- und Jugendarbeit“ in Berlin teilgenommen und vor größerem Publikum berichtet, wie wir unsere inklusiven Freizeitangebote organisieren. Aus unseren Anregungen und den Erfahrungen vieler anderer Praktiker ist dann ein Inklusions-Check entstanden: Diese Checkliste enthält Anregungen, wie man mit Inklusion in der praktischen Kinder- und Jugendarbeit beginnen kann. Sie ist als Poster erhältlich.

Mehr über Simon Maier erfahren

___________________________________________________________________________________________________

Expertin Anna Katharina Bechtoldt

Das Wichtigste bei der Konzeption eines inklusiven Angebotes ist die eigene Haltung – wenn Sie offen sind für Veränderung und Wandel, dann haben Sie schon viel erreicht. Denn Inklusion rüttelt häufig an der vorgegebenen Struktur – mit der Zeit kann sich aber eine neue, stabile Struktur bilden, die Verschiedenheit wertschätzt und die Inhalte des Angebotes binnendifferenziert ausgestaltet.

Für Fragen und konkrete Unterstützung bei der Konzeption eines inklusiven Angebots haben Sie verschiedene Anlaufstellen: Dies können beispielsweise Träger der Behindertenhilfe wie der unsere sein. Neben klassischen Beratungsangeboten finden Sie dort häufig auch Verantwortliche für Freizeitangebote/Reiseangebote für Kinder und Jugendliche mit (und ohne) Beeinträchtigung.

Daneben können Sie sich auch an Selbsthilfeorganisationen (z.B. Selbstbestimmt Leben) wenden. Dort können Sie dann direkt mit den „ExpertInnen in eigener Sache“ sprechen.

Experte Lennart Sandvoß

Außerdem gibt es seit diesem Jahr eine „ergänzende unabhängige Teilhabeberatung“ in allen Bundesländern – dort können sich Betroffene selber, aber auch Angehörige oder fachlich Interessierte hinwenden. Die Themen decken ein breites Spektrum ab: Wohnen, Arbeiten, Freizeitorientierung, Finanzierung, Pflegeleistungen etc.

Und hier haben wir schon die Brücke zu den Inhalten geschlagen – es gibt vieles, was OrganisatorInnen einer Kinder- oder Jugendfreizeit beachten können. Klassische Themenfelder, auf die man bei der Konzeption eines Angebotes stößt, sind folgende:

- ein angemessener Betreuungsschlüssel (je nach Unterstützungsbedarf)

- der geschulte Blick für barrierearme- oder barrierefreie Orte sowie gute Transportmöglichkeiten und

- inhaltlich barrierearme Angebotsplanung.

Auch bei der Frage, wie Angebote (hinsichtlich des SGB XI) abgerechnet werden, können Träger der Behindertenhilfe unterstützen. Aber sie können genauso ganz praktische Unterstützung leisten – beispielsweise durch eine persönliche Assistenz für das Kind.

Allem voran möchten wir Sie aber ermutigen, sich zu trauen und nicht zu zögern. Probieren Sie es aus! Durch die Erfolge aber auch die Stolpersteine entwickeln Sie sich weiter!

Mehr über Anna Katharina Bechtoldt und Lennart Sandvoß erfahren


Gebärdensprache finden Kinder total interessant. Dabei taucht bei uns immer wieder die Frage auf: Gibt es weltweit eigentlich eine einheitliche Gebärdensprache oder hat jedes Land seine eigene? Und wenn ja, können gehörlose Menschen sich damit trotzdem untereinander verständigen?
 

