Insel im Alltag der Flüchtlingskinder

Viele Flüchtlingskinder leiden unter einer psychischen Störung oder sind durch die traumatischen Erfahrungen ihrer Eltern belastet. Das Bremer Behandlungszentrum Refugio stärkt sie.
 

Andere Gedanken: Fußball hilft den Kindern, die Flucht und die Angst kurzzeitig zu vergessen.

Test Michaela Ludwig
Fotos Sarah Bernhard
 

Ein Pfiff hallt über das hell erleuchtete Trainingsgelände. „Jetzt passt euch den Ball zu“, ruft Riadh Dhaouadi. Hoch konzentriert rennen Ahmad und sein Freund Mohamed über den Platz und spielen den Fußball hin und wieder zurück. „Schneller“, brüllt der Trainer und schiebt auf Arabisch „bsera“ hinterher. Als das Zeichen zum Auslaufen kommt, wischen sich die 13-Jährigen den Schweiß von der Stirn. Ahmad war schon daheim in Syrien ein großer Fußballfan. Er spielte mit Freunden auf der Straße, und vor dem Fernseher verfolgte er die Spiele des FC Barcelona und von Bayern München. Seit sieben Monaten lebt der Junge mit dem ernsten Gesicht und dem aufmerksamen Blick in Bremen. Fußballtraining und die Freundschaftsspiele sind wie Inseln in seinem neuen Alltag.

„Beim Fußball können die Jungen alles loslassen“, sagt Riadh Dhaouadi. „Sie haben einfach nur Spaß.“ Seit über zwei Jahren trainiert der Lehrer, der selbst aus Tunesien zugewandert ist, geflüchtete Jungen im Behandlungszentrum Refugio. Sie sind zwischen neun und 15 Jahre alt und kommen aus Syrien, dem Irak, aus Georgien oder Somalia. Sie haben Krieg, Gewalt und eine häufig lebensgefährliche Flucht überlebt. In Deutschland angekommen, wohnen sie auf engstem Raum in Sammelunterkünften, ohne in den ersten Monaten eine Schule zu besuchen – und mit der Unsicherheit, ob sie in Deutschland bleiben dürfen.

Geschützter Raum: Riadh Dhaouadi hört den Jungen zu.

Psychischen Erkrankungen vorbeugen

Jedes dritte syrische Flüchtlingskind hat eine psychische Störung. Zu diesem Ergebnis kamen Münchener Ärzte bei einer Untersuchung in einer Erstaufnahmeeinrichtung. Viele der Kinder haben Schreckliches erlebt. Außerdem, so die Therapeutin Verena Wetzel von Refugio, leiden viele unter der Traumatisierung ihrer Eltern. Auch diese „sekundäre Traumatisierung“ kann die Kinder in der Entwicklung ihrer Persönlichkeit beeinträchtigen und zu psychischen Erkrankungen führen. Die Betroffenen zeigen ganz unterschiedliche Symptome. Sie haben Albträume oder leiden an Schlaflosigkeit, sind aggressiv oder ziehen sich komplett zurück. „Das sind Anzeichen der Bewältigungsversuche der Kinder, um mit der Belastung umzugehen“, so Verena Wetzel.

Um die Kinder zu entlasten und zu stärken, hat Refugio das Projekt Trauma 2.0 entwickelt. Es wird von der Aktion Mensch finanziert und umfasst neben einer Tanzgruppe für Mädchen auch Angebote für belastete Eltern. Das Fußballtraining für die rund 20 Jungen aus dem Traumaprojekt ist eine Kooperation mit Werder Bremen. Der Verein stellt den Platz und rüstet die Teilnehmer mit Trikots und Fußballschuhen aus.

Riadh Dhaouadi besucht mit den Jungen regelmäßig das Schwimmbad, kürzlich waren sie in einem Bremer Hotel zum Brunch eingeladen und haben an einem Graffitiworkshop teilgenommen. „Wir wollen die Jungen als Gruppe zusammenschweißen“, erzählt Riadh Dhaouardi. „Bei uns haben sie einen geschützten Raum und bekommen viel Aufmerksamkeit.“ Auf dem Fußballfeld, aber auch nach Spielende achtet der Betreuer auf Zeichen für eine Belastung oder Traumatisierung. „Wenn ein Junge sehr aggressiv ist oder sich schlecht konzentrieren kann, verabrede ich ein Treffen mit dem Refugio-Team“, sagt der Trainer. Verena Wetzel entscheidet dann, wie der Jugendliche unterstützt werden kann. „Wir wollen den Kindern und Jugendlichen Integration und echte Teilhabe ermöglichen“, sagt sie. Das Ziel ist hochgesteckt, aber das Refugio-Team ist auf einem guten Weg.


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