„Wenn ich abschalte, dann mache ich Musik“

Dr. Ulrich Schneider ist Hauptgeschäftsführer beim Paritätischen Wohlfahrtsverband. Mit den Redakteuren vom Ohrenkuss spricht er über Gitarrespielen im Garten, Facebook-Freunde und seine Vorstellung vom Glück.

Ulrich Schneider und Ohrenkuss-Autoren gehen durch die Straßen Bonns

Interview: Angela Fritzen, Johanna von Schönfeld, Julian Göpel, Daniel Rauers, Martin Weser

Fotos: Ayse Tasci-Steinebach

 

Guten Tag, Herr Schneider. Wir begrüßen Sie zum Ohrenkuss-Interview. Danke, dass Sie uns auf einem Spaziergang durch Bonn begleiten. Wir haben uns überlegt: So wird das Interview abwechslungsreicher.

Wir haben gehört: Sie haben in Bonn studiert. Was haben Sie hier studiert?

Ich habe hier 1979 ein Jahr lang studiert. Erziehungswissenschaften und Religionswissenschaften. Das hat mir riesigen Spaß gemacht. Aber dann bin ich umgezogen.

Was hat daran Spaß gemacht?

Na ja, es war das erste Mal, dass man von zu Hause ausgezogen ist. Niemand erklärt einem, wann man aufzustehen hat (lacht) und wann man ins Bett zu gehen hat. Ich war das erste Mal in einer eigenen Wohnung mit anderen Studenten zusammen. Das war ein völlig neues Lebensgefühl und hat Spaß gemacht. Das Studieren war aber auch interessant.

Mögen Sie Bonn? Was gefällt Ihnen an der Stadt?

Der Rhein ist das allerschönste von Bonn. Ein wunderschöner Fluss. Wir haben in Berlin auch viel Wasser, aber eben keinen so tollen Fluss. Ich mag auch die Mittelgebirge hier im Umland mit den Burgen, die man sich anschauen kann. Das ist einfach hübsch.

Besuch beim neuen Beethoven-Denkmal im Rheinpark – von Bonnern gern auch „Knethoven“ genannt.

Seit kurzer Zeit gibt es diese neue Beethoven-Figur in Bonn, vor der wir jetzt stehen. Der Künstler Markus Lüpertz hat sie gemacht. In Bonn wird viel darüber geredet. Manche Menschen finden, sie ist toll geworden, das ist Kunst. Andere finden, das ist Quatsch, sie mögen die Statue nicht.

Ich finde sie toll, weil sie Quatsch ist. Sie ist lustig. Wenn man Statuen auf öffentliche Plätze stellt, dann sollten sie lustig sein.

Die Zeitung „Express“ schreibt: „Das ist nicht Beethoven, das ist Knethoven“. Was sagen Sie dazu? Und wie gefällt Ihnen die Skulptur?

Sie bringt mich zum Lachen, deshalb finde ich sie schön. Sie ist eigenwillig, mutig, aber vor allen Dingen macht sie gute Laune. Das ist doch auch die Hauptsache, oder?

Jetzt kommt eine schwierige Frage: Was ist Kunst? Und: Was ist Kunst für Sie?

Oh, Gott. Das ist ein gemeine Frage (lacht). Die ist schwierig zu beantworten. Ich glaube, Kunst ist alles, wovon jemand behauptet, es sei Kunst. Wenn Sie ein Bild malen und sagen, es sei Kunst, dann ist es Kunst. Wer würde widersprechen wollen.

Haben Sie ein Lieblingskunstwerk?