Andreas Costrau

Obwohl es eine Art „Grundsprache“ gibt, die fast jeder Gebärdensprachnutzer beherrscht, hat jedes Land einen eigenen Gebärdenwortschatz und -dialekte, weil sie eine eigenständige Sprache ist, wie z.B. Spanisch. In Deutschland gibt es die Deutsche Gebärdensprache (DGS). Sie ist eine visuelle Sprache mit eigener Grammatik, in der Satzinhalte durch Mimik, Körperhaltung, Mundbild und Mundgestik sowie Gebärdenwörter dargestellt werden. Gebärdenwörter für Dinge wie AUTO etc. sind überall fast gleich, abstrakte Wörter z.B. für FARBEN können dagegen sehr unterschiedlich sein. Im Ausland kommt man besser mit der Internationalen Gebärdensprache (ISL) weiter, sie unterscheidet sich von Kontinent zu Kontinent. Zusätzlich zur Gebärdensprache gibt es das Fingeralphabet, um schwierige oder fremde Wörter mit den Fingern zu buchstabieren. Es ist nicht überall gleich. So ist es z.B. in England üblich, beide Hände zu nutzen. Ein Ersatz für Gebärdenworte ist das Fingeralphabet nicht. All das und mehr lernt man in DGS-Kursen. Hier erfährt man auch spannende Dinge zur Geschichte der Gebärdensprache und der Gehörlosenkultur.

Mehr über Andreas Costrau erfahren


Bezogen auf die Entwicklung von inklusiver Bildung in Deutschland fällt auf, dass die Inklusionsanteile in allen Bundesländern ansteigen – die Zahl der Schüler an Förderschulen aber trotzdem nicht viel weniger wird. Woran liegt das, beziehungsweise was bedeutet das? Welche Zahlen beschreiben den Status Quo der Inklusion in Deutschland am besten?

Experte Prof. Dr. Klaus Klemm

Laut Statistik wurde 2016 in Deutschland bei 7,2 Prozent (Förderquote) aller Schülerinnen und Schüler ein sonderpädagogischer Förderbedarf diagnostiziert. 4,3 Prozent davon besuchte Förderschulen (Exklusionsquote), 2,9 Prozent allgemeine Schulen (Inklusionsquote). In den Jahren seit 2008 hat sich der Anteil der exklusiv in Förderschulen unterrichteten Schülerinnen und Schüler nur um 0,6 Prozentpunkte von 4,9 Prozent auf 4,3 Prozent verringert. Damit wird die Vorgabe der UN-Konvention, allen Kindern den Zugang zu inklusiven Schulen zu bieten, verfehlt. Diese Feststellung steht im Widerspruch dazu, dass der Anteil der Kinder mit einem besonderen Förderbedarf, die allgemeine Schulen besuchen, an der Gesamtheit der zu fördernden Kinder (Inklusionsanteil) von 18,4 Prozent (2008) auf 39,3 Prozent (2016) angestiegen ist. Dies erklärt sich wie folgt: In den allgemeinen Schulen werden vermehrt schwache Schülerinnen und Schüler als "förderungsbedürftig" diagnostiziert, sodass dort die Gruppe mit sonderpädagogischem Förderbedarf wächst – ohne dass die Schülerinnen und Schüler mit diesem Bedarf in den Förderschulen entsprechend kleiner wird.

Mehr über Prof. Dr. Klaus Klemm erfahren


Unter Jugendlichen ist es normal, Begriffe wie Spasti, Opfer oder auch „behindert“ zu benutzen, um andere abzuwerten. Ich würde das gerne mal in meiner Jugendgruppe thematisieren – gibt es dazu gute Materialien oder Argumentationshilfen, um das jugendgerecht zu bearbeiten?
 

Experte Uwe Nicksch

Beleidigungen dürfen sein, allerdings sollten sie doch kreativer sein als „Spasti“ oder die weit verbreitete Phrase „Bist du behindert!?“. Um Diskriminierung behinderter Menschen zu reduzieren, wird jedoch mehr als ein Austausch von Wörtern nötig sein.

Inklusion beginnt nicht erst in der Schule – auch wenn das Thema im Unterricht behandelt werden sollte. Kinder werden auch durch den sozialen Umgang ihrer Eltern, vielfältige Kinderbücher und die natürliche Begegnung  mit behinderten Gleichaltrigen geprägt. Der direkte Kontakt von Kindern mit und ohne Behinderung in Schulen, Vereinen oder Ferienfreizeiten zeigt die Vielfalt der Gesellschaft und lässt Berührungsängste untereinander verschwinden. Dadurch werden daher genannte Beleidigungen womöglich hinterfragt und auch vermieden.

