Ein gelungenes Rezept

Das Bonner Hotelrestaurant Haus Müllestumpe ist Freunden guter Küche auch überregional ein Begriff. Hinter den Kulissen arbeiten Menschen mit und ohne Behinderung zusammen.

Angela Baltzer arbeitet in der Küche von Haus Müllestumpe.

 

Text Denis Pfabe

Fotos Ayse Tasci-Steinbach

 

Angela Baltzer stellt Wassergläser auf die Tischplatte. Sie konzentriert sich, misst, ob alle im selben Abstand zur Tischkante stehen. Voll beladen mit dampfenden Tellern stoßen ihre Kollegen die Schwingtür zur Küche auf und bringen Speisen zum Tisch. Es ist 13:30 Uhr – Zeit fürs Personalmittagessen im integrativen ­Restaurant- und Hotelbetrieb Haus Müllestumpe.

 

„Ich bereue es jedes Mal, wenn ich ein Mittagessen verpasse“, sagt Erika Prokogschuk. „Die Stimmung am Tisch ist immer großartig.“ Prokogschuk leitet den 2009 eröffneten Betrieb, der professionelle Serviceleistung mit sozialem Engagement verbindet. Im Haus Müllestumpe arbeiten Menschen mit und ohne Behinderung gemeinsam im Gastronomie- und Hotelbereich. Eine inklusive Kunst- und Kreativwerkstatt, die auch für Veranstaltungen genutzt werden kann, gehört ebenfalls zum Betrieb. Der Großteil der Mitarbeiter mit Behinderung wohnt in einem der zwölf angeschlossenen Apartments für betreutes Wohnen direkt neben dem ­Restaurant.

 

Die Tafel ist jetzt vollzählig besetzt. Hier sitzt der Küchenchef neben Hotelmitarbeitern, die Büroangestellte neben der Küchenhilfe. Es wird viel gelacht. Im Haus ­Müllestumpe funktioniert Inklusion reibungslos: Mitarbeiter mit Behinderungen arbeiten je nach Fähigkeiten und Interessen mit individuellen Stundenmodellen in der Küche und im Hotelservice. Darüber hinaus erhalten sie Unterstützung rund ums Wohnen sowie professionelle Hilfe bei der Entwicklung von Zukunftsperspektiven. Dass dieses Prinzip funktioniert, zeigt Isabel ­Bungarz, die eine Lernschwäche hat und seit 2012 im Haus ­Müllestumpe arbeitet. Stolz erzählt sie, dass sie vor Kurzem in ihre erste eigene Wohnung gezogen ist. „Das ist schon ein großer Schritt für mich. Ich finde es prima!“ Die 21-Jährige kam, wie viele ihrer Kollegen, über ein Schulpraktikum ins Team. Jetzt arbeitet sie Vollzeit im Hotel. „Wäsche waschen, die Zimmer aufräumen und Betten herrichten — das ist zwar anstrengend, macht aber auch unheimlich viel Spaß!“

Isabel Bungarz (links) und Susanne Hörle vom Haus Müllestumpe haben Spaß beim Mittagessen.

 

Wie eine große Familie

Durch ihre Lernschwierigkeiten war es für viele der jungen Mitarbeiter schwer, eine Ausbildungsstelle zu bekommen. Fast alle blicken auf eine lange Reihe von Praktika zurück. Die Arbeit im Haus Müllestumpe ermöglicht ihnen einen dauerhaften Einstieg in den ersten Arbeitsmarkt. Aktuell arbeiten hier sieben Menschen mit Behinderung, elf ohne Behinderung und 13 Aushilfen. „Wir sind hier wie eine große Familie. Wir sehen uns jeden Tag, auch über die Arbeitszeit hinaus. Da kracht es auch ganz gerne mal, und da braucht man auch jemanden, der für Ordnung sorgt“, sagt Isabel und zwinkert Erika ­Prokogschuk zu, die hier klar die Rolle als Mutter der Kompanie übernimmt.

 

Bevor der Hotel- und Restaurantbetrieb an den Start gehen konnte, musste die bestehende Anlage aufwendig umgebaut werden. Drei Jahre dauerten die Arbeiten insgesamt. Die Aktion Mensch hat das Projekt mit über 800.000 Euro unterstützt und den Neubau der Wohnanlage ­ermöglicht. Der Verein „Haus am Müllestumpe e. V. – miteinander leben und gestalten“ hat drei grundlegende Ziele: das Zusammenleben von Menschen mit und ohne Behinderung zu fördern, Menschen mit Beeinträchtigungen zu unterstützen, selbstbestimmt und selbstständig zu leben und aktiv an einer inklusiven und bunten Gesellschaft mitzuarbeiten. Gegründet wurde der Verein 1998 von engagierten Eltern geistig behinderter Kinder und Interessierten. Als Bürgerinitiative nimmt sie aktiv teil am inklusiven Umbau der Gesellschaft. Das Haus am Müllestumpe ist Mitglied in der Diakonie Rheinland-Westfalen-Lippe, der Bundesarbeitsgemeinschaft der Integrationsfirmen sowie im Verbund der Embrace-Hotels.


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