Experten am Start

Das Kieler Projekt Inklusive Bildung bildet Menschen mit Behinderung zu Lehrkräften aus. Sie sollen angehenden Pädagogen vermitteln, wie Inklusion funktionieren kann.

Wenn die Teilnehmer des Projekts eine Vorlesung halten, ist das Interesse, wie hier an der Uni Flensburg, immer sehr groß.

Text: Michaela Ludwig 
Fotos: Stefan Volk

Klar ist Laura Schwörer aufgeregt, wenn sie in einer Vorlesung vor 80 Lehramtsstudierenden von Universität oder Fachhochschule spricht. Oder Workshops mit angehenden Verwaltungsfachkräften, Referendaren oder Lehrern anleitet. Bis zu zwei solcher Veranstaltungen stehen mittlerweile auf dem Wochenplan der angehenden Bildungsfachkraft.

„Vor fremden Menschen zu reden, hätte ich mir früher niemals zugetraut“, erzählt die 26-Jährige, die das Aspergersyndrom hat. Das ist ihr heute nicht mehr anzumerken. „Ich stelle mir die Zuhörer als Fabelwesen vor. So werden sie mir vertraut, und die Angst verfliegt.“ Die Hälfte ihrer dreijährigen Qualifizierung zur Bildungsfachkraft hat Laura Schwörer bereits hinter sich. Die in sich gekehrte junge Frau nimmt gemeinsam mit fünf weiteren Menschen mit ganz unterschiedlichen geistigen und körperlichen Behinderungen an dem Modellprojekt „Inklusive Bildung“ der Stiftung Drachensee in Kiel teil.

Marco Reschat, Samuel Wunsch, Horst-Alexander Finke, Isabell Veronese, Lisa Groll und Laura Schwörer (von links) bringen viel eigene Lebenserfahrung in ihren Unterricht ein.

Nicht über uns ohne uns

An fünf Wochentagen erlernen sie Grundlagen des Arbeits- und Behindertenrechts, die Vermittlung von Wissen und freies Sprechen. Ihr Thema sind sie selbst: In ihren Lehrveranstaltungen und Workshops eröffnen sie den Zuhörern ihre Lebenswelt. Sie erzählen von Schule und Arbeit, vom Wohnen und ihren Hobbys. Und sie beantworten viele Fragen: „Wie haben Sie Ihre Schulzeit erlebt?“, „In welchen Situationen kann ich Hilfe leisten, wann ist sie nicht erwünscht?“, „Wie konnten Sie von dem Lohn leben, den Sie in der Werkstatt bekommen haben?“ Das sind einige der häufigsten Fragen, die die zukünftigen Bildungsfachkräfte in ihren Veranstaltungen hören. „Wir sind Experten in eigener Sache“, sagt Laura Schwörer. „Unser Motto ist: Nicht über uns ohne uns.“ Das Interesse an Veranstaltungen mit den angehenden Bildungsfachkräften ist enorm: Denn die Inklusion ist an Schleswig-Holsteins Schulen weit fortgeschritten. Doch viele Lehrer sind unsicher, wie sie diese im Klassenzimmer leben sollen.

„Den meisten fehlt es schlichtweg an Erfahrungen mit Menschen mit Behinderung“, berichtet Claudia Pazen, die das Projekt „Inklusive Bildung“ bei der Stiftung Drachensee organisiert. „Unser Projekt schafft diese Begegnungen.“ Anfragen kommen auch von Aus- und Weiterbildungsträgern für Erzieher, Lehrer und Verwaltungspersonal. Für die Qualifizierung haben Laura Schwörer und ihre Kollegen die Werkstattwelt verlassen. „Wir sind selbstständiger geworden“, erzählt Marco Reschat, der zuvor in der Auftragsfertigung der Werkstatt am Drachensee gearbeitet hat. So reisen die zukünftigen Bildungsfachkräfte mit Bus und Bahn zu ihren Lehrveranstaltungen. Während der Qualifizierung können die Teilnehmer jederzeit in die Werkstätten zurückkehren. Marco Reschat schüttelt den Kopf. „Das kann ich mir nicht mehr vorstellen“, sagt der 31-Jährige selbstbewusst. Die Hände ruhen auf den Rollstuhlrädern mit dem Schriftzug seines Lieblingsclubs THW Kiel. „Wir wollen als Bildungsfachkräfte arbeiten und davon leben können.“

Sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze für die sechs Teilnehmer und eine pädagogische Assistenz zu schaffen, das ist sicherlich das ehrgeizigste Ziel des Projekts. Dazu werden bereits intensive Gespräche mit den Verantwortlichen aus Behindertenverbänden, Hochschulen, Politik und Arbeitsagentur geführt, die als Netzwerk hinter dem Projekt stehen und es von Beginn an begleiten. „Wir müssen eine Struktur finden, um die Arbeitsplätze dauerhaft zu sichern“, sagt Claudia Pazen. Wenn dies gelingt, soll das Modell Nachahmer finden – im gesamten Bundesgebiet. Laura Schwörer ist optimistisch. „Wir  haben jetzt schon geschafft, was viele für unmöglich hielten“, so die junge Frau. „Wir wollen zeigen, dass es keine Utopie ist!“

Die Aktion Mensch fördert das Projekt mit 209.495 Euro.


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