Mehr über Uwe Nicksch erfahren


Wer profitiert eigentlich von Inklusion? Im Moment habe ich das Gefühl, sie macht Pädagoginnen und Pädagogen nur viel mehr Arbeit und allen ein schwereres Leben.
 

Expertin Prof. Dr. Jutta Schöler

Alle profitieren davon: Es wäre doch gut und sinnvoll, wenn auch unsere zukünftigen Ärzte, Richter, Lehrer, Manager etc. die Verschiedenheit von Menschen schon in der Schule erleben würden. Auf ein Leben in einer vielfältigen Gesellschaft kann im Kindergarten und in der Schule nur durch die Selbstverständlichkeit des Zusammenlebens vielfältiger Menschen vorbereitet werden. Das Zusammenleben und der angstfreie Umgang von Menschen aus verschiedenen Kulturen wird zur Selbstverständlichkeit – in der Nachbarschaft und am Arbeitsplatz. Gemeinsam mit Gleichaltrigen, welche in ihren Fähigkeiten eingeschränkt sind, lernen alle Rücksichtnahme und Verständnis für eingeschränkte Bewegungs- und Denkfähigkeiten. Diese Grundfähigkeit benötigen Kinder und Jugendliche in der Schule und vielleicht im Umgang mit ihren eigenen Großeltern. Die Sozialisationsfunktion von Schule wird in der Zukunft immer wichtiger werden. Der Umgang mit neuen Medien, die Nutzung von Internet und digitalem Lernen machen es notwendig, dass sich Heranwachsende angstfrei und kreativ auf ihre Zukunft vorbereiten. Da ist mehr gefordert als konkurrenzorientiertes Aneignen von Techniken und Kenntnissen.

Mehr über Prof. Dr. Jutta Schöler erfahren



Ich führe immer wieder die gleichen Gespräche mit Eltern, die Angst haben, dass ihr Kind nicht genug lernt, beziehungsweise in inklusiven Settings zu kurz kommt. Was sind in diesem Kontext die fünf wichtigsten Argumente?
 


Expertin Lisa Reimann

Alle Studien zum Lernerfolg zeigen: Schülerinnen und Schüler lernen nicht schlechter, wenn Kinder mit Förderbedarf die Klasse besuchen. Sie lernen genauso gut wie Schülerinnen und Schüler in nicht inklusiven Klassen. In einigen Studien weisen sie sogar bessere Ergebnisse auf als in Klassen ohne Kinder mit Behinderungen. Ein Grund für diese guten Ergebnisse ist die Differenzierung und die inklusive Didaktik. Die kooperativen Arbeitsformen und die individuelle Förderung aller Kinder wirken sich positiv auf die Lernprozesse aus. Fakt ist: Die Leistungsheterogenität, also die unterschiedlichen Voraussetzungen der Schülerschaft in einer Klasse, ist für die Leistungsentwicklung völlig egal (vgl. DESI 2006, S. 52). Inklusive Settings mit ihren komplexeren sozialen Situationen bieten vielfältigere Entwicklungs- und Lernmöglichkeiten. Die Stärkung des Sozialverhaltens, der Empathie, Rücksichtnahme und die Förderung von

Teamwork sind Softskills, die in unserer Gesellschaft und Arbeitswelt immer wichtiger werden. Das Gefühl der Anerkennung und die Willkommenskultur tragen zu einem angstfreien Klima bei. Kinder, die der permanenten Angst ausgesetzt sind, „sitzen zu bleiben“, die Schule wechseln zu müssen oder zu versagen, können nicht gut lernen. Inklusive Bildung vertritt ein demokratisches Bildungsverständnis. Alle Kinder sollen gleichberechtigt und chancengleich lernen können.

