Erlebnispark für die Sinne

Bei Welzheim, eine gute Stunde nordwestlich von Stuttgart, betreibt die Lebenshilfe ein Erlebnis-Wunderland, das jährlich tausende von Besuchern anlockt. Ideal für Familienausflüge und für die Menschen mit Behinderung, die hier leben, arbeiten und den Besuchern ihre Welt zeigen.

Barfuß und mit verbundenen Augen im Gänsemarsch über Stock und Stein im Sinnes-Erlebnispark "Eins und alles".

Text Anna Hunger
Fotos Rainer Kwiotek
 

Rosemarie ist fünf, trägt Blümchen im blonden Zopf und sieht ärgerlich aus. „Komm jetzt endlich“, keucht sie, während sich Suleika, das zottelige, weiße Lama ungerührt malmend zum nächsten Grasbüschel durchfrisst. Auch Rosemaries Vater kämpft mit einer Lamadame, ebenfalls zottelig, aber braun, die gegen alles rüpelt, was sich ihr in den Weg stellt. „Man muss zeigen, wer der Chef ist“, sagt Rainer Klug, während ihn das Tier einmal mehr vor sich herschiebt. Sture Lamas gehören eben dazu, beim Erlebnissonntag im Wunderland „Eins und alles“, das im Tal zwischen Rudersberg und Welzheim liegt.  – am Rand einer dieser Steilkurven, die Motorradfahrer so sehr schätzen, sonst aber kaum einer zur Kenntnis nimmt. Und wäre Dieter Einhäuser nicht gewesen, würden all die Rudersberger, Welzheimer und die Welt drumherum immer noch nicht wissen, dass hinter dieser Straßenbiegung eine eigene kleine Welt existiert.

Die Lamas fressen den Gästen aus der Hand.

Behinderung als Fähigkeit

Sie gehört zur Christopherus-Lebenshilfe, in der Menschen mit Behinderung leben, arbeiten, lernen und oft mehr wissen, als all jene, die man als normal bezeichnet. Behinderung wird dort als Fähigkeit begriffen, bestimmte Dinge besonders gut zu machen. Hier leben Blinde, die sich in stockfinsteren Gängen zurechtfinden, wo Sehende gegruselt quietschen, wenn sie einen Fahrradreifen anfassen, weil sie nicht erkennen, was sich da in ihrer Hand windet. Es ist eine Welt wie für Kinder gemacht. Im Gegensatz zu vielen Erwachsenen trauen sie sich eher, in die Schlunde tönerner Vasen zu fassen, um Tannenzapfen zu ertasten, Gummikorken oder Wurzelbürsten, die sich anfühlen wie Igel. Hier sind diejenigen Könige, die noch das Kleine können, das zum Großen wird. 

Jessica arbeitet hier und kennt die Stelle, an der Lamas am liebsten gestreichelt werden wollen, nämlich an der Schulter und am Hals. Fenja lebt seit acht Jahren hier und weiß, wie man Zäune um ein Ziegengehege baut. Einer Gruppe Besucher am Ziegenstall erklärt sie gerade, dass die Ziegenbabys ganz alleine auf die Welt gekommen und alle Tiere jeden Tag zwanzig Minuten gestreichelt werden müssen. „Damit sie zahm bleiben.“ Anja, die in der Kaffeerösterei arbeitet, weiß, warum Kaffeebohnen knacken, wenn sie fertig geröstet sind: Weil dann die Seidenhäutchen im Inneren reißen. „Es geht uns ums Fühlen und darum, sich spüren zu können“, sagt Dieter Einhäuser, der Erfinder des Erlebnisparks. Es geht um Langsamkeit und innere Einkehr, Verständnis für den eigenen Körper – Fähigkeiten, die viele verloren haben.

Ein Bad in einer Wanne voller Kirschkerne.