In meinem Büro hängen vier große Bilder, die alle von dem Berliner Maler Matthias Koeppel stammen. Der malt lustige Sachen, zum Beispiel Hinterhoffeste mit tanzenden Leuten. Oder große Feste auf Wiesen, bei denen die Menschen gemeinsam an großen Tischen sitzen und essen und trinken. Alle lachen und sind gut gelaunt. Das sind meine Lieblingsbilder. Sie sind Chef beim Paritätischen Wohlfahrtsverband. Was tut diese  Organisation? In erster Linie helfen wir Menschen, die anderen helfen wollen. Zum Beispiel sagen diese Menschen, wir wollen einen Kindergarten aufmachen, ein Pflegeheim betreuen, ein Jugendzentrum eröffnen. Wenn Menschen das vorhaben, dann fragen sie uns um Rat. Und dann helfen wir ihnen, so etwas umzusetzen. Sei es, dass es ums Geld geht oder um Rechtsfragen, um Gesetze, die angewendet werden müssen.

Was genau tun Sie da?

Ah, das konnte ich schon meiner Mutter nicht erklären, was ich da genau mache (lacht). Selbst meine Kinder glauben nicht, dass ich viel zu tun haben kann. Also, ich bin der Chef der Verwaltung der Mitarbeiter, die dort tätig sind. Ich muss sehen, dass ich alles wunderbar organisiere, sodass jede Mitarbeiterin und jeder Mitarbeiter in unserer Geschäftsstelle genau weiß, was sie oder er zu tun hat. Das ist meine Aufgabe: organisieren, beraten, gucken, dass die Arbeit ordentlich läuft. Und ich muss darauf achten, dass unsere Organisation in der Öffentlichkeit, in der Politik wahrgenommen wird, dass wir uns zu Wort melden, gelegentlich auch laut sind und möglichst viele auf uns hören.

Auf der Rheinfähre

Was mögen Sie am meisten an Ihrer Arbeit?

Am meisten mag ich meine Kolleginnen und Kollegen. Das ist mir mit das Wichtigste, dass man morgens gern zur Arbeit geht, weil man dort nette Menschen trifft. Wenn die Kollegen nicht nett wären, dann würde die Arbeit niemals so viel Spaß machen.

 

Gibt es an Ihrer Arbeit auch etwas, das Sie nicht mögen?

(überlegt) Der Vorteil als Chef ist, dass man die Dinge ändern kann, die man nicht mag. Nach 15 Jahren ist eigentlich nichts übrig geblieben, das ich nicht mag (lacht).

 

Das ist aber eine Ausrede.

(noch immer lachend) Das ist wirklich so. Wenn ich etwas nicht mag, liegt es doch an mir.

 

Wen bewundern Sie?

Den Rockmusiker Neil Young, den bewundere ich sehr.

 

Sie beschäftigen sich mit dem Thema Armut. Also damit, dass manche Menschen wenig Geld haben. Warum?

Ich finde es schlimm, dass in einem Land wie Deutschland, das sehr reich ist, manche Menschen – vor allem Kinder – gar kein Geld haben. Viele Menschen haben keine Arbeit. Viele Kinder haben nicht genug Geld für Schulsachen, für den Sportverein oder um gelegentlich ins Kino zu gehen. Das finde ich völlig ungerecht und kaltherzig und schlimm. Das ist der Grund, warum wir sagen, das muss sich ändern. Deswegen beschäftigen wir uns damit und machen so einen Rabatz.

 

Sind Sie manchmal leichtsinnig?

Ich glaube nicht. Ab einem bestimmten Alter hat man relativ viel Erfahrung und weiß, was gefährlich ist und was nicht. Ich glaube, Leichtsinn ist etwas, das die jüngeren Menschen auszeichnet.

 

Können Sie pfeifen?

Nee! Ehrlich. Das klingt bei mir nach gar nichts. Ich bin einer der wenigen Menschen, die nicht richtig pfeifen können (lacht). Was ich kann: mit zwei Fingern pfeifen. Das klingt aber eher so wie ein Windzug.

 

Haben Sie eine Facebook-Seite?

Ja.

 

Ohrenkuss hat auch eine Facebook-Seite. Wir haben 5.358 Fans. Wie viele Fans haben Sie?

Ich glaube etwa 5.750.

 

Nutzen Sie Facebook oft?

