Schön gelaufen

Jeder kann schön sein? Aber klar!
Den Beweis liefern die Macher und Teilnehmer von inStyle, einem inklusiven Jugendprojekt rund um kreative Mode und cleveres Styling.

Sina

Text Dagmar Puh 

Fotos Uwe Schinkel


Zum Schluss steht Sina (16) dann doch auf dem Laufsteg des Kulturzentrums „ Die Welle“ in Remscheid: in schwarzer Gothic-Kluft, mit punkig gestylten Haaren und aufwendig geschminkt. Selbstbewusst sieht sie aus, stark und wunderschön – der Applaus will gar nicht mehr aufhören. Drei Tage vorher, bei der Generalprobe, stand der Auftritt noch auf der Kippe. Sina war nicht erschienen; Lampenfieber und Selbstzweifel hatten sich breitgemacht: Sollte sie wirklich vor Publikum über den Catwalk laufen – mit ihrer Figur? „Ich hoffe, sie kneift nicht“, hatte Geli Schulze, Leiterin des Jugendprojekts inStyle, dessen Abschluss und Höhepunkt die Modenschau bildet, besorgt gesagt. „Wäre unheimlich schade, wenn sie sich dieses Erlebnis nehmen würde.“ Jetzt sitzt Geli Schulze strahlend in der ersten Reihe und feuert das junge Model mit Pfiffen und Bravorufen an.

Sich selbst und sein Leben gestalten

Sina ist eine von 20 Jugendlichen mit und ohne Behinderung, die sich im Rahmen von inStyle ein Jahr lang intensiv mit Mode und Aussehen beschäftigt haben. Kein Projekt à la „Topmodels“, bei dem es um Luxusklamotten und vermeintlich perfekte Körper und Gesichter geht, im Gegenteil: „Viele unserer Teilnehmer sind eben gerade keine Modeltypen und haben auch nicht besonders viel Geld für Mode übrig“, schildert Geli Schulze. „Sie sehen die ‚Reichen und Schönen‘ in den Medien und erleben diese Vorbilder als unerreichbar weit entfernt.“ Und sich selbst im Vergleich oft als hässlich und chancenlos.

Aurora

Diese Wahrnehmung wollte das inStyle-Team ändern, indem es den Teilnehmern zeigte, wie sie ihre Vorstellungen von gutem Aussehen verwirklichen können. Und ihnen dabei ganz nebenbei vermittelte, dass man sein Leben auch über den Kleiderschrank hinaus selbst gestalten kann.

Der Startschuss für das inklusive Modeprojekt, das von der „Welle“ mit Unterstützung der Aktion Mensch (Fördersumme: 49.969 Euro) und der integrativen Gruppe der Kirchengemeinde Lennep durchgeführt wurde, fiel im Mai 2013. Via Werbeflyer, Artikeln in der Lokalpresse und Infoveranstaltungen in Schulen waren schnell 16 junge Frauen und vier junge Männer gefunden, die Lust hatten, ihren eigenen Look zu kreieren. Von Design und Nähen, Schminken und Stylen hatten die meisten vorher keine Ahnung.

„Zuerst haben wir überlegt, wie wir überhaupt aussehen wollen und uns im Internet, in Zeitschriften und Läden umgeguckt“, erzählen Aurora  (15) und Nora (16). Dabei lernten die beiden Schülerinnen auch Angebote wie Kleidertauschbörsen und Secondhandläden kennen, die den Modekonsum nicht nur günstiger, sondern auch nachhaltiger machen. Dann ging es richtig los: Stoffe bedrucken und zuschneiden, Accessoires wie Taschen und Mützen nähen, Fundstücke aus dem Secondhand nach den eigenen Ideen umgestalten, ganze Kleidungsstücke schneidern.

Florian

Das Spektrum der Modeträume, die die Jugendlichen verwirklicht haben, ist breit: Elisabeth (23) kreierte das Rüschenkleid, das sie schon immer haben wollte. Ben (15) entdeckte den Anzug für sich und änderte ein Secondhandmodell nach seinen Vorstellungen um. „Kratzt ein bisschen, ist aber total cool“, meint er. Und Sina konnte nicht nur ihren Traum vom Gothic Girl wahr machen, sondern hat auch ein alltagstaugliches Outfit für die Schule geschneidert.

Übrigens drehte sich im Projektjahr nicht alles nur um Kleidung. So konnten sich die Jugendlichen von einer Friseurin und Visagistin professionell stylen lassen und ihre Fragen rund um Haut und Haar loswerden: Welche Frisur passt zu meinem Typ? Wie geht der perfekte Lidstrich? Was tun, wenn die Haare mal fettig sind? Und wie bekommt man Pony oder Haarspitzen selbst in Form, wenn das Geld für den Friseur fehlt? Auch ein Lauftraining für den Catwalk stand auf dem Programm. Kein Schnickschnack, sondern Lebenshilfe, denn das Training schult die Körperwahrnehmung, verbessert die Haltung und hilft so dabei, selbstbewusster aufzutreten und sich sicherer zu fühlen.

„Unsere Teilnehmer haben den Mut gehabt, sich neu zu erfinden und ihre Ideen in die Tat umzusetzen“, meint Geli Schulze. „Mag sein, dass sie nicht alle Fertigkeiten, die sie gelernt haben, weiterführen werden. Aber das Erleben von Wahlfreiheit, Selbermachen und Gelingen wird bleiben – und ein paar ziemlich coole Kleidungsstücke!“


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