Am Eingang des Geländes steht die „Rote Achse“. Hier kann man in Badewannen voller Kirschkerne baden, Pendeln zusehen, wie sie zufällige Muster in den Sand malen, Rosmarin, Lavendel und Anis riechen. Es gibt einen lichtlosen Gang, in dem die Gäste spüren sollen, wie es ist, nichts sehen zu können. Und im „Erfahrungsfeld der Sinne“ geht es auf nackten Füßen über Rinden, Metallplatten, Sand und Torf, durch Spiegelkabinette zwischen den Bäumen und über Plätze mitten im Wald.

Neun Lamas leben im „Eins und alles“, zwei Esel, zehn Ziegen, fünfzehn Meerschweinchen, viele Hühner, ein Chinchilla, außerdem Dieter Einhäuser und rund neunzig Menschen mit Behinderung in einem Wohnheim, den Berg hoch hinter dem Hühner- und Ziegenstall.  Früher war Dieter Einhäuser mal Berater bei Hess-Natur, der Firma für Biotextilien. Er ist ein ruhiger Mensch, Anthroposoph, gut gekleidet mit gebügelten Jeans, sauber rasiertem  Schädel, randloser Brille und einem ausgeprägten Hang für Verwirklichung aller Art. Er kam 2002 ins Niemandsland des Remstals. Früher stand dort eine Mühle, später eine Einrichtung für geistig behinderte Menschen, die nach und nach in Vergessenheit geriet. „Die Menschen kamen ja nicht raus“, sagt Dieter Einhäuser. „Und keiner kam rein.“ Zu abgeschieden in dieser Kurve, bis er beschloss, die Menschen nicht mehr aus dem Tal dorthin zu fahren, wo „Gesellschaft“ stattfindet, sondern sie einfach ins Tal zu locken. So erfand er ein Abenteuerland.

Der Gründer der Sinnes-Werkstatt Dieter Einhäuser.

Zwei Millionen lieh er sich von der Bank, um aus der Ansammlung grauer Häuser einen Erlebnispark zu machen. Alle waren skeptisch. Ein Haus voller Sinneseindrücke? Ein Walderlebnispfad mit Fühlstationen? Eine Kaffeerösterei, die Menschen mit Behinderung betreiben sollten? „Im schlimmsten Fall hätten wir einfach ein paar Stationen für die therapeutische Arbeit gehabt“, sagt Einhäuser. „Im besten zehntausend Besucher pro Jahr.“ Mittlerweile sind es jährlich sechs bis sieben Mal so viele.

Bei Dieter Einhäuser und seinem Team arbeiten Menschen, die sonst nur in betreuten Werkstätten einen Platz fänden. Es gibt eine Gartengruppe, eine Waldgruppe, eine Buchbinderei, die Küche, die Weberei, eine Gärtnerei und eine Filzerei. Wer in der Gartengruppe arbeitet, hilft, den Walderlebnispfad zu pflegen, Kuchen und Brote aus der Bäckerei werden im Café Molina verkauft. Seine Mitarbeiter nennt er „Botschafter der Lebensfreude“.

Die Gäste bei „Eins und alles“ nehmen sich Zeit. „Wenn es im Restaurant länger dauert, muss sich der Besucher anpassen, lernt Entschleunigung, Entspannung und Loslassen“, sagt Einhäuser.

"Suleika" an der Leine zu führen, will gelernt sein.

Lama an der Leine

Ab und zu sieht man einen Erwachsenen mit seinem Mobiltelefon am Ohr durch die Gegend streunen auf der Suche nach einer Funkverbindung. Vergeblich, Empfang gibt es keinen in „Eins und alles“ und Dieter Einhäuser ist froh darüber.

Das zottelige Lama Suleika hat sich mittlerweile von seinem Grasbüschel getrennt und stapft hinter Rosemarie her auf die Weide. „Na endlich“, seufzt das Kind. Nach ein paar hundert Metern sind die beiden am Ziel. Auch Papa Rainer hat es geschafft und lässt das rüpelhafte Tier von der Leine. Das spurtet erst einmal quer über die Wiese, schubbert sein Fell an einer Eiche, wirft sich ins Gras und wälzt sich von einer Seite auf die andere. Rosemarie und ihr Vater stehen staunend davor und sehen aus, als ob sie es gleich dem lustigen Lama nachmachen werden.


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