Mehr über Lisa Reimann erfahren


Ein Kind in meiner Gruppe beziehungsweise Klasse wird von den anderen Kindern nicht akzeptiert. Wie gehe ich damit um, was kann ich tun?
 

Expertin Andrea Herrmann

Die Frage ist nicht neu, Ausgrenzung oder Mobbing hat es immer gegeben. Was kann helfen?

1. Meine Haltung, meine innere Einstellung zu jedem Kind oder Jugendlichen ist grundsätzlich positiv: du bist mir willkommen! Ich mag dich, akzeptiere dich so, wie du bist.

2. Diese Haltung überträgt sich auf das soziale Gefüge in der Klasse, wenn ich mit den mir anvertrauten Schülerinnen und Schülern ein sehr gutes Vertrauensverhältnis aufbauen kann.

3. Beziehungsarbeit: Zwischen den Schülerinnen und Schülern und mir als Lehrperson und auch in der Dreieckskonstruktion Schüler - Lehrperson - Eltern.

Jeder Fachunterricht bietet Raum und Zeit für soziale Themen, etwa „Wir sind verschieden – und das ist gut so!“ Die Schülerinnen und Schüler erarbeiten in unterschiedlichen didaktisch-methodischen Zusammenhängen:

1. Was zeichnet den anderen aus, wo sehe ich seine Stärken?
2. Mit welchen Besonderheiten des anderen komme ich nicht so gut klar?
3. Was kann ich akzeptieren und wo benötige ich Unterstützung?
4. Wie möchte ich gern von den anderen gesehen werden?

Alle in der Klasse sollten sich in ihrem möglichen Rahmen beteiligen, auch die Lehrperson, Assistenz und andere pädagogische Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.

Mit der Beantwortung dieser Fragestellungen bekommen alle ein ganz anderes Verständnis füreinander. Es ermöglicht auch, Fragen zum Nachteilsausgleich oder zur Assistenz für den Einzelnen zu beantworten. Beziehe ich auch die Eltern ein (z.B. im Rahmen einer Präsentation der Unterrichtsergebnisse und im Rahmen eines Elternbesuches), kann ich mir auch von ihnen Unterstützung holen.

In der Konsequenz dieses Unterrichtsthemas, das auch auf eine ganze Unterrichtseinheit oder ein Projekt ausgeweitet werden kann, indem ich beispielsweise auch die Freizeitinteressen der Lernenden einbeziehe (gemeinsamer Besuch von Freizeiteinrichtungen, die einzelne Schülerinnen und Schüler nutzen), lernen alle die Stärken der anderen kennen, die wiederum für den Unterricht in anderen Fächern oder außerunterrichtlichen Aktivitäten aufgegriffen beziehungsweise genutzt werden können.

Einen „Nachteil“ hat dieser Weg: Er muss immer wieder neu gegangen werden, nur unter anderen Ausgangsbedingungen. Aber: Es wird zusehends LEICHTER!

Mehr über Andrea Herrmann erfahren


Ich hab das Gefühl, zum Thema Inklusion gibt es mittlerweile viele Fortbildungsangebote, aber wo finde ich diese beziehungsweise was zeichnet ein gutes Fortbildungsformat zu diesem Thema eigentlich aus?
 

Experte Stefan Burkhardt

Das richtige Angebot zu finden ist nicht immer einfach, da die Inklusion ein weites und komplexes Feld ist. Die eine Veranstaltung, in der ich alles Wesentliche gleich lernen und dies dann in die Praxis umsetzen kann, gibt es vermutlich nicht. Dennoch gibt es Überlegungen, die bei der Suche hilfreich sind:

  • Suche ich Angebote für den schulischen oder den außerschulischen Bereich?
  • Benötige ich Grundlagen-Wissen (Theorie, Hintergründe, Basiswissen unter anderem zum Thema Behinderung)?
  • Geht es mir um die Initiierung von Projekten, Prozessen oder Strukturen?
  • Geht es mir um die Arbeit mit Kindern, Jugendlichen oder Eltern?
  • Brauche ich neue pädagogische Konzepte und Methoden für meine Arbeit?
  • Benötige ich konkrete Hilfestellungen zum Transfer in die Praxis?
  • Will ich Kooperationen und Netzwerke aufbauen?
  • Benötige ich Wissen zur Finanzierung inklusiver Projekt- und Prozessarbeit?

