Eltern sein dagegen sehr

Um ihr Kind selbst aufzuziehen, brauchen Mütter und Väter mit geistiger Behinderung Unterstützung. Das Mütterhaus der Lebenshilfe in Frankfurt an der Oder bietet ihnen das Konzept der „Begleiteten Elternschaft“.

Im Mütterhaus der Lebenshilfe Frankfurt/Oder können Nicole und Tony mit ihrer Tochter zusammen wohnen und werden in ihrer neuen Rolle als Eltern unterstützt.

Text Carmen Molitor
Fotos Thilo Schmülgen

 

Was man in der ersten Nacht in einem neuen Zuhause träumt, wird wahr, heißt es. Nicole Heinrich kann sich an keinen Traum erinnern. Nur daran, dass sie raus musste, weil die Kleine geschrien hat. „Ich habe ihr die Flasche gegeben und sie wieder hingelegt“, erzählt die 26-Jährige. Für die junge Mutter der einjährigen Laura ist auch ohne Traum ein inniger Wunsch wahr geworden: Sie hat seit gestern eine eigene Wohnung und in ein paar Tagen wird auch Lauras Vater dort einziehen. Das Zwei-Raum-Appartement gehört zum von der Aktion Mensch geförderten Mütterhaus der Lebenshilfe Frankfurt an der Oder. Die sieben Wohnungen plus einer „Regiewohnung“ für Gemeinschaftsaktivitäten und als Arbeitsplatz der Betreuerinnen im frisch sanierten Zentrum des Trägers bieten den Bewohnerinnen und Bewohnern die Möglichkeit, sich in ihrer Elternschaft von Fachkräften eng begleiten zu lassen.

 

Hals über Kopf verliebt

Laura ist kein Wunschkind. „Nein, das ist einfach so passiert“, sagt Nicole. Sie hatte sich Hals über Kopf in den zwei Jahre jüngeren Tony Barnickel verliebt, der ebenfalls eine geistige Behinderung hat und wie sie bei den Gronenfelder Werkstätten gGmbH beschäftigt ist. Sie präpariert dort Gemüse für die Großküche, er arbeitet in der landwirtschaftlichen Abteilung. Als der lustige Tony sie während einer Disco ansprach, funkte es bei der stillen Nicole. Ein paar Monate später war sie schwanger. Lange verheimlichte sie es, bis sie es ihrer Chefin beichtete. Im Betrieb blieb man gelassen, aber für ihre Familien war die Schwangerschaft ein Schock. Tony lebte betreut in einer stationären Wohnstätte, Nicole bei ihren Eltern auf dem Lande. Wie sollte es weitergehen?

Regina Griebel leitet die Lebenshilfe Frankfurt an der Oder.

Dass Nicole die Chance hat, ihre Tochter selbstständig aufzuziehen, verdankt sie dem Programm „Begleitete Elternschaft“ der Lebenshilfe. „Früher erlebten wir, dass Müttern mit geistiger Behinderung das Kind meist unmittelbar nach der Geburt weggenommen wurde. Es kam zu Pflegeeltern oder wurde zur Adoption freigegeben“, berichtet Regina Griebel, Geschäftsführerin der Lebenshilfe Frankfurt an der Oder. „Eine sehr traurige Situation!“ Griebels Mitarbeiterin Ronni Haase war die treibende Kraft, als die Lebenshilfe 2010 die „Begleitete Elternschaft“ aus der Taufe hob, und ist die Leiterin des Projekts. Die Idee: Mütter und – bisher noch wenige – Väter mit Behinderung finden in der Schwangerschaft und in den ersten Jahren der Elternschaft ein Zuhause. Sie können rund um die Uhr auf die Unterstützung einer Fachkraft zurückgreifen, von der sie unter anderem lernen, wie man das Kind hält, füttert und wickelt.

Rund um die schwere Zeit der Geburt stand Nicole Heinrich eine Betreuerin zur Seite und half ihr, langsam eine Beziehung zum Säugling aufzubauen. Auch jetzt, während der zweijährigen Babypause vom Job, ist ständig eine Betreuerin für sie da. Nicole Ewerts beobachtet, gibt Tipps. Sie oder eine Kollegin ist immer in der Gemeinschaftswohnung im Haus ansprechbar. „Ich berate Nicole, damit sie eigene Lösungsmöglichkeiten findet“, erklärt Ewerts. Zu lernen gibt es viel: Welches Essen verträgt das Kind? Wie oft muss ich es baden? Worauf muss ich beim Einkaufen achten? „Sie wird hier so langsam selbstständig und nimmt Hilfe an, aber sie braucht eine Anleitung“, sagt Nicoles Mutter Bärbel Heinrich, die ihrer Tochter ebenfalls zur Seite steht. Wie lange Nicole, Tony und ihre Tochter im Mütterhaus wohnen werden, steht noch nicht fest. „Wir überprüfen in Zusammenarbeit mit Ärzten und dem Jugendamt jedes Halbjahr die Entwicklung der Eltern und der Kinder und legen die nächsten Ziele fest“, sagt Ronni Haase. Wenn alles gut verläuft, kann die Familie nach zwei, drei Jahren in eine eigene, ambulant betreute Wohnung umziehen


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