Wellen schlagen

Die Ruderjugend Sachsen-Anhalt ist nicht nur im Wettkampf stark. Mit dem mobilen Projekt Street Rowing engagiert sich der Verein landauf, landab für „Bewegung gegen Gewalt“.

Kraftakt: Beim Streetrowing können sich Kinder und Jugendliche an Land auf sogenannten Ruderergometern auspowern.

Text Cornelia Heller 

Fotos Matthias Piekacz

 

Zufrieden schaut Klaus Schindler in die erschöpften Gesichter, als die ersten Rennen vorüber sind. Rund 100 Kinder und Jugendliche der Ruderjugend Sachsen-Anhalt sind an diesem Januarmorgen nach Magdeburg zur ersten Landesmeisterschaft einer Sportart gekommen, die wohl nur wenigen und bisher eher jungen Menschen geläufig ist: Ergometerrudern. „Ruderergometer sind die Trainingsgeräte der Ruderer auf dem Trockenen. Sie simulieren perfekt das Rudern im Boot“, erklärt Klaus Schindler gegen den Hallenlärm. Der 61-Jährige war früher selbst Ruderer, Leistungssportler und Trainer. Heute arbeitet er als Erzieher in einem Kinderheim und ehrenamtlich als Landesjugendleiter der Ruderjugend Sachsen-Anhalt, dem Dachverband für 21 übers Land verteilte Vereine. Bekannter geworden aber ist Schindler über ein Projekt, das er selbst initiierte: Street Rowing, zu Deutsch: Straßenrudern – eine ehrenamtliche Initiative, die sozial wirkt und mit kleinen Mitteln viel erreicht. Mit einer mobilen Ruderanlage reist er von Ort zu Ort, Schule zu Schule, Klub zu Klub. Kinder und Jugendliche in strukturschwachen Gegenden haben so die ­Möglichkeit, ihren Bewegungsdrang zu stillen, Frust loszuwerden, den Kopf freizubekommen und nicht zuletzt mit anderen Spaß zu haben.

Acht Ruderergometer gehören zur technischen Ausstattung des Projekts. Auf ihnen können Anfänger schnell die Bewegung lernen, ohne wie in einem echten Boot auf dem Wasser mühsam die Balance halten zu müssen. Jedes Ergometer ist mit einem kleinen Computer ausgestattet, der die zurückgelegte Strecke errechnet. Für einen Wettkampf werden die Ergometer nebeneinander aufgestellt, verkabelt und schon können Sportler wie Zuschauer über eine Beamer-Leinwand verfolgen, welcher Ruderer sich virtuell auf welcher Position befindet.

Mit Herzblut dabei: Das Projekt ist für Klaus Schindler (rechts) "sein Leben".

Freizeit sinnvoll gestalten

Sachsen-Anhalt ist ein Flächenland, Klubs und Vereine finden sich nicht überall, und Freizeitangebote sind zuweilen rar. So war Schindler auf der Suche nach neuen Möglichkeiten, Sport und Jugend zueinander zu bringen. Die transportablen Ergometer erwiesen sich als ideal, um unkompliziert sportliche Freizeit an Orten jenseits großer und mittelgroßer Städte zu gestalten, eben dort, wo es kaum Einrichtungen für Jugendliche gibt. Das Motto des Projekts lautet „Bewegung gegen Gewalt“. Dabei schätzt Klaus Schindler das Gewaltpotential in Sachsen-Anhalt nicht höher ein als anderswo. Aber es sei doch „prinzipiell besser, wenn sie überschüssige Energie oder Aggressionen beim Sport abbauen als unkontrolliert auf der Straße“. Street Rowing gibt die Antwort auf die Frage, wie man Spaß, Miteinander, Kraft, Ausdauer, Teamgeist und Aktion miteinander verbinden kann – und das weitestgehend barrierefrei. „Manch einer“, sagt Schindler schmunzelnd, „lässt sich so für den Rudersport begeistern.“

Die nächsten Ruderstationen für 2014 sind bereits verabredet: Weißenfels, Bitterfeld und Barleben bei Magdeburg. Rund 30 Touren wird das Team bis Jahresende gefahren sein. Die An­fänge des Projekts liegen jetzt mehr als zehn Jahre zurück. Seither sind Klaus Schindler und sein Team von gegenwärtig drei Ehrenamtlichen unzählige Male übers Land gefahren. Sie besuchen Schulen und Vereine, die das kostenfreie Paket buchen, einen ganzen Rudertag abhalten oder Sportstunden gestalten. Mit jedem Einsatz ist Street Rowing mehr und mehr in Sachsen-Anhalt bekannt geworden und hat so auf seine Art Wellen geschlagen.

Von dem Projekt profitiert auch Fritz Filipski, Schüler und Ruderer aus Lutherstadt Wittenberg. Der 14-Jährige hat zwar bei den Landesmeisterschaften in seiner Altersklasse nur den letzten Platz belegt. Aber für ihn gilt gleichermaßen, was Klaus Schindler Kindern und Jugendlichen mit Street Rowing vermitteln möchte: „Wenn ich einen schlechten Tag in der Schule hatte, powere ich mich beim Rudern aus. Und dann kann ich neu in den nächsten Tag starten.“            


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