Empfehlenswert sind Weiterbildungen, die verschiedene Themen abdecken, sich dann aber auch über einen längeren Zeitraum erstrecken.

Wichtigste Akteure – schulisch und außerschulisch

Das Angebot umfasst sowohl Einzelveranstaltungen als auch mehrtägige Fort- und längerfristige Weiterbildungen. Entscheidend ist auch hier die Frage, was konkret für die aktuelle Situation gebraucht wird und wie akut der Bildungsbedarf ist.

Den schulischen Bedarf an Angeboten decken die Bildungsakademien der Kultusministerien inzwischen sehr gut ab.

Interessante Angebote für die außerschulische Kinder- und Jugendarbeit gibt es beispielsweise hier:

Interessante Angebote gibt es in Bezug auf das „sozialräumliche Arbeiten“, da sich dieses Fachkonzept für eine Umsetzung inklusiver Projekte und die Gestaltung inklusiver Prozesse in der Praxis als sehr hilfreich erweist: Ein Anbieter ist beispielsweise das Institut Lüttringhaus – Institut für Sozialraumorientierung, Quartier- und Case-Management.

Außerdem empfehlenswert sind folgende Weiterbildungen:

Auf dem freien Markt gibt es zudem freiberufliche Dozentinnen und Dozenten, die selbst aus der Praxis kommen und Inhouse-Veranstaltungen anbieten, welche sehr konkret auf die Dienste und Einrichtungen zugeschnitten werden können. Hier empfiehlt sich etwa:

  • die Anfrage bei Inklusionsbüros beziehungsweise -agenturen freier gemeinnütziger Träger oder Inklusionsnetzwerken (z.B. Inklusionsagentur WIR ALLE Aachen, Netzwerk Inklusion Region Freiburg, Inklusionsbüro Schleswig-Holstein, Invema e.V. Siegen, Martinsclub Bremen, Netzwerk Inklusion Hameln). Sie stehen mitten in der Praxis, haben selbst eine Reihe von Fortbildungen durchlaufen und sind regional wie überregional sehr gut vernetzt. Sie bieten teilweise auch selbst Inhouse-Schulungen an.
  • die Inklusionslandkarte. Dort kann gezielt nach Referentinnen und Referenten beziehungsweise Ansprechpartnern gesucht werden, die teilweise bundesweit unterwegs sind beziehungsweise gut mit Referentinnen und Referenten vernetzt sind.
  • ein Blick in die Fortbildungsprogramme der Akademien von Bundes- und Wohlfahrtsverbänden, beispielsweise
    • Paritätisches Bildungswerk Bundesverband
    • inform – Bildungsinstitut der Lebenshilfe Bundesvereinigung

Hier können Sie gezielt nach Inhouse-Veranstaltungen fragen. Bei der Suche nach Referentinnen und Referenten werden Sie unterstützt.

Die wichtigsten Qualitätskriterien: Woran erkenne ich die Guten?

Viele Fortbildungen sind oft nur unzureichend beschrieben. Daher lassen sich die Qualitätsmerkmale von Veranstaltungen nur schwer ausmachen beziehungsweise vergleichen. Ich empfehle in solchen Fällen die konkrete Nachfrage bei den Anbietern.

