"Wir wollen sie stabilisieren und stärken"

Warum für geflüchtete Jugendliche mit der Ankunft in Deutschland der Schrecken nicht vorüber ist, erläutert Verena Wetzel im Interview.
 

Verna Wetzel arbeitet als Therapeutin beim Verein Refugio.

Im Projekt Trauma 2.0 geht es um Kinder, die psychisch sehr belastet sind durch die Traumatisierung ihrer Eltern. Mit welchen Symptomen kommen die Kinder und Jugendlichen zu Ihnen?

Verena Wetzel: Es ist eine große Bandbreite: Die Kinder und Jugendlichen leiden unter Alpträumen und Schlafstörungen, unter aggressivem Verhalten bis hin zu sozialem Rückzug. Viele sind sehr besorgt um ihre Eltern. Sehr häufig tragen sie zusätzlich deren Belastung mit und übernehmen deren Symptomatik. Diese Symptome verstehen wir auch als Anzeichen für die Bewältigungsversuche.

Wie arbeiten Sie mit den Kindern und Jugendlichen?

Verena Wetzel: Wir versuchen die ganze Familie durch spezielle Angebote zu stabilisieren und zu stärken. Die Kinder unterstützen wir durch Einzelmaßnahmen mit Ansätzen aus der Kunst-, Spiel-, oder Musiktherapie. Damit wollen wir sie entlasten und ihre Ressourcen stärken. Außerdem laden wir sie in unsere Sportgruppen - Tanzen für Mädchen und Fußball für Jungen - ein.

Was würde geschehen, wenn die Kinder und Jugendlichen keine Unterstützung erhielten?

Verena Wetzel: Bei unverarbeiteten und unbehandelten Symptomen besteht die Gefahr, dass diese sich verfestigen und so die jungen Geflüchteten langfristig beeinträchtigen. Auch diese so genannte sekundäre Traumatisierung hemmt die Persönlichkeitsentwicklung und es besteht das Risiko, ernsthaft zu erkranken. Eine Integration in dieses neue Leben wird damit extrem erschwert.

Auch die Lebensumstände in Deutschland beschreiben Sie als belastend …

Verena Wetzel: Ja, mit der Ankunft in Deutschland ist die Bedrohung für viele nicht vorbei, denn noch ist nicht geklärt, ob sie dauerhaft hierbleiben oder zurückkehren müssen. Diese Unsicherheit während des Asylverfahrens wird als enorm belastend wahrgenommen. Zudem sind die Kinder und Jugendlichen zunächst sprachlich eingeschränkt und müssen sich in einer völlig neuen Umgebung eingewöhnen. Sie leben in überfüllten Unterkünften, wo sie keine geschützte oder kindgerechte Umgebung vorfinden. Die Anmeldungen in Kindergärten und Schulen laufen zurzeit sehr schleppend. Das wird besonders von den älteren Kindern als kränkend empfunden.

Refugio betreut auch so genannte unbegleitete minderjährige Jugendliche, die allein nach Deutschland geflüchtet sind. Mit welchen Themen kommen die zu Ihnen?

Verena Wetzel: Gerade die unbegleiteten Minderjährigen sind auf dem Fluchtweg großen Gefahren ausgesetzt und haben in dieser Phase zusätzliche seelische und größtenteils auch körperliche Verletzungen erlitten. Viele Mädchen haben sexuelle Gewalt erlebt, im Herkunftsland und auf der Flucht. Auch Jungen sind davor nicht geschützt, sie sprechen aber aus Scham noch weniger über solche schmerzhaften Erlebnisse. Die Jugendlichen leiden unter der Trennung von Eltern und Geschwistern. Häufig sind sie von Schuldgefühlen geplagt, weil sie hier in Frieden leben und zur Schule gehen dürfen. Manche haben die Angehörigen auf der Flucht verloren. Es quält die Jugendlichen, dass sie nicht wissen, wo sie sind, was passiert ist.

Wie ist die Lebenssituation der unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge in Deutschland?

Verena Wetzel: Die Jugendlichen werden vom Jugendamt betreut und wohnen in speziellen Jugendeinrichtungen, nicht in normalen Flüchtlingsunterkünften. Auch sie leben in der Ungewissheit, ob sie bleiben dürfen, ob sie sich in Deutschland eine Perspektive aufbauen können. Dabei erleben wir viele Jugendliche als hoch motiviert. Sehr einschneidend für sie ist der 18. Geburtstag. Dann stellt sich die Frage, ob sie weiter Unterstützung im Rahmen der Jugendhilfe erhalten oder die Wohngruppe verlassen müssen. Viele haben Angst davor, alleine dazustehen. Für manche ist es auch richtig, sich nach und nach wieder selbständiger zu fühlen. Abgesehen davon sind auch diese Jugendlichen vor allem junge Menschen, die Spaß haben an Musik und Kino, denen ihre Freunde und ihre Freizeit wichtig sind.

 

Interview Michaela Ludwig


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