Ich wollte mal Trapezkünstlerin werden

Lange Nächte im Deutschen Bundestag und wenig Zeit für Hobbys: Politikerin Ulla Schmidt ist viel unterwegs. Das Ohrenkuss-Team traf sie am Flughafen Köln-Bonn.

Intensiver Austausch: Die Ohrenkuss-Redakteure sprachen mit der Politikerin über private und berufliche Themen.

Interview: Anna-Lisa Plettenberg, Julia Bertmann, Paul Spitzek
Fotos: Sandra Stein

Treffpunkt Flughafen: Gerade ist eine Maschine gestartet.
 

Guten Tag, Frau Schmidt. Schön, Sie zu treffen. Ist „Ulla“ eigentlich Ihr richtiger Vorname? Oder ist es eine Abkürzung?
Mein richtiger Vorname ist Ursula. In meiner Familie haben mich alle Uschi genannt. Auf der Realschule hatte ich dann drei Mitschülerinnen, die ebenfalls Ursula hießen. Um uns voneinander zu unterscheiden, hat unser Englischlehrer eine Ursula genannt, eine andere Uschi, die dritte Ursel. Für mich blieb dann Ulla übrig. Nachher haben sich alle so daran gewöhnt, dass Ulla Schmidt jetzt mein Name ist. Nur meine 95-jährige Tante, die ich am Sonntag besucht habe, sagt immer noch: „Uschi, wie schön, dass du da bist.“
 

Womit haben Sie als Kind am liebsten gespielt?
Ich habe sehr gerne gelesen. Besonders viel Spielzeug hatten wir ja auch nicht. Wir haben oft auf der Straße gespielt, sind zum Beispiel Rollschuh oder Roller gefahren. Oder wir haben uns irgendetwas gebaut. In Aachen gibt es jedes Jahr ein großes Reitturnier. Wir Kinder haben auch Reitturnier gespielt, haben uns mit Backsteinen und Stöcken Hürden gebaut und sind dann als Pferd darübergesprungen. Es gab damals viele freie Flächen und Möglichkeiten, draußen zu spielen. Es war ja noch sehr viel zerstört durch den Krieg. Und die Wohnungen waren klein.
 

Treiben Sie Sport? Und wenn ja, welche Sportarten?
Ich schwimme gerne. Wenn ich kann, schwimme ich oder ich laufe, also laufen im Sinne von schnell gehen. Laufen und Schwimmen, das sind eigentlich meine Lieblingssportarten.
 

Seit 2012 sind Sie Bundesvorsitzende der Lebenshilfe. Können Sie uns sagen, warum Sie sich für Menschen mit geistiger Behinderung einsetzen?
Weil ich einfach weiß, über wie viele Fähigkeiten sie verfügen, und weil es meiner Meinung nach wichtig ist, dass wir in der Gesellschaft deutlich machen, dass es normal ist, verschieden zu sein! Jeder kann seinen Reichtum in die Gesellschaft einbringen. Bundesvorsitzende bin ich geworden, weil ich gefragt wurde. Dann habe ich überlegt, ob ich das machen will und gesagt: „Ja, ich mache das.“ In diesen vier Jahren habe ich eine Menge gelernt. Zum Beispiel habe ich Sie kennengelernt, die Redaktion Ohrenkuss.
 

Engagiert:  Ulla Schmidt im Gespräch, hier mit Anna-Lisa Plettenberg (links) und Julia Bertmann.

Was ist Ihre Aufgabe als Vizepräsidentin des Bundestages?
Es sind viele Aufgaben. Zum Beispiel wechseln wir uns im Präsidium alle zwei Stunden in der Leitung der Sitzung ab. Wenn Debattentag ist, beginnt der Bundestag ja morgens um 9 Uhr. Oft endet er nachts um 23 Uhr oder 0 Uhr. Es kann auch schon mal 4 Uhr morgens werden. Ich habe einmal an meinem Geburtstag morgens um 1:30 Uhr eine Rede halten müssen. Aber auch sonst habe ich als Vizepräsidentin viele Aufgaben. Alles, was die Rechte von Abgeordneten angeht, oder ausländische Gäste zu empfangen. Außerdem will ich einen barrierefreien Bundestag durchsetzen. Schon jetzt gibt es Übersetzungen in Gebärdensprache und eine Führung in Leichter Sprache. Ich finde es wichtig, dass es zum Beispiel auch beim Tag der Offenen Tür im Bundestag Angebote in Leichter Sprache gibt. Ich will auch, dass wir mehr tun für Menschen, die nicht sehen können, und für diejenigen, die im Rollstuhl kommen. Das ist eine große Aufgabe. Vieles haben wir schon erreicht, aber wir haben noch viel mehr zu tun.