Zu den wichtigsten Qualitätskriterien von Fortbildungsveranstaltungen zählen:

  • Ausgewogene Mischung der Programminhalte aus Theorie und dem Blick in die aktuelle Praxis
  • Erfahrene Referentinnen und Referenten, die aus der Praxis kommen und einen klaren Bezug zur Praxis haben (Hinweise lesen beziehungsweise anfordern)
  • Gestaltungs- und Methodenmix: Vermittlung wesentlicher Theorieinhalte, Dialog, interaktives Arbeiten in Arbeitsgruppen und im Plenum, Reflexion
  • Erarbeitung von Transfer des Gelernten in die Praxis
  • Blick auf erforderliche und vorhandene Ressourcen zur Umsetzung
  • Möglichkeiten des Dialogs
  • Vorhandensein hilfreicher Arbeitsmaterialien für die Arbeit in der Praxis

Ganz persönlich empfehle ich Veranstaltungen, die zeitlich nicht zu knapp bemessen sind: Mindestens sechs Stunden Lern-Arbeitszeit zuzüglich Pausen wären optimal.

Mehr über Stefan Burkhardt erfahren


Beim Thema Inklusion fällt oft das Stichwort „Partizipation“. Alle finden das wichtig, auch bei uns an der Schule, aber was ist damit eigentlich genau gemeint? Nur die Schülervertretung oder auch etwas anderes? Und was ist eigentlich Empowerment?
 

Experte Jerôme Laubenthal

Partizipation bedeutet Beteiligung, Teilhabe, Mitbestimmung und geht weit über die Schülervertretung (SV) hinaus. Um Teilhabe zu ermöglichen, muss man überhaupt erst in der Lage sein, mitzuwirken. Das ist Empowerment (Selbstbefähigung). In der SV-Arbeit haben Schüler gleichberechtigt und selbstbestimmt an Entscheidungsprozessen im Schulalltag teil und sind an diesen Prozessen beteiligt. Dies gilt auch für das Thema Inklusion. Partizipation heißt in diesem Zusammenhang auch, dass man selbst die Initiative für Dinge ergreifen kann, die auch über den Schulalltag hinaus wichtig sind und für die Menschen sensibilisiert werden müssen.

Diesen Grundsatz verdeutlicht auch das Motto „Nichts über uns ohne uns“ der Selbstbestimmt Leben-Bewegung. Bezogen auf die inklusive SV-Arbeit bedeutet das, dass nicht über Schüler mit unterschiedlichen Voraussetzungen bestimmt wird, ohne sie vorher an den Entscheidungsprozessen zu beteiligen.

An meiner früheren Schule wurden all diese Prinzipien gelebt, da es einen Inklusionsbeirat gab, in dem Schüler mit Behinderungen vertreten waren. Der Inklusionsbeirat war an allen Fragen rund um das Thema Inklusion beteiligt.

Mehr über Jerôme Laubenthal erfahren

Seit 2009 gilt die UN-Behindertenrechtskonvention auch für Deutschland. Wird eigentlich überprüft, wie sie in den einzelnen Ländern umgesetzt wird? Und wenn ja, von wem und wie sieht die aktuelle Bewertung für Deutschland aus?

Expertin Susann Kroworsch

Der UN-Fachausschuss für die Rechte von Menschen mit Behinderungen überwacht die weltweite Umsetzung der UN-BRK und gibt Vertragsstaaten in seinen Abschließenden Bemerkungen nach Staatenprüfverfahren Empfehlungen zur Umsetzung. Darüber hinaus legt er die UN-BRK durch Allgemeine Bemerkungen aus wie z.B. in der Allgemeinen Bemerkung Nr. 4 zu Art. 24 (Inklusive Bildung).
Der Ausschuss hat Deutschland 2015 zum ersten Mal geprüft. Parallel zum deutschen Staatenbericht haben sowohl die Monitoring-Stelle UN-BRK als auch die zivilgesellschaftliche BRK-Allianz Parallelberichte eingereicht.
Für den Bereich Inklusive Bildung fordert der Ausschuss von Deutschland, das segregierende Schulwesen zurückzubauen, statt weiter an Doppelstrukturen festzuhalten. Trotz einer veränderten politischen Haltung und rechtlichen Änderungen ist es bis heute keinem Bundesland gelungen, den notwendigen Rahmen für die Schaffung und Gewährleistung eines inklusiven Bildungssystems abschließend zu entwickeln. 2019 steht die erneute Prüfung für Deutschland an.

