Auszeichnung für Outsider

Mit dem europäischen Kunstpreis euward werden herausragende Künstler ausgezeichnet, die eine geistige Behinderung haben.

Giulia Zini malt und zeichnet auf riesigen Formaten. Oft arbeitet die Künstlerin liegend auf dem Papier.

Dimitri Pietquin zeichnet Felsen, Flugzeuge und Boote auf einem Hintergrund von Wortschöpfungen.

Text Dagmar Puh

DIN A4? Das ist nichts für Giulia Zini. Ihre Zeichnungen und Gemälde entstehen auf Papieren im Format XXL: zarte Bleistiftgebilde, kombiniert mit amorphen Formen in starken Farben wie Rot und Gelb. Die Titel ihrer Bilder sind kleine Gedichte und wesentlicher Bestandteil jedes Kunstwerks. Für ihre Arbeiten wurde die 18-jährige Italienerin mit dem euward 2014 ausgezeichnet – und ist damit die jüngste Künstlerin, die je den Europäischen Kunstpreis für Malerei und Grafik im Kontext geistiger Behinderung erhielt.

Der euward wird seit dem Jahr 2000 von der Augustinum Stiftung in München verliehen. Eine Jury von Kunstexperten wählt aus den Einsendungen, die aus ganz Europa kommen, die besten Arbeiten aus. Sie sind dann anschließend in einer Ausstellung im Buchheim Museum in Bernried zu sehen. Im Rahmen der Vernissage werden dort auch die drei Preisträger ausgezeichnet. 2014 waren das neben Giulia Zini der Belgier Dimitri Pietquin und Patrick Siegl aus München.

 

Outsider-Art ist kein Therapiemodell

„Mit dem Preis wollen wir herausragende Künstlerinnen und Künstler fördern und ihnen ein professionelles Forum für ihre Arbeiten bieten“, sagt Klaus Mecherlein vom Heilpädagogischen Centrum Augustinum, der den Kunstpreis kuratiert. „Außerdem geht es darum, ihr außergewöhnliches Schaffen stärker in den Blickpunkt der Öffentlichkeit zu rücken.“ Ein wichtiges Anliegen. Denn obwohl sich die Kunst von Menschen mit geistiger Behinderung längst zu einer eigenständigen Strömung entwickelt hat, wird sie in der breiten öffentlichen Wahrnehmung noch oft ausgeblendet oder als eine Art Therapieansatz missverstanden.

Ganz anders in Expertenkreisen. Hier ist die Bedeutung der Outsider-Art, wie Fachleute die Kunstrichtung nennen, weitgehend anerkannt. „Sie beeinflusst den großen Strom der Kunst, wie wir sie aus dem Galerie- und Ausstellungsleben kennen“, sagt etwa Arnulf Rainer. Der weltbekannte österreichische Maler ist einer der Juroren des euward. Außer ihm gehören Eva di Stefano aus Italien und der Brite Roger Cardinal – beide emeritierte Kunstprofessoren – sowie Daniel Schreiber, Direktor des Buchheim Museums, der Jury an. Die Zusammensetzung des Gremiums unterstreicht den internationalen Anspruch des Preises – und zeigt, dass die Einreichungen allein nach ihrer künstlerischen Originalität und Qualität beurteilt werden.

Patrick Siegl beschäftigt sich in seinen Werken mit Motiven aus der asiatischen Kultur.

Was Outsider-Art ausmacht, ist nicht etwa ein einheitlicher Stil. Allein die Werke der euward-Preisträger 2014 unterscheiden sich sehr deutlich in der Technik, den Materialien und Motiven. „Das verbindende Element sind einmal die Künstler selbst: akademisch meist ungeschulte, semi­professionell tätige Künstler mit geistigen oder psychischen Behinderungen“, erklärt Klaus Mecherlein. „Die Werke zeichnen sich durch eine unkonventionelle, oft besonders ursprüngliche Bildsprache aus, die eine hohe Eindringlichkeit und Überzeugungskraft haben.“ Typisch sei auch, dass sich in den Bildern reiches inneres Erleben stärker spiegele als äußere Eindrücke und dass viele Künstler sich auf Varianten weniger Motive konzentrierten.

Früher waren die Outsider auch im gesellschaftlichen Sinne Außenseiter, die isoliert lebten und arbeiteten. Heute sind viele von ihnen in betreuten Ateliergemeinschaften und Kunstwerkstätten tätig, die ihnen einen idealen Rahmen für ihr Schaffen bieten. Auch Giulia Zini, Patrick Siegl und Dimitri Pietquin arbeiten in entsprechenden Einrichtungen. Unter anderem ermöglichen die Kreativzentren, die es in vielen Ländern Europas gibt, den Austausch mit anderen Künstlern – Outsidern wie Insidern. Dabei zeigt sich, dass es – bei aller Eigenständigkeit und Kraft der Outsider-Art – mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede zwischen Künstlern mit und ohne Behinderung gibt. „Jeder Künstler ist ein schöpferischer Mensch“, sagt Arnulf Rainer.


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