Traumjob im Café

Ein Kölner Café bietet Menschen mit geistiger Behinderung einen Platz auf dem ersten Arbeitsmarkt. Das Experiment gelingt.
 

Zweites Wohnzimmer: Netter Service, gutes Essen, gemütlicher und barrierefreier Gastraum – das schätzen die Gäste am „Wo ist Tom?“.

Text: Marie-Charlotte Maas
Bilder: Evi Blink

Heute ist wirklich der Teufel los“, sagt Igor Buljovcic, atmet einen Moment durch und sieht seinen Mitarbeitern dabei zu, wie sie an die Tische ausschwärmen, um die Bestellungen der gerade eingetroffenen Gäste aufzunehmen. Igor Buljovcic ist Leiter von „Wo ist Tom?“, einem Café im Herzen des Kölner Stadtteils Sülz. Es ist Mittagszeit und die hektische Betriebsamkeit erreicht für diesen Tag ihren Höhepunkt. Angestellte aus den umliegenden Geschäften und Büros essen eine Suppe, Männer in Arbeitskleidung stärken sich mit einem Kaffee und Mütter mit Babys gönnen sich einen Moment Ruhe.
Ein ganz normaler Wochentag also, in einem ganz normalen Café – so scheint es. Doch das „Wo ist Tom?“ ist etwas Besonderes. Hier werden nicht nur Kuchen, Suppe und Salat serviert, sondern auch so manche Lebensgeschichte neu geschrieben. Das „Wo ist Tom?“ ist ein Integrationsbetrieb, der im Juni 2013 von der Lebenshilfe eröffnet und nach deren Gründer Tom Mutters benannt wurde. Das Ziel: Menschen mit Einschränkungen – Lernbehinderungen, Langzeitdepressionen oder psychischen Erkrankungen – eine Stelle auf dem ersten Arbeitsmarkt zu ermöglichen und sie nach dem Tarif des Hotel- und Gaststättenverbands zu bezahlen.

Traumjob gefunden: Achim Schuster wechselte vor zwei Jahren aus der Werkstatt ins Café. Mit Kollegen, Gästen und den vielfältigen Aufgaben kommt er gut zurecht.

Von der Werkstatt ins Café

Menschen wie Achim Schuster. Mit Schwung öffnet der 23-Jährige zu Beginn seiner Nachmittagsschicht die Tür des Cafés, begrüßt seine Kolleginnen mit einer Umarmung und macht sich dann sofort hinter der Theke an die Arbeit, schäumt gekonnt Milch für zwei Cappuccino auf, die er einem Pärchen, das an einem der Fenstertische Platz genommen hat, serviert.
Seit zwei Jahren ist Achim Teil des Teams. In Festanstellung, wie er betont. Für ihn ist die Arbeit im Café ein großes Glück. „Er ist anstrengender als mein alter Job, aber auch viel schöner.“ Sein alter Job, das war die Mitarbeit in einer Werkstatt für Behinderte. Wegen einer leichten Lernbehinderung kam Achim bereits als Sechsjähriger auf eine Förderschule. Sein Weg schien vorgezeichnet.
Doch Achim wollte sich damit nicht zufriedengeben. Er fühlte sich nicht ausgelastet, zu wenig gefordert und bewarb sich um einen Job auf dem ersten Arbeitsmarkt. Für die Stelle im „Wo ist Tom?“ musste er sich wie alle anderen Interessenten zunächst in einem Praktikum beweisen – erfolgreich. Mit seiner herzlichen Art und seinem Ehrgeiz konnte er sich gegen fünf Mitbewerber durchsetzen. Neben Achim arbeiten noch vier weitere Festangestellte mit Behinderung im 20-köpfigen Team des Cafés. „Bei der Einstellung achte ich darauf, dass sie weitgehend selbstständig arbeiten können und gut mit den Kollegen harmonieren, um die Abläufe im Café nicht zu gefährden“, sagt Igor Buljovcic.

Innenansicht: So sieht es im Café "Wo ist Tom" aus.

Mit vermeintlichen Defiziten gehen die Mitarbeiter kreativ um. Weil einige Kellner nicht lesen und schreiben können, arbeiten die Mitarbeiter mit einem besonderen Bestellsystem und lassen die Gäste auf einem Zettel ankreuzen, was sie essen und trinken wollen. Viele Gäste merken offenbar gar nicht, dass sie in einem inklusiven Betrieb sind. „Sie kommen wegen des Essens und weil ihnen die Atmosphäre gefällt“, sagt Buljovcic.
Die Arbeit sei nicht immer einfach, so der Chef. Die Tätigkeit in der Gastronomie sei ja ohnehin sehr anstrengend. Als Chef müsse er viel Zeit in die Einarbeitung von neuen Mitarbeitern mit Einschränkung investieren. „Aber es lohnt sich. Ich merke, wie Achim und die anderen mit ihrer Aufgabe wachsen und mehr Selbstbewusstsein bekommen. Am Ende habe ich das, was ich brauche: ein tolles Team, auf das ich mich verlassen kann."


Weitere Artikel

Familiencafé Kinderleicht

In Gütersloh bietet das von der Aktion Mensch geförderte Café „Kinderleicht“ Eltern und Großeltern eine offene Anlaufstelle in schwierigen Lebenslagen.

Ein Besuch im Café
Wie übersetzt man das in Leichter Sprache?

Das NachrichtenWerk in Fulda überträgt Texte in Leichte Sprache. Wir haben der Gruppe bei ihrer Arbeit über die Schulter geschaut.

Alles klar?
Experten am Start

Das Kieler Projekt Inklusive Bildung bildet Menschen mit Behinderung zu Lehrkräften aus. Sie vermitteln, wie Inklusion funktionieren kann.

Inklusive Bildung

Was du tun kannst

Gutes tun und gewinnen

Mit einem Los der Aktion Mensch

Jetzt Los kaufen

So kannst du beitragen

Freiwillig engagieren oder Projekt starten

Über Inklusion informieren

Die gleichberechtigte Teilhabe aller Menschen