Weitere Informationen zur Staatenberichtsprüfung unter:
Institut für Menschenrechte, Staatenprüfung

Weitere Informationen zum Thema Inklusive Bildung und zur Allgemeinen Bemerkung Nr. 4 unter:
Institut für Menschenrechte, Themen: Bildung

Mehr über Susann Kroworsch erfahren

Wie sinnvoll ist es eigentlich, vor der Lehrerausbildung zu fragen, ob jemand Regel- oder Förderschullehrer werden will, wenn das Ziel ja Inklusion sein sollte?!

Expertin Susann Kroworsch

Eine solche Frage ist meines Erachtens überhaupt nicht sinnvoll. Eine der größten Barrieren für die Entwicklung eines inklusiven Bildungssystems in Deutschland liegt aus meiner Sicht in der tradierten Struktur der Lehramtsstudiengänge nach den bestehenden Schultypen (Grundschulen, Haupt-, Realschulen, Gymnasien und Sonder-/ Förderschulen). In den meisten Bundesländern werden die Bewerber für das Lehramtsstudium tatsächlich bereits vor dem Start des Studiums bei der Zulassung in einen Lehramtstyp gefragt

 

  • "Welche Schüler möchtest du in deiner beruflichen Zukunft unterrichten?" bzw.
  • "In welchen Schultypen möchtest du unterrichten?"

Die jeweilige Entscheidung richtet sich dann häufig nach Überlegungen wie zum Beispiel: Möchte ich mehr Fachbezug und daher auf Gymnasien unterrichten oder schwebt mir eine stärker sozialpädagogisch ausgerichtete Lehrtätigkeit vor, z.B. an Sonder/-Förderschulen?

Diese und ähnliche Motive der Studiengangswahl sind nachvollziehbar, aber entsprechen Sie tatsächlich den Kompetenzanforderungen an Lehrern im Schulalltag? Aus meiner Erfahrung weiß ich: Nein, das ist nicht der Alltag als Lehrperson! Denn selbstverständlich brauchen auch Schüler an Sonder/-Förderschulen gute Fachlehrer und für Gymnasiasten sind gute Pädagogen, die nicht nur Fachwissen vermitteln, ebenfalls wichtig.

Auch sind diese Motive bei der Studienwahl nicht mit den Erfordernissen eines inklusiven Bildungssystems vereinbar, in dem es darum geht, heterogene Lerngruppen bei Ihrem Lernerfolg zu fördern und zu begleiten. Ein gemeinsames Fundament aller Lehrämter und inklusionsorientierte pädagogische Kenntnisse wären für den späteren Lehrerberuf daher sehr wichtig.

Daher mein Tipp an angehende Lehramtsstudierende: Wenn Sie die Entscheidung für den Lehrerberuf treffen, verstehen Sie sich zuallererst als Lernbegleiter von Schülern eines gewissen Altersspektrums in Grund- oder Sekundarstufe. Und nutzen Sie im Rahmen des Studiums die Möglichkeit, Erfahrungen durch Hospitationen und Praxissemester an verschiedenen Schulen und mit Kindern und Jugendlichen in ihrer Vielfalt zu machen, um so ihr ganz eigenes Profil zu schärfen und sich zu spezialisieren. Lassen Sie sich von bereits erfahrenen Pädagogen beraten, suchen Sie immer wieder das Gespräch und erhalten Sie so möglichst umfangreiche Einblicke in die unterschiedlichen Aufgabengebiete und Bereiche von Schule. Ein guter Lehrer wird man nicht allein durch einen Abschluss eines Lehramtes, sondern durch eine lebenslange Professionalisierung der eigenen Arbeit. Nur so können Sie selbst verhindern, dass man im Berufsleben „Unmögliches“ von Ihnen fordert und Schüler vor Ihnen sitzen, auf die sie nicht oder nur unzureichend vorbereitet wurden.

Mehr über Prof. Dr. Kerstin Merz-Atalik erfahren

Die Experten

Wer gibt Antworten auf diese Fragen? Hier können Sie sich die Experten ansehen.

Zur Übersicht