Eine inklusive WG

Eine WG zu gründen, in der Menschen mit und ohne Behinderung zusammen leben, ist ein Kraftakt. Auch wenn die Finanzierung gesichert und die Räume endlich bezogen sind, läuft nicht automatisch alles rund. Unser Beispiel aus Saarbrücken zeigt aber, dass es sich trotzdem lohnt, eine inklusive Wohngemeinschaft zu starten.
 

Thilo Schmülgen

In der Küche der Saarbrückener WG.

Text: Eva Keller

Philipp ist morgens immer der Erste. Er hat den Kaffee schon gekocht, als um 6 Uhr Bijan in der Küche auftaucht, weil er heute Frühstücksdienst hat. Auch die Assistenten sind gerade ins Haus gekommen: Sie helfen den Bewohnern mit körperlicher Behinderung, sich für den Tag fertig zu machen.

Wenn Philipp sich dann auf den Weg zu seinem Job in der Gärtnerei gemacht hat, und auch die anderen WG-ler mit Behinderung bei der Arbeit im Zoo, im Kindergarten und in der Werkstatt sind, gehen die Assistenten wieder. Und Bijan, der die erste Schicht des Tages hinter sich hat, setzt sich für die nächsten paar Stunden an seine Bachelor-Arbeit.

Bijan Marfels ist einer der Studierenden, die in einer Wohngemeinschaft zusammen mit fünf jungen Leuten mit Behinderung leben. Mitten im lebendigen Saarbrücker Stadtteil Nauwies erstreckt sich die WG über drei Etagen eines alten Hauses. Schon Ilse Blug hat zu ihren Studienzeiten in dieser Gegend gelebt. Sie ist die Mutter von WG-Bewohner Juri, zudem eine der WG-Gründerinnen und mittlerweile Geschäftsführerin des Vereins „Miteinander leben lernen“ (MLL), der die Pflege und pädagogische Unterstützung in der WG organisiert.

Eva Keller

In der WG-Küche: Philipp (Mitte) ist durch das Leben mit Thomas (links), Bijan (rechts) und den anderen Mitbewohnern viel selbständiger geworden.

Alternative zum Heim

Ilse Blug wünscht sich für ihren Sohn immer so viel Normalität und Gemeinschaft wie möglich. Also schloss sie sich im Jahre 2005 mit einigen anderen Eltern zusammen, die für ihre Söhne und Töchter ebenfalls nach alternativen Wohnformen jenseits von Heimen suchten. Die Eltern überlegten, rechneten, hielten nach passenden Gebäuden Ausschau und machten schließlich den Verantwortlichen im Sozialministerium klar: „Wir brauchen für unsere Kinder die Pflege und Unterstützung, die eine stationäre Einrichtung bietet. Aber wir möchten diese Leistungen als ambulante Unterstützung für eine gemischte WG in Anspruch nehmen.“

Der Saarländische Rundfunk berichtete mehrmals über das einzigartige Vorhaben – das half, sowohl Sachbearbeiter als auch die Öffentlichkeit zu überzeugen. Zum Glück gehörte die als WG-Haus gewünschte Immobilie einer städtischen Wohnungsbaugesellschaft, die ohnehin eine umfassende Sanierung in Angriff nehmen wollte. MLL bekam den Zuschlag, und die Extra-Kosten für den Einbau eines Aufzugs und einer barrierefreien Küche wurden durch Fördergelder der Aktion Mensch gedeckt.

So reibungslos die WG-Gründung im knappen Rückblick klingt – es gab Tage, an denen die Eltern verzweifelt und wütend waren, weil nichts voran ging. Aber im Herbst 2008 war endlich der letzte Handwerker abgezogen und die Kinder – mittlerweile junge Erwachsene – konnten einziehen.

Von der ursprünglichen Besetzung sind heute nur noch Juri, Florian und Philipp dabei. Eine Mitbewohnerin mit Behinderung stieg schnell wieder aus, weil den Eltern letztlich doch der Mut fehlte.

Thilo Schmülgen

Gemeinsam kochen, gemeinsam essen: In der inklusiven WG in Saarbrücken gehört Geselligkeit zum Alltag.

Die WG entscheidet gemeinsam

„Wir mussten alle erst üben: Eltern, Bewohnerinnen und Bewohner, Pflegekräfte, Pädagoginnen und Pädagogen. Es gab wenig Struktur, kaum Regeln“, erinnert sich Ilse Blug. Die ersten Studierenden sind nach ihrem Examen längst weiter gezogen, aber viele schicken noch Urlaubsgrüße an ihre alte WG: Die Küchentür ist mit Postkarten gepflastert.

Wer einziehen darf, entscheidet die WG gemeinsam, jede Stimme zählt. Interessenten, die über ein Internet-Portal auf die inklusive WG aufmerksam werden, sind zahlreich – schon weil sie hier mietfrei wohnen können. Aber nur wenige Studierende sind bereit, sich im Gegenzug auf die Spielregeln einzulassen. So gilt in der WG ein Wochenplan: Wer Dienst hat, muss sich morgens um das Frühstück kümmern und ab 16 Uhr bis in den Abend hinein präsent sein – falls die Mitbewohner mit Behinderung etwas unternehmen oder einfach nur plaudern möchten. Außerdem gehört zum Dienst, das Abendessen zu kochen und hinterher die Küche aufzuräumen. „Dafür bekomme ich an sechs anderen Tagen gekocht“, sagt Bijan, der die „Dienste“ eher als gemeinsame Zeit erlebt. Weil innerhalb der WG Freundschaften gewachsen sind, geht selbst am Wochenende oft die komplette WG in den Biergarten oder macht einen Ausflug, Dienst hin oder her.

Die Bewohner mit Unterstützungsbedarf sind von den Pflichten nicht befreit. Also hilft Philipp heute beim Kochen, weil er halt muss. Er bringt auch den Müll runter, putzt sein Zimmer, wäscht seine schmutzigen Klamotten. Bei den Eltern war da manches bequemer, klar. Aber der Weg zur Arbeit ist von hier aus kürzer. Und Philipp findet es gut, dass er hier Leute hat, mit denen er „chillen“ kann.

Während die Bewohner ohne Behinderung ihre Mitbewohner im WG-Alltag und in der Freizeit begleiten, werden Pflege und pädagogische Unterstützung, beispielsweise beim Essen oder in der Körperpflege, von sechs Pflegern und Pädagogen geleistet. „Das Team“ heißen sie in der WG nur, weil sie einfach mehr sind als „Fachkräfte“: Fast alle sind jünger als 40, und jeweils zwei von ihnen sind immer da: am Morgen sowie am Nachmittag bis in den Abend hinein.

Thilo Schmülgen

Nach dem Essen: gemeinsam aufräumen.

Konflikte

Manchmal verschwimmen freilich die Aufgaben: Wenn „das Team“ sich um 22 Uhr in den Feierabend verabschiedet, Max und Florian aber ein Konzert bis zum Ende hören wollen, hilft eben der Student dem Rolli-Fahrer auf die Toilette und später ins Bett. Und Sina aus „dem Team“, der Juri im Blick behalten muss, hat gleichzeitig Zeit, um Yvonne beim Download von Musik aus dem Internet zu helfen.

So geschmeidig läuft der WG-Alltag freilich nicht immer. In den Anfangsjahren / 2014 verließen einige Bewohner ohne Behinderung wegen Konflikten relativ kurz hintereinander die WG.  Das warf grundsätzliche Fragen auf: Ist die WG nur Zweckgemeinschaft oder Lebensmittelpunkt? Bin ich in der WG zuhause – oder im Dienst? Bin ich Betreuer oder Kumpel? Wie viel Abgrenzung ist erlaubt?

Am Ende zogen vier Studierende aus. Als neue Mitbewohner gefunden waren, ging die WG samt Eltern, Team und MLL in Klausur, um die Grundlage für ein gutes Zusammenleben zu schaffen. In Rollenspielen und Gesprächen tauschten sie sich über Erwartungen und Wünsche aus. Bijan sieht das Leben in einer inklusiven WG eher unaufgeregt: „Wichtig ist, die Dienste einzuhalten und sich seiner Verantwortung bewusst zu sein“. Und sonst? „Verhalte ich mich so, wie ich bin. Ich muss nicht immer cool und nett zu jemandem sein, nur weil sie oder er eine Behinderung hat."


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