"Schrei mich an!"

Im Rahmen des Projekts Inklu:City – Lebe Deine Stadt fanden sich unterschiedlichste Menschen zusammen, um gemeinsam ein Theaterstück auf die Beine zu stellen. Hat’s geklappt? Ein Probenbericht.
 

Meyer Originals, Aktion Mensch

Darsteller der Stücks "Schrei mich an!" bei einem Probentermin in Köln

Text Ute Stephanie Mansion

Jonas Relitzki schaut bewundernd zu, als Sherwin über drei Stühle springt und im Landen einen Purzelbaum schlägt. Er klatscht Beifall. „Vielleicht bin ich deshalb so an Sport interessiert, weil ich es nicht kann.“ Das sagt er als Bühnenfigur Jonas während einer Probe für das Theaterstück „Schrei mich an!“. Auch dem privaten Jonas Relitzki fällt Sport nicht leicht. Manche Bewegungen sind für den 30-Jährigen wegen seiner Zerebralparese schwierig.

Eine biografische Notiz, die Eingang findet in das Stück – so wie biografische Erlebnisse der übrigen 19 Laiendarsteller, die in ihrer Verschiedenheit die Vielfalt der Gesellschaft widerspiegeln. Da sind Menschen mit und ohne Behinderung, alte, junge, hetero- und homosexuelle Menschen, solche mit und ohne Migrationsgeschichte. Sie alle sind einem Aufruf des Kölner Kulturvereins „intakt“ gefolgt, der das Theaterprojekt initiiert hat. Seit Oktober 2014 haben die Spieler ihr Stück gemeinsam entwickelt: Es besteht aus 18 Szenen, die Begegnungen zwischen unterschiedlichen Menschen thematisieren.

Meyer Originals, Aktion Mensch

Szene aus der Premiere des Stücks Ende Mai

Die Gruppe musste sich zusammenraufen

Mal zum Nachdenken anregend, mal humorvoll, mal poetisch, spiegeln die „Bilder“, wie Regisseurin Marita Ragonese die Szenen nennt, das Leben in einer pluralen Gesellschaft. „Biografisches wird dabei nicht eins zu eins auf der Bühne umgesetzt“, betont sie. Dennoch scheint die Lebenswirklichkeit der Akteure immer wieder durch, etwa, wenn Natascha Fröhlich, die iranische Vorfahren hat, sagt: „Viele fragen mich, wo ich herkomme. Aber ich komme nicht – ich bin da.“

Der Theaterpädagoge Bassam Ghazi hat die Truppe auf die Aufführungen vorbereitet, beispielsweise Stimm- und Atemübungen mit den Laiendarstellern gemacht. Ihm war aber auch bewusst: Wo viele verschiedene Menschen aufeinandertreffen, kann es zu Konflikten kommen. So eine Gruppe muss sich erst zusammenraufen. Damit das gut klappt, hat Ghazi mit den Teilnehmern viele Übungen zu Achtsamkeit und Sensibilität gemacht. „Man zeigt viel von sich“, sagt ­Natascha Fröhlich. Bei der 46-Jährigen ist es zum Beispiel ein Gefühl des Fremdseins in Deutschland, obwohl sie im Alter von einem Jahr hierherkam. Bei Jonas Relitzki, der zurzeit trotz seiner kaufmännischen Ausbildung arbeitslos ist und noch bei seinen Eltern lebt, vielleicht die Frustration, kein selbstbestimmtes Leben führen zu können. „Es wurde bei den Proben teilweise sehr emotional – dadurch ist die Gruppe zusammengewachsen“, erinnert sich Natascha Fröhlich.

Wenn sie und Jonas Relitzki ihre Auftritte proben, ist ihnen ihr Lampenfieber nicht anzumerken – auch wenn er einmal den nächsten Satz vergessen und sie versehentlich eine Textstelle übersprungen hat. „Es fällt mir schwer, vor Menschenmengen zu sprechen“, gesteht sie. „Darum ist das Stück eine Herausforderung für mich. Ich habe mich darauf eingelassen, weil ich mich für die Lebenswelten anderer Menschen interessiere und zum Beispiel wenig Kontakt zu Menschen mit Behinderung habe.“ Manche Kontakte, die durch das Projekt entstanden sind, werden auch darüber hinaus bestehen bleiben, glauben ­Natascha Fröhlich und Jonas Relitzki.

Die Produktion „Schrei mich an!“ ist Teil eines Langzeitprojekts namens „Inklu:City – Lebe Deine Stadt“, das der Kulturverein „intakt“ noch bis Mitte 2016 durchführt. Nach der Premiere des Stücks im Mai in Köln gab es bereits Gastspiele in Essen, Dortmund und Düsseldorf. Im Rahmen von „Inklu:City“ sollen nun auch in diesen Städten inklusive Kulturprojekte starten, an die die Initiatoren von „Schrei mich an!“ ihre Erfahrungen in Workshops und Gesprächen weitergeben werden.

Wissenschaftlich begleitet wird „Inklu:City“ vom Institut für Bildung und Kultur in Remscheid. Dessen Mitarbeiter beobachten, wie divers zusammengesetzte Kulturprojekte arbeiten und welche Chancen und Hindernisse es in deren Arbeit gibt.


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