Auf Ihrer Internetseite gibt es auch Texte in Leichter Sprache. Können Sie in Leichter Sprache schreiben?
Ich glaube schon, aber ich würde nicht die Hände dafür ins Feuer legen, dass ich alles hundertprozentig richtig schreibe. Die Lebenshilfe war ja so vor drei, vier Jahren, als ich anfing, auch nicht gerade Vorbild, was Leichte Sprache angeht. Das musste sich alles erst entwickeln – die Zeitung, die Internetseite und alles, was wir machen. Und auf Bundestagsebene habe ich mich dafür eingesetzt, dass die Zeitung „Das Parlament“ immer auch eine Beilage in Leichter Sprache herausbringt. Bei Verwaltungen muss man immer sehr stark kämpfen, weil viele sagen: „Das liest doch keiner!“ Da habe ich gesagt: „Menschen mit Behinderung wollen auch informiert werden über politische Fragen. Sie interessieren sich nicht nur dafür, ob mal wieder ein neuer Behindertenausweis rauskommt.“ Außerdem lesen das viel mehr Menschen. Ältere Menschen zum Beispiel wollen auch nicht immer lange Texte lesen.

Wollten Sie schon als Kind Politikerin werden?
Nein. Das war nie meine Lebensplanung. Ich wollte Ärztin in Afrika oder Tierärztin im Urwald werden. Und ich wollte mal Trapezkünstlerin werden, weil ich den Zirkus sehr schön fand. Aber ich habe mich immer viel politisch engagiert, war sehr früh in der katholischen Kirche aktiv und habe mit 14 Jahren angefangen, dort mit Kindern und Jugendlichen zu arbeiten. In der Schule war ich Klassensprecherin, habe früh an Demonstrationen gegen den ­Vietnamkrieg teilgenommen. Nach dem Studium war ich im Referendariat Sprecherin. Als ich in die SPD eingetreten bin, habe ich gesagt: Ich möchte nichts Besonderes mehr machen, doch das hat sich dann schnell geändert.

Herzlicher Abschied: Nach dem Gespräch flog Ulla Schmidt weiter nach Berlin.

Können Sie ein Instrument spielen?
Leider nicht. Meine Mutter war Mandolinenspielerin und ich hätte gern ein Instrument gespielt. Ich hatte mal eine Gitarre. Aber ich konnte sie nicht mal richtig stimmen. Ich dachte immer, es sei richtig, aber die anderen meinten: „Oh Gott, das hört sich ja furchtbar an!“ Alle haben gesagt, ich sei dafür nicht begabt genug.

Haben Sie ein Haustier?
Ich lebe mit meiner Schwester in einem Haus. Sie hat einen Hund. Wenn ich in Aachen bin, dann kann ich am Wochenende, wenn ich nicht ganz früh schon Termine habe, mit dem Hund spazieren gehen. Insofern habe ich ein geliehenes Haustier.

In Ihrem Beruf müssen Sie sich immer schick anziehen. Ziehen Sie privat andere Sachen an?
Ich bin ja fast immer im Beruf. Zu Hause ziehe ich natürlich, wie jeder andere, eine ganz bequeme Hose an. Aber wenn ich rausgehe, ist es meistens doch immer öffentlich und dann muss ich „angezogen“ gehen. So wie zu Studentenzeiten in der Schlabberhose schnell Brötchen holen, das mache ich heute nicht mehr. Dann würde bestimmt jemand kommen und mich fotografieren und das Bild in die Zeitung setzen mit der Unterschrift: „Gucken Sie mal, wie die rumläuft!“

Wie gut kennen Sie Ihre Nachbarn?
Da, wo ich jetzt wohne, lebe ich schon fast 40 Jahre, da kennt man seine Nachbarn gut. Ich bin in Aachen geboren und aufgewachsen, habe dort die Schule besucht und studiert. Ich hatte in Aachen auch mal eine Stelle als Lehrerin an einer Sonderschule, wie es damals noch hieß. Und ich war im Rat der Stadt.


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