Ja. Jeden Tag gucke ich mal rein. Das kostet ja nicht viel Zeit und lässt sich bequem machen, wenn man im Bus sitzt oder in der S-Bahn. Ich poste auch jeden Tag etwas; nur nicht, wenn ich im Urlaub bin.

Was wollen Sie ändern?

Am liebsten würde ich die Dinge so verändern, dass alle Menschen hier in Deutschland gerecht behandelt werden und so viel haben, wie sie brauchen, um ordentlich leben zu können. Das wäre das Schönste, das mir einfällt.

 

Was haben Sie von anderen Menschen gelernt?

Zuzuhören. Das muss man lernen. Sonst bleibt man ziemlich lange ziemlich dumm. Außerdem habe ich von anderen gelernt, mich auszudrücken. Und ich habe gelernt, Rücksicht zu nehmen auf andere, aber auch zu sagen, was ich mir wünsche und was ich will. Damit darf man nicht hinterm Berg halten.

 

Was tun Sie, um abzuschalten?

Wenn ich abschalte, dann mache ich Musik.

 

Wir haben gelesen, Sie spielen Gitarre in einer Band. Welche Art von Musik spielt die Band?

Blues und Rock.

 

Wie heißt denn die Band?

Dude“. Das heißt so viel wie Kollege.

 

Wir machen dieses Interview für die Aktion Mensch. Deshalb stellen wir diese Frage: Können Sie uns erklären, was Inklusion bedeutet?

Inklusion bedeutet, dass in der Gesellschaft alle Menschen, egal, ob groß, ob klein, ob dick, ob dünn, ob mit einer Behinderung oder ohne Behinderung, ob deutsch sprechend oder nicht deutsch sprechend, ob superintelligent oder nicht so intelligent, ganz selbstverständlich miteinander leben und Spaß haben und miteinander ihren Alltag gestalten.

 

Gibt es etwas, bei dem Sie sich ausgeschlossen fühlen?

Die Damensauna. Ein Scherz (lacht). Ich habe den Eindruck, da, wo ich mich wohlfühle, da kann ich auch überall mitmachen. Und da, wo ich nicht mitmachen könnte, bei den Superreichen mit ihren superteuren Restaurants und Segeljachten, da würde ich gar nicht mitmachen wollen. Deswegen fühle ich mich da auch nicht ausgeschlossen. Die sollen mal unter sich bleiben.

 

Was bedeutet Glück für Sie?

(überlegt lange) Glück ist für mich, zufrieden zu sein, seine Ruhe zu haben, im Garten zu sitzen, Gitarre zu spielen. Keinen Stress zu haben, das ist für mich schon eine tolle Sache. Da bin ich bescheiden. Das ist für mich schon Glück.

 

Was bedeutet Leichte Sprache?

Sich so auszudrücken, dass jeder einen versteht.

 

Was ist das Wichtigste, das Sie Ihren Kindern beigebracht haben?

Fahrradfahren! Das war ungeheuer wichtig für meine Kinder. Mein Sohn konnte es schon mit zwei Jahren. Da war er so stolz drauf. Meiner Tochter habe ich geholfen beim Lesenlernen, sodass sie auch in der Schule gut mitkam. Das war für sie wichtig.

 

Gefällt es Ihnen, älter zu werden?

Bis ich 40 Jahre alt wurde, hat mir das gut gefallen. Danach nicht mehr so. Dann tut einem das eine oder andere mal weh. Man hat mehr Zipperlein, braucht mehr Schlaf und muss mehr auf sich achten.

 

Was ist für Sie das Wichtigste, das Sie in Ihrem Leben erreicht haben?

Eine tolle Familie zu haben.

 

Was haben Sie noch vor?

Im September werde ich ein Buch veröffentlichen über Soziales, den Sozialstaat und über Menschlichkeit. Und dann ist noch geplant, dass ich mit meiner Band in Berlin auftrete.

 

Vielen Dank für das Gespräch, Herr